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Gegengeschenk brauchen können, um es etwa im ver-borgenen Schoße eines Volkskalenders als schlechten Holz-schnitt zu verwenden. Das ist auch so ein Stück opfer-unfähiger und — sagen wir — rücksichtsvoller Gelassen-heit, die sich scheut, die volle und ganze Wahrheit, welcheder Welt doch so noth thut, ihr im ungeschminkten, ge-treuen Bildspiegel vorzuhalten.
Unsere Zeit hat überhaupt, was das angeschnitteneKapitel angeht, viel Ähnlichkeit mit dem nach äußererGestalt und innern: Gehalt absterbenden Mittelalter.Nur mit Ach und Krach nach Tage und Jahre langemBereden von Seite der vornehmern Stifter brachte endlichim Jahre 1519 die Nürnberger Bürgerschaft das zurEntlohnung des Meisters Peter Bischer erforderliche Geldzusammen, damit das zum Ehrendenkmal ihres Schutz-heiligen bestimmte St. Sebaldusgrab in der Kirche desHeiligen aufgestellt werden konnte. „ES hat gewogen anMessing 157 Ctr. 29 Loth und kostete der centhnerdaran 20 fl.: thut in Summa 3145 fl." Seit dem Jahre1507 hatte dieser berühmteste deutsche Erzgießer an dieHerstellung des Grabmals, als eines der kunstvollstenWerke der Welt in dieser Technik, sein ganzes künstler-isches Können gesetzt. — Wenn Albrecht Dürer in Italien sich als Herrn, in seiner deutschen Vaterstadt aber alsKnecht fühlte, so erging es seinen besten Standes- undHeimathsgenossen noch viel trauriger. Michael Wohl-gemuth, der bedeutendste Maler und Zeichner — auchBildhauer — deS XV. Jahrhunderts, konnte sich mitseiner Familie nur durch mehr oder weniger handwerks-mäßige Massenproductionen — unter denen aber dochmanche Perlen deutscher Kunst — hochhalten. AdamKrafft , der Bildner der weltberühmten „Nürnberger hl.Stationen", des wunderbaren „Sakramentshäuschens" inSt. Lorenz zu Nürnberg und anderer höchst bedeutungs-voller Steinbildwerke, starb in Armuth im SchwabacherSpitale, und seine Wittwe mußte ihr Häuschen zur Be-friedigung der Gläubiger verkaufen. Weit Stoß, derberühmteste Name aller Holzschnitzer, einer der zartestenund innigsten Darsteller von Madonneubildnissen, wurdeaus Noth sogar ein gebrandmarkter Urkundenfälscher.Hans Holbein der Aeltere, unstreitig einer der vor-nehmsten und edelsten Maler echt christlicher Darstellungen,dessen Gemälde unbezahlbar geworden, lebte in Augsburg in solch drückender Armuth, daß er noch in den letztenJahren seines Lebens, oft wegen geringfügiger Summen,wiederholt ausgepfändet wurde. Da ist denn nur na-türlich, daß sein Sohn, der ebenso berühmte Hans Hol-bein der Jüngere, sobald er zur Selbständigkeit erwachsen,sich aus dem deutschen Staube machte, um nie wiedernach seiner Vaterstadt zurückzukehren. Fand er doch inder Schweiz und in England , was er suchte, Ruhm undVerdienst. Die vorhin Genannten konnten es bis aufDürer, den Leistungsfähigsten von ihnen, trotz ihrer genialenunermüdlichen Arbeitskraft, mit der sie so zahlreiche, un-übertreffliche Werke schufen, nicht dahin bringen, nebendem ihnen billig geschenkten Ruhm auch jene sorgenfreieExistenz zu erringen, die solche Künstler für diese Gottund die Menschen erfreuenden Werke zur gesichertenGrundlage fröhlichen rüstigen Weiterschaffens verdienthätten. Mit ihrem Tode erstarb aber auch die vornehmsteBlüthe religiöser Kunst in Deutschland .
