Ausgabe 
(24.5.1894) 21
 
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Petra und Bosra ), welche vom II. Jahrhundert v. Chr.bis zum IV. n. Chr. diese Schreibeübungen verübt haben.Der Inhalt ist meist derselbe:Friede und Glück! N. Sohndes R., Sohn des N.", oderErwähnt werde R. Sohndes R. rc." Einige sind datirt, gerechnet wird nach derEparchie oder der Aera von Bosra , welche im März 105n. Chr. beginnt. Einige wenige sind griechisch, daruntereine interessante. Ein Diakon Job hatte sich urschriftlichverewigt. Daneben schrieb ein christenfeindlicher Soldat:Lullon §6nos tuto e§c» stratiotss sZrupsa.:Einschlimmes Geschlecht das, ich der Soldat habe es ge-schrieben." Den Inschriften sind auch Zeichnungen bei-gefügt, welche in ihrer Ausführung an die Nandzeich-nungen aus dem Schreibhefte des kleinen Moritz erinnern.Kamele, Esel, Männer, auch die Sonne und der Mondwurden oft in großer Zahl auf die geduldigen Stein-blöcke geritzt. Beer, Tuch, Palmer, Euting, Lepsiushaben sich um Sammlung, Veröffentlichung und Ent-zifferung diesesFremdenbuches" verdient gemacht.

Eine halbe Stunde vor dem Ende des Thales wehtemir die deutsche Fahne von der Spitze meines Zeltesentgegen, und da wir früh daran waren, hatte ich Zeit,die Steinblöcke in der Umgebung meines Lagers genauanzusehen.

Dinstag den 13. März mußten wir wieder einenPaß überschreiten und gelangen bald in das vom Meeresich heraufziehende Wadi Uran, dessen schwarzgraueGranitmauern steil abfallen und ein unheimliches,drückendes Gefühl erregen. In diesem Thals ist dieWüste Sin nach meiner Ansicht zu suchen, wie auch dienächsten zwei Lagerplätze.

Hier wäre also zum ersten Male das Manna ge-fallen. Alle Jahre im Sommer wird von den Beduinenein Harz, welches sie Man nennen, gesammelt und nachKairo zum Verkauf gebracht. Dieses Man, welches auchim Tempellaboratorium von Edfu (gebaut unter denPtolemäern) als Manu (oder Mann») bezeichnet wird,rührt von dem Stich eines Jnsectes (Ooocms manni-xurus) in die Rinde des Tarfastrauches (eine Tamarisken-art) her. Aus den Stichwunden träufelt der Saft aufden Sand und verhärtet sich dort. Man vergleiche dieseGenesis mit dem Berichte der Bibel, und man wird finden,daß das biblische Manna denn doch etwas anderes ge-wesen sein muß. Weiter. Ich habe mir in Kairo eineziemliche Quantität Manna gekauft, und da nach denWorten der Bibel das Manna wie das Dumharz aus-gesehen und wie Koriandersamen mit Honig geschmeckthat, so habe ich mir auch diese beiden Substanzen ver-schafft. Das Ergebniß meiner Untersuchung ist: DasAussehen ist wie das von Dumharz, aber der Geschmackstimmt nicht. Aber last not Isast: als ich im Bazarder Gewürzhändler in Kairo ganz begierig auf das mirgezeigte Manna losschoß und mich anschickte, davon zuessen, warnte mich der Verkäufer gleich nach dem erstenBissen, ich solle nur sehr wenig genießen, da es Diarrhöeverursache! Und davon sollen die Juden 40 Jahre langtäglich ein Omer gegessen haben!! Ich glaube, dieserletzte Grund schon allein dürfte eine Identifikation deswunderbaren Mannas mit dem Manna der Tarfastaudeverbieten. Daß dieses Harz den Namen Manna er-hielt, ist leicht einzusehen; die Süßigkeit ist das tsrtiumeomparationis.

