selben gehegt hatte, ließ er sich in London durch seineFreunde — welche Kaspar Häuser niemals gesehen hatten
— insbesondere durch Joh. Philipp Frhrn. v. Wessenbcrg,österreichischen Gesandten in London (s. dessen Brief anStantsrath v. Klüber vom 10. Nov. 1832, worin dievon Stanhope citirten Worte: „I-s jsuna lloinma saitplus HU6 v6ux Hui üerivsut clss livrss sur lui, uinisil us vöut pas parier, stloute 1a ^uestiou sst 1L",wiederkehren, L. I, 281 f., vgl. Stanhope an Hickel,Chevening 8. März 1833, bei Meyer, Kaspar Häuser1881, S. 114 A.), völlig umstimmen und von der Ab-sicht, die (ihm selbst gewidmete) Schrift Feuerbachs inEngland zu publizircn, um so eher abbringen (s. Stan-hope's Brief an Fcuerbach, London 5. Okt. 1832, beiMeyer, Kaspar Häuser 1881, S. 108 f. A.), als einezweite Reise Hickels nach Ungarn im Frühjahr 1832 nichtzu dem von Stanhope gewünschten Resultat geführt hatte(s. Stanhope's Brief an Hickel, Chevening 24. Mai 1832,a. a. O. S. 96 f. A.). Statt dessen übersandte er,um seine Zweifel zu beschwichtigen, mit Brief vom 5. Okt.1832 an Feuerbach 27 Fragen zur Beantwortung, diewohl ebenfalls von seinem Freund von Wessenberg auf-gesetzt waren (Es sind dieselben, welche Stanhope am4. Januar 1834 um drei weitere vermehrt dem Unter-suchungsgericht in München vorlegte, s. M. 387 f.).Aber noch im Brief vom 8. März 1833 erklärte erHickel gegenüber, daß er an die Hauptsache „daß Häuserder Natur und den Menschen entzogen wurde" selbstglaube, und daß sie ihm „niemals eine Erdichtungoder Betrügerei zu sein schien" (s. M. Kaspar Häuser1881, S. 113 f. A.). Erst nach dem Tode des KasparHäuser, den er inzwischen nicht mehr gesehenhatte, trat er offen als Ankläger gegen denselben aufund unterstützte sogar den Polizeirath Merker mit Ma-terial! (s. die von Stanhope selbst publicirten „Materialienzur Geschichte Kaspar Hausers." Heidelberg 1835, S. 43 f.und 81 f.).
16) Gendarmerielieutenant Joseph Hickel lernte, wennwir seiner Versicherung in dem fingirten Brief vom 20.Juni 1828 trauen dürfen, Kaspar Häuser im Juni 1828in Nürnberg kennen, wurde aber erst 10 Tage nach demAttentat vom 17. Oktober 1829 der Untersuchungscom-mission in Sachen des Kaspar Häuser zum Behufe vonRecherchen beigegeben (M. 505). Noch iui Jahre 1833glaubte Hickel fest an die merkwürdigen Lebensumständedes Kaspar Häuser und machte Stanhope wegen seinerZweifel Vorstellungen (s. den obenerwähnten Brief Stan-hopes an Hickel vom 8. März 1833 bei Meyer, KasparHäuser 1881, S. 113 f. A.; schon hieraus ergibt sichdie Unechtheit von Hickels Correspondenz, von der schondie ersten Briefe aus dem Jahre 1828 die Tendenzhaben, Hausers Angaben und Persönlichkeit zu ver-dächtigen). Dennoch ließ er sich später gegen Häusereinnehmen, einerseits, weil seine Nachforschungen nachden Eltern des Kaspar Häuser in Ungarn, Gotha rc. er-folglos geblieben waren, andrerseits, weil Kaspar Häuser
— was weder Daumer noch v. Tücher in Abrede stellten —in den letzten Jahren seines Lebens häßliche Charakter-seiten, wie eine gewisse Neigung zur Unwahrhaftigkeitund zum Trotz, an den Tag legte und unter anderm seinTagebuch lieber verbrannte, als es an Hickel (für Stan-hope) auslieferte. Aber noch im April 1834 machteHickel dem Grafen Stanhope Vorwürfe, weil er gegenKaspar Häuser schrieb (s. Stanhope's Brief an Hickelvom 21. April 1834, L. I, 369), ja noch am 21. März
1835 schreibt Stanhope an Lehrer Meyer aus Rom, daßHickel an die Einsperrung des Kaspar Häuser glaube(L. I, 369 f.). Mithin läßt sich Hickel nicht als Zeugegegen Kaspar Häuser verwenden.
