Ausgabe 
(12.7.1894) 28
 
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wir daher, wie sich ein ganz unparteiischer Mann, derpraktische Arzt Dr. Heidenreich in Ansbach , der KasparHäuser nach der Verwundung die erste Beihilfe leisteteund Augenzeuge bei der gerichtlichen Obduktion war,unter dem frischen Eindruck derselben über den Sektions-befund äußert (im Journal der Chirurgie und Augen-heilkunde, herausgegeben von C. F. v. Gräfe und Ph. v. Walther, Berlin 1834, Bd. XXI. S. 91 f.KasparHausens Verwundung, Krankheit und Leichenöffnung").Nach einer genauen Beschreibung der Wunde und nach-dem Heidenreich dargethan, daß schon die Richtung desWundkanals gegen einen Selbstmord spreche, man müßtedenn annehmen, daß sich Kaspar Häuser den ungemeinheftigen Stoß mit der linken Hand in einer nachvorwärts gebeugten Stellung beigebracht habe, fährt erfolgendermaßen fort (a. a. O. S. 119):

Die Leber war sebr groß und hypertropbisck.Dem Landgerichtsarzte, der sich gutachtlich ciuSzuiprechen hatte,konnte es daher nicht entgehen, daß diese Vergrößerung undHypertrophie mit Hausers früherer Einkerkerung in Verhältnißzu setzen sei, indem auch Thiere, denen man in engen Käfigenwenig Bewegung gestattet, große Leber bekommen*). AuS demDrucke der vergrößerten Leber erklärte derselbe, der auch Hausersfrüherer Arzt gewesen war, das fortwährende Ausstößen nachdem Genuß auch jeder Speise, über welches Häuser so häufigklagte, welche Erscheinung aber auch, nächst leicht und baldvorübergehenden Rückenschmerzen, die er sich einmal durch eineErkältung zugezogen hatte, die einzigen Krankheitszusällc waren,die an Häuser während seines zweijährigen Aufenthaltes dahierbeobachtet wurden. In Uebereinstimmung mit den ver-hältnißmäßig kleinen Lungen finde auch ich die Ver-größerung der Leber ganz natürlich, indem diese beiden Organesich physiologisch bedingen als Ausschcidungsorgane des Kohlen-stoffs, die Leber im Fötus für die Lunge fuuktionirt und in demThierreiche um so mehr hervortritt, je mehr die Lunge sichzurückzieht.

Konnte sich bei weniger Bewegung und in der dumpfenLust deö Kerkers die Lunge nur wenig entwickeln, so mußte dasUcbergewicht auf die Leber fallen.

Ist es aber ausgemacht, daß Häuser lange Zeit nur koblen-stoffhaltcnde Vegetabilieu (trockncs Brod) und kein stickstoff-haltiges Fleisch zur Nahrung erhalten hatte, so wurde durchvermehrtes Bedürfniß, den Kohlenstoff auszuscheiden, auch dieVergrößerung der Leber und die dicke, zähe, schwärzliche Gallebedingt.

Umgekehrt aber beweisen diese Erscheinungenfür Hausers früheres Verhältniß, für seine Ein-kerkerung iu einem dumpfen Loch» und Ernährungdurch Pflanzenkost .

Ueber den namentlich vom Scheitel gegen die Stirne zuetwas niedergedrückten Schädel, die ziemliche Dicke der Knochen,den weit hcreinragenden Sichelfortsatz der harten Hirnhautüber die Kleinheit des Gehirns im allgemeinen, die relativgeringe Masse deö großen und bedeutende Größedes kleinen Hirns, über die der Zahl nach wenigeren,aber dem Ansehen nach größeren und gröberen Windungen ander Oberfläche, das besondere Hervortreten einzelner Massen imInnern, namentlich im großen Gehirne, und endlich übereinige Eigenthümlichkeiten der Schädel-Basis habe ick michschon im Leichenbefunde ausgesprochen (a. a. O. S. IlO f.).Alle diese Momente schienen mir auf mangelhafteEntwicklung deö Hirnorganö zu deuten.

*) S. das gcricktsärztliche Gutachten des kgl. Landgerichts-arztcs Or. Albert vom 9. Januar 1834 bei Meyer, Anthent.Mittb. S. 373 f.: Wenn Meyer a. a. O. S. 374 A. dagegenbemerkt:Lebervcrgrvßernngen können verschiedene Ursachenhaben und kommen nickt selten auch bei Menschen vor, dieihrer Freiheit nie beraubt waren", so übersieht er, daß es imvorliegenden Falle nur darauf ankommt, ob sich die beobachteteLebervergrößerung mit den Angaben, welche Kaspar Häuser übersein Vorleben machte, übereinbrmgen läßt. Dies kann abernicht bestricken werden, zumal Kaspar Häuser in seiner Selbst-biographie ausdrücklich bezeugt, daß er sich in seinem Kerkernur wenig bewegen konnte und nicht immer die nöthige MengeWassers zu trinken bekam. Der Vergleich mit den gestopftenGänsen ist daher recht wohl am Platze.