Es geht den ganzen Tag durch dieses lange Wadiimmer auswärts, scheinbar gerade aus, aber mein Baro-meter geht immer weiter zurück, ein Zeichen, daß wir

steigen. Was ist denn ein Wadi, werdet ihr fragen?Wir hören jetzt diesen Namen so oft. Es ist nichtsanderes, als ein Thal, ein ausgetrocknetes Flußbett, dassich bei Regen in einen reißenden Strom verwandelnkann. Der Boden ist ganz mit Sand bedeckt, dazwischenliegen Steintrümmer, bald Quarz-, bald Fenersteintrümmer,die wie schwarze Glasscherben aussehen, bald Granit-,bald Sandstein rc. rc. Immer oder fast immer findetsich Vegetation, wenn auch nur spärlich. Jetzt steht allesin Blüthe. Die wohlriechende Ginster mit ihren weißenSchmetterlingsblüthen sieht wie bepndert aus, eine Wehr-muthart mit scharfem Geruch hat fast ebensoviel^ kleinegelbe Blüthen als Blätter, die eigenartigen Seyalakazien,die sanft gefiederten Tarfasträucher; muntere Eidechsleinerfreuen sich an der Sonne, bedächtig schreitet ein schwarzerKäfer, dessen kunstvolle Fallen (Trichter im Sande) unshäufig begegnen; alles vereinigt sich mit der ganzen Um-gebung zu einem Bild, das seinen Reiz hat. Am Abend,wenn der Mond alles mit grünlichem Lichte überzieht,ist es, als ob man am Ufer eines Sees stehe. DieseWadis sind sehr breit und sind die natürlichen Straßenin der Wüste. Besser geebnete Heerstraßen hätte auchder größte Bauherr der Welt, Namses, nicht schaffenkönnen.

(Schluß folgt.)

Die heilige Cäcilia, Oratorium für Soliund Chor,

mit Klavierbegleitung und verbindendem Text mit oderohne lebende Bilder. Dichtung von Franz Bonn . Musikvon Michael Haller. Op. 57?)

Z Ein ganz eigenthümlicher Hauch und Duft heiliger Poesieumschwebt und durchzieht die Legende jener römischen Jungfrauund Martyrin, von der Theodor Körner gesungen, daß sieals Meisterin in jeder Kunst der Töne dem Glauben ihr be-geistert Lied" geweiht:

Und als sie einst in tiefen Harmonien,

Ergriffen von dem liederreichen Drang,

Der cw'geu Liebe ihre Lieder sang,

Vernahm sie wunderbare Melodien.

Sie blickt empor mit frommem Ungestüm,

Da öffnen sich des Himmels goldne Pforten,

Und eS erklingt in heiligen AccordenDas Siegeslied der Cherubim.

Und schnell zerreißt sie ihrer Harfe Saiten,

Erröthet still in jungfräulicher Scham.

Da sie das Lied der Himmlischen vernahm,

Mag sie sich nicht an ird'schcn Tönen weiden,

In süßer Wehmuth bricht ihr frommes Herz;

Die Sängerin muß nach den Liedern ziehen

Und ausgelöst in hcil'gen MelodienFliegt ihre Seele himmelwärts.

Mit Recht wird die hl. Cäcilia als Patronin nicht bloßder lllrwios, saera, sondern aller heiligen Kunst betrachtet undverehrt, und es ist wohl begreiflich, wenn Dichter, Sängerund Maler gerade diese heilige Jungfrau - Martyrin,derenLeiche", um ein Wort des hochw. Bischofes Zardctti zu gebrauchen,noch im Aroma der Jungfräulichkeit der Verwesung widersteht,und deren Marmorbild auf dem Grabe in Rom den Grund-charakter jeder Schönheit, Kunst und Formvollendung, nämlichdie Vermählung von Majestät und Einfachheit, offenbart," sogerne zum Gegenstände ibrcs künstlerischen Schaffens erwählenund die größten Meister dieser Heiligen in Bild und Sang undDichtung den Tribut ihrer Huldigung gezollt haben.

Die größten Meister hat sie angeregt,

In Liedern und Gemälden allezeitSie zu verherrlichen.

ES wäre nur zu wünschen und für die Kunst dergrößte Gewinn, wenn alle ihre Jünger an diesem Idealsich bilden und begeistern würden.Ich habe mir", schrieb

*) Druck und Verlag von I. Habbel. Regensburg 1894.Partitur 3 M., Chorstimmen ü 30 Pfg., Textbuch L 40 Pfg.