Wie zu den Zeiten, der genannten großen Altmeisterherrscht auch heute wieder vielfach ein gewisses Aus-beutungssystem der bessern producirenden Kräfte, die ge-rade auf dem vorwürsigen Gebiete und von der Seite,
die dies am wenigsten zulassen, noch weniger aber selbstdirekt befördern sollte, höchst bedauerlich ist. Bei diesemSystem kann die christliche Kunst nicht gedeihen. Siegeht keinen Schritt vorwärts, vielmehr, wenn nicht eineallgemeinere kräftige Reaktion eintritt, den unvermeidlichenKrebsgang bis zum bloßen segenslosen Hand- und Fabrik-werk. Es ist ja freilich auch richtig, daß die Mittel fürKunstzwccke gerade bei den noch am meisten christlich ge-sinnten mittlern und niedern Ständen immer mehr zu-sammenschrumpfen. Aber auch zur Zeit der Blüthe derchristlichen Kunst „stand man nicht bei vollen Geldsäcken",wie August Neichensperger bemerkt. Es kommt daherumsomehr daraus an, die noch vorhandenen Mittel zu-sammenzuhalten und in rechter, die wahre Kunst fördern-der Weise zu verwenden. Sind bloß ein paar tausendMark vorhanden, so kann man damit nicht gleich eineganze Kirche mit reichem Bild- und Figurenschmuck vonKünstlerhand ausstatten wollen. Da muß man sich vor-läufig mit dem einen oder andern Kunstwerk begnügen.Und es ist immer besser, wenn eine Kirche auch nur eineeinzige würdige, wahrhaft lebens- und wirkungsvolleKunstschöpfung, die der Künstler mit innerer Lust undAndacht gleichsam aus seinem Herzen erzengt hat, besitzt,als wenn die ganze Kirche mit handwerksmäßiger, nichts-sagender Kunstwaare, wenn sie auch noch so goldigglänzte, überfüllt wäre.
(Fortsetzung folgt.)
Ueber die frühchristlichen Thiersymbole vonAchmim-Pauopolis in Overägypten und inden Katakomben.
Studie von Dr. G u st av A. M üllcr, MuseumSbevollm. undHerausgeber der „Autiquitäten-Zeitschrift" in Straßburg i. E.
(Fortsetzung.)
Der Löwe.
Die Bedeutung der Funde von Achmim für dieKenntniß des christlichen Alterthums kann uns schon dasSymbol des Löwen lehren. Noch 1879 mußte F. X.Kraus in seiner trefflichen sottsrranea" be-
kennen: „auf altchristlichen Monumenten ist derLöwe mit Sicherheit nicht nachzuweisen." Allerdingswar der Löwe, das natürliche Sinnbild der Stärke, derMacht, des Muthes, dem christlichen Jdeenkreis nichtfremd: faßt ihn doch Augustinus als Symbol Christi,des Löwen vom Stamme Juda, auf, und kannte mandarnach doch den Löwen — Christus als Gegensatz zumbrüllenden Löwen — Widersacher, ähnlich, wie wir einenJchthys — Christus und einen Jchthys — Satan kennen, undwie wir im Adler ein gutes und ein böses Motiv vor-gefunden haben. Man kann wohl nicht die Rarität desLöwen auf altchristlichen Monumenten des Abendlandesdamit erklären, daß man sagt, hier sei der Löwe keineinheimisches und dem Vorstellungssinn vertrautes Thiergewesen. Das ist er auch für uns nicht und war er imErnste betrachtet auch für den ägyptischen Christen nicht.Im Gegentheil: der römische Christ kannte den Löwensehr gut aus der Arena, und der Ruf „uä Isouss«gellte ihm eine Zeit lang in den Ohren, wie ein schreck-licher Schlachtruf. Ich halte das für bedeutsam. Wohlnimmt Paulus schon und nahm die älteste Monumental-sprache mit Vorliebe ihre Symbolik und ihre Vergleicheaus der Palaistra, dem Stadion, der Arena: allein wiees den Christen lange widerstrebte, den Kreuzestodihres Erlösers in seiner damaligen Schmachbedeutung