Als dasselbe herausgenommen war, wurde die Kleinheitder Hintern Lappen des großen Hirnes, die auseinandcrficlcnund das kleine nicht decken wollten, noch ausfallender, und dieseErscheinung hatte einige, wenn gleich nur entfernte Aebnlickkeitmit dem Aussehen, wie Carus (Versuche über das Nerven-system, Tafel V, Figur 21) das Hirn des Marders, oderTicdemann (Bildungsgeschichte deS Fötushirns, Tafel III,Figur 1) das Hirn des menschlichen Föiuö abgebildethaben.

Uebrigens konnte ich während der Unter-suchung des Gehirnes das Gefühl, und währendich dieses schreibe, das Wortthierähnliche Bil-dung" nicht unterdrücken.

In diesem Falle war nicht die geistige Entwicklung durchmangelhafte Bildung des Hirnorganes gehemmt, sondern dasOrgan blieb in seiner Entwicklung zurück durch Mangel allergeistigen Thätigkeit und Erregung.

Denn es ist ein Naturgesetz, daß jedes Organ und Ge-bilde, das ungeübt und unbenutzt bleibt, den vollständigenGrad seiner möglichen Vollkommenheit nicht erreicht, oder vondemselben zurücksinkt und verkümmert wird. Bis zum siebentenJahre ist die materielle Entwicklung des Mensckenbirns soziemlich beendigt, haben aber vor dieser Zeit und um dieselbeEinflüsse stattgefunden, die dessen naturgemäße Bildung bcmmenund aushalten konnten, so muß das Hirn auch in physischerund materieller Hinsicht auf der niedern Bildungsstufe stehenbleiben.

Nach dem angegebenen Naturgesetze, daß Uebung undThätigkeit zur vollständigen Entwicklung eines Organes nölhigsei, und ohne dieselben auch die vhysischc Organisation in ihrerAusbildung zurückbleibe, mußte die Hirnbildung auch in vor-liegendem Falle geschehen.

Hat Häuser geraume Zeit vor dem siebenten Jahre seineZeit in einem finstern Loche, im dumpfen Hiubrüten, ohne alleintellektuelle Thätigkeit und geistige Lebensrcize, die zur Ent-wicklung des menschlichen Hirns nöthig sind, zubringen müssen,so mußte auch seine Hirnbildung auf der thierähnliche» Stufestehen bleiben, wie er selbst nur in thierähnlichem Zustandegelebt hatte.

Hat aber die Leichenöffnung einen solchenunentwickelten Zustand in der physischen Hirn-bildung wirklich nachgewiesen, so ist dieser Zu-stand auch genügender Beweis, daß Häuser ge-raume Zeit vor seinem siebenten Jahre in dieLage, in der er so lange verharren mußte, ge-bracht worden ist.

Waren aber darüber die Jugendjahre verstrichen undhatte das Hirn seine physische Bildung auf dieser niedern Stufevollendet, so konnte das Versäumte nicht mehr ersetzt werden.

Als er wirklich an das Licht und unter die Menschengetreten war, war es zu spät, als daß die intellectuellen Reizeauf die Bildung des bereits gereiften, physisch ausgewachsenen,aber nur für diese niedere Stufe geistigen Lebens vollendetenHirns noch hätten Einfluß äußern können.

Daher lassen sich die reißenden Fortschritte und glänzendenAnlagen erklären, die Häuser anfangs verrieth, weil für siedas Hirnorgan schon gereift war, das bei Kindern sich erstauch noch physisch bilden muß, daber aber auch sein alsbaldigesStehenbleiben an der Grenze des Mittelmäßigen und Gewöhn-lichen, weil das Hirn für höheres geistiges Leben nicht mehrumgebildet werden konnte."

Wir ersehen hieraus, daß der Sektionsbefund völligmit dem in Einklang steht, was Kaspar Häuser übersein Vorleben berichtete. Damit fällt aber auch der letzteGrund, an der Wahrheit seiner Erzählung zu zweifeln,hinweg, da es ja nicht in seiner Macht stand, auf dieBildung seiner inneren Organe einzuwirken, und es kanndaher nunmehr als feststehende Thatsache betrachtet werden,daß Kaspar Häuser kein Betrüger war.

Die Todesamneldungen.

Ein Streifzug in dasNachtgebiet der Natur".Von k. F., 0. 8. k'r.

(Fortsetzung.)

II.

Unläugbar feststehend sind die Todesanmeldungen inihrer Mehrzahl, und von Zeit zu Zeit wird deren Realität