17) Lehrer Johann Georg Meyer in Ansbach nahmam 10. Dez. 1831 Kaspar Häuser in sein Haus aufund gab ihm Unterricht und Kost (auf Rechnung Stan-hope's) bis zu dessen Tod. Aus Meyers Bericht anGraf Stanhope vom Juli 1833 (M. 192 f.) erfahrenwir, daß Meyer noch wenige Monate vor Hausers Endean dessen Einkerkerung glaubte (a. a. O. S. 301 A.),ferner, daß Kaspar Häuser bet seinem Eintritt in MeyersHaus „in seiner geistigen Kraft und allen seinen Leist-ungen kaum einem neunjährigen Knaben gleichwar, der bei guten (nicht vorzüglichen) Anlagen denUnterricht einer gewöhnlichen öffentlichen Schule erhaltenhatte" und „kaum gleichen Schritt mit Knaben hat haltenkönnen, die ebensolange, wie er, Unterricht genossen"(M. 295 u. 307). Gerade dieser Mangel an Fähig-keiten und an Energie sowie die geringen FortschritteHausers im Schönschreiben und in der Orthographiewaren es, welche Meyers Unzufriedenheit erregten undihn auf die Meinung brachten, daß man es bei KasparHäuser keineswegs mit einem Wunderkinde zu thun habe.Sie genügen aber zum Beweise, daß Kaspar Häuser keinBetrüger war, da ja zur Durchführung einer solchenTäuschung gewiß ein außerordentlicher Grad von Energieund hervorragende Geisteskräfte nöthig waren (vgl. nochHofmanns Aeußerungen über die geringe Befähigung desKaspar Häuser in seinem Brief an Klüber vom 26. Febr.1833, L. I, 284). Uebrigens hebt Lehrer Meyer (M.306 f. u. 415 f.) an Kaspar Häuser neben manchenSchwächen, wie Eitelkeit, Unwahrhaftigkeit, auch gewisseTugenden, wie seine Theilnahme an den Schicksalen derLehrersfamilie, seine persönliche Liebenswürdigkeit, seineGenügsamkeit und Zufriedenheit mit seiner schmalen Kostund eine auffallende Weichheit des Gemüths, hervor, wieer denn auch auf dem Sterbebette Meyer dankte undvon ihm einen rührenden Abschied nahm (M. 349 A.)— lauter Eigenschaften, die mit dem Charakter einesberechnenden Betrügers unvereinbar sind. Endlich gibtMeyer mehrere gewichtige Gründe an, welche gegen dieAnnahme eines Selbstmordes des Kaspar Häuser sprechen(M. 414 f.). Mithin darf sein Zeugniß nicht einseitiggegen Kaspar Häuser verwerthet werden.
Ueberblicken wir die Reihe der aufgeführten Zeugen,so ergibt sich, daß die Zahl und die Qualität derjenigen,welche zu Gunsten des Kaspar Häuser aussagten, die derGegner weit überwiegt, denn wir finden darunter Poli-zisten, Aerzte, Juristen, Geistliche, Lehrer, kurz Männeraus allen Ständen und Lebensstellungen, die zum Theildurch ihren Beruf mit Verbrechern zusammengeführt wurdenund jedenfalls Urtheilskraft genug besaßen, um einen Be-trüger durchschauen zu können. Andrerseits läßt sich nichtbestreiten, daß die Zeugnisse eines Stanhope, Hickel,Meyer nur sehr beschränkten Werth besitzen. Doch seidem, wie es wolle, soviel ist gewiß: Mit dem Todehört alles Simuliren auf. War Kaspar Häuserwirklich während seiner Jugendjahre in Gewahrsam ge-halten worden, so mußten die Spuren dieser Behandlungbei der Sektion zu Tage treten und die inneren Organedes Körpers jenes Unglücklichen, insbesondere die Leber,die Lunge, das Hirn, eine abnorme Beschaffenheit aus-weisen, da ihre Entwicklung durch die Kerkerhaft währendI der Wachsthumsperiode beeinträchtigt worden war. Hören