Ausgabe 
(14.6.1894) 24
 
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kalöoAraxlris musioalo, auf Veranlassung des außer» ^ordentlich thätigen Herrn k. Andreas Mocquereau, desHerausgebers dieser Zeitschrift, und seiner Mitarbeiteraus dem Französischen in das Deutsche übersetzt.

In dem Titel würde ich lieber lesen: Der Einflußdes Tonaccentes (aeosntus acrutns), statt des tonischen.Daß die Psalmen als die Unterlage aller Gesänge be-trachtet und behandelt werden darüber herrscht gegen-wärtig unter den gregorianischen Aesthetikern ziemlichUebereinstimmung. In der Schrift soll bewiesen werden,daß der lateinische Tonaccent in Verbindung mit demKursus (dem prosaischen Rhythmus)einen thätigen Ein-fluß auf die melodische und rhythmische Formation dergregorianischen Phrase ausgeübt hat, daß beide (zunächstder Tonaccent) die Grundlage bilden, auf welcher dasganze Gebäude ruht, das Knochengerüste, welches diesenmelodischen Körper zusammenheilt und trägt." Was ge-zeigt werden soll, ist also nichts anderes, als was seitungefähr vier Jahrzehnten immer mehr und jetzt wohlzur allgemeinen Anerkennung kam: der liturgische Gesangist Sprachgesang; was bekanntlich mit Adam von Fulda voeos t'ormara, ckorwalas per souum rseta. xro-xortions aoasnimuro" der in Theorie und Praxis desChorals gleich erfahrene Verfasser des Nagistsr elroralis,Consultor der Nitencongregation Dr. Haberl, in dem Satzeausspricht: Singe, wie du deklamirst l Singe die Wortemit Noten so, wie du sie ohne Noten sprichst! Um nunden wesentlich oratorischen und recitativischen Charakterdes Chorals, den am wenigsten derjenige leugnet, derdie lLäitio Llaäioaeu zur Hand nimmt, oonlo8 zudemonstriren, wird in obiger Schrift eine Reihe von Ta-bellen vorgelegt, welche eine gewisse Anzahl von melo-dischen Vorbildern, die den Original-Manuscripten undverschiedenen Texten angehören, enthalten. Diese Vor-bilder werden untersucht auf ihre Beziehung zum Accente,und aus ihnen werden dann harmonische und einfacheGesetze abgeleitet, nach welchen sich die Melodien bildeten.Die Reichhaltigkeit und der Umfang der vorgeführtenUntersuchungen auf 68 Folio-Seiten ist daraus ersichtlich,daß in vielen instructiven Beispielen der Einfluß desTonaccentes auf die einfache und auf die verziertePsalmodie des Jntroitus und der Commnnio, des Tractus,des Gradnal-Nesponsoriums, des Alleluja-Verses und derNesponsorial-Verse geprüft wird. In den meisten Fällenwird zum Vergleiche dieAusgabe, Version von Negens-burg" herangezogen. Daran reiht sich § VIII S. 56:Classification und Benennung der Haupimodisicationcn,denen die gregorianischen Typen unterliegen. Das isteine ganz interessante Studie über die Umstände, durchwelche sich zahlreich und verschieden die musikalischenPerioden in Folge der außerordentlichen Beweglichkeit desliturgischen Textes ändern. Hier trägt die Abhandlungdie grammatikalische Terminologie der Sprach- oder Wort-Veränderung (der Metaplasmen) auf die Musik überund redet von 5 Arten: die Unterdrückung d. i. die Ver-minderung der Noten oder Gruppen in einer vollständigenType Aphärests, wenn sie Anfangsnoten wegläßt, Syn-kope, wenn sie mittlere Noten ausscheidet, Apokope, wennsie Schlußnoten unterdrückt; Anfügung (Pros-, Epcu-und Epithesis); Zusammenziehung d. i. Vereinigung,Zusammenziehen der Noten und Gruppen, welche dieMelodie bilden (Synäresis, Krasis und Elision); Theilungeiner gewöhnlich auf einer Silbe gesungenen nenmatischcnGruppe auf mehreren Silben; Vertauschung d. i. Unter-schieben einer Note an die Stelle einer andern.

Aber und damit komme ich zu dem, womit ichwissenschaftlich-praktisch mich nicht befreunden kannwenn gerade der Tonaccent, den k. Mocquereau mitdem Kursus die zeugenden Elemente der Melodie unddes Rhythmus nennt, einen so großen Einfluß auf dieBildung und Struktur der melodisch-rhythmischen Phrasehat, so darf nicht, wie mir scheint, der melodischen Phrase,wie sie über gleichem Texte in verschiedenen Handschriftendieselbe ist, eine so große Bedeutung zugeschrieben werden,daß sie überall gefordert wird, wo der gleiche Text inderselben tonartlichen Behandlung sich findet. Eine solcheBetonung der musikalischen Phraseologie führt zu For-malismus. Ich fürchte, dieser könnte zu einer Erstarrung,Petrefacirung drängen, welche selbstverständlich der Todeiner lebensvollen Entwicklung wäre. In jeder melodischenFormel ist der Accent das Beseelende und Belebende;die Hauptsache ist die Deklamation, der deklamirendeVortrag. Und nach dieser Richtung hin sind die Ta-bellen in Wahrheit ein apologetisches Zeugniß für dieDäitio üleäioasa; denn gerade diese wird in ästhetischschöner und correcter Weise dem Gesetze des Tonaccentes,der Deklamation, der Verständlichkeit gerecht. Man dekla-mire und singe (singe deklamirend und deklamire singend)die in den Tabellen als von den Manuscripten abweichendvorgeführten notirten Texte derVersion von Regens-burg ", und man wird sich davon überzeugen. Daß dieMelodien derNegensburger Version" mit den vorge-führtenOriginal"-Melodien identisch sein müssen, um ich sage nicht our>tu8 s. 6we§c>rii, sondernaantns ArsAvrianus zu sein, ist von vorneherein einexstitio prinolxii; denn es ist schon öfters darauf hin-gewiesen worden, daß man deßwegen, weil die Manu-scrtpte des 9. Jahrhunderts übereinstimmen mit denendes 11. Jahrhunderts, nicht schließen dürfe, daß die des9. die Originalmelodien des 6. und 7. Jahrhundertswiedergeben beim gänzlichen Mangel von Musik-Notenaus der Zeit vom 7. bis 9. Jahrhundert. Vgl. dazuDuchesne, oi-ig-ins du orüts ollrätion x. 98.

Freilich finden wir in der Iläitic) Llsäioasa eineVereinfachung von z. B. 40 Noten über einem Worteauf 20, von 30 auf 10, von 20 auf 6. Allein, daeben der Melodie bildende Tonaccent die Hauptsache ist,wird das doch nichts wesentlich Tadelnswerthes sein undist selbstverständlich im Interesse des praktischen Gesangessogar ein großer Vorzug. Was gehört für eine seltenevirtuose Gesangskunst dazu, um ästhetisch schön und cor-rcct, wohl gruppirt, in gesetzmäßigen Distinktionen einemelodische Phrase von 30 und 40 Noten (um nicht einegrößere Zahl zu nennen) über einem Worte zu singen?Da es außerdem erwiesen ist (vergl. Dr. Haberl, Gio-vanni Pierluigi da Palestrina und das Oraäuals Ho-inanum der Läitio NeäieaeL von 1614, Pustet, Re-gensburg 1890), daß unser gegenwärtiges officielles(Iracknals, das bei Pustet erschienen, nichts anderes ist,als ein Neudruck der von Palestrina revidirten und vonder Nitencongregation approbirten Lclitio Nackioaea, soist es doch sehr gewagt, vonSchwerfälligkeit",Unge-schicklichkeit", vonverächtlichem und unverständlichemKauderwälsch" derNegensburger Version" zu reden;kann man denn wirklich annehmen, daß ein Palestrina ,Guidctti, Suriano, Anerio in der Theorie und Praxisder gregorianischen Melodie-Bildung so unwissend undästhetisch roh und verwildert gewesen wären? Daß z. B.Palestrina in seinen Kompositionen ganz gregorianischempfand und darstellte, kann der verdienstvolle Heraus-