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ständen als hinreichend verbürgt ansehen würde, einfachauf bisher noch unbekannte Kräfte zurückzuführen odersie ganz in Abrede zustellen!« Während die Philosopiedoch wenigstens in etwas den Schleier lüftet, der überdiesem Theil des „Nachtgebietes der Natur" liegt, ver-tröstet uns die Naturforschung auf noch unentdeckteNaturkräfte; wollen wir denn auch ruhig abwarten, bisdiese „Kräfte" gefunden worden, inzwischen jedoch „nachOben", „zu den Unsichtbaren" unsern Blick wendenund dort nach einer Erklärung unserer Begebenheitensuchen. —
Schwingen wir uns im Geiste empor zu den Un-sichtbaren, geführt von dem untrüglichen hl. Glauben,so treten uns dort drei Mächte entgegen, welche mitdem Menschen in Verbindung stehen, Gott, die Engeldes Himmels mit den Heiligen und die Geister derFinsterniß.
Wohl können mit Gottes Zulassung die Mächte derHölle bei Todesanmeldungen thätig gedacht werden; aberwie mit Recht ein Gelehrter der Neuzeit bemerkt, tretenderlei Anmeldungen keineswegs auf eine Weise ein, dienothwendig auf satanische Wirksamkeit und Bosheitschließen läßt. Wciters dürfte diese Annahme bei Be-sprechung des etwaigen Zweckes der Todesanmeldungenals unhaltbar sich erweisen.
Mehr für sich hat die Meinung, welche ein ameri-kanischer Theologe über die Todesanmcldungcn vor einigenJahren anführte. Er weist uns hin auf die wechsel-vollen und lieblichen Beziehungen, welche nach christ-katholischer Lehre zwischen der bedrängten Menschheit aufErden und den beseligten Geistern des Jenseits besteht.Wäre es da wohl undenkbar, daß mit Gottes Willendiese guten Mächte bei den Todcsanmeldungcn sich thätigzeigten? Vor allem glaubte jener Theologe auf die hl.Schutzgeister der sterbenden Personen verweisen zu sollen.Diese Erklärungsweise ist, wie man zugeben muß, inkeiner Hinsicht gegen die Lehre der Kirche, ja sie istebenso einfach und ungezwungen, wie den religiösen An-schauungen des Volkes entsprechend. Allerdings hat mangegen sie alsbald den Einwurf erhoben, diese Theoriescheine schon deßwegen unannehmbar, weil nach der Lehrederselben Kirche der Schutzgeist des Menschen beim Todedesselben eine viel wichtigere Aufgabe zu erfüllen habe,als die eintretende Auflösung den Angehörigen oderFreunden zu melden; gerade am Sterbebette müsse derhl. Schutzengel dem Menschen den letzten, entscheidendenSieg erringen helfen durch seinen Beistand. Aber kenntdenn die Lehre der Kirche nicht auch einen Schntzgeist fürjede Familie, für jede Gemeinde u. s. w.? Wie also,wenn man sich einen dieser Engel thätig bei den Todcs-anmeldungen denken würde? Es kann auch ein solch'wirksames Eingreifen der Engel nicht als entwürdigendfür die seligen Geister bezeichnet werden, da ja nachchristlichen Begriffen kein Auftrag Gottes — und dieEngel können ja auch nur mit Gottes Willen alsowirkend auftreten — für irgend ein Geschöpf ent-würdigend sein kann. Wie später gezeigt werden soll,werden die Schutzgeister bei den Todesanmeldungen wohlmehr sein als „bloße Neuigkeitsboten". Manche bean-standen bei dieser Theorie namentlich auch die Art undWeise, wie derlei Vorkommnisse eintreten; vor allem,heißt es, ist es unbegreiflich, wie man sich die erhabenenMächte des Himmels bei jenen Fällen thätig zu denkenhabe, wo der sterbende Mensch sich den fernen Ange-hörigen selbst zu zeigen scheint; „es wäre dies zwar eine
. fromme, aber immerhin eine Täuschung der Menschen,bewirkt durch Engel".*) Bezüglich letzterer Entgegnungsei erwähnt, daß in der Schrift des alten Bundes einFall erwähnt ist, der auf Todesanmelduugen in obigerWeise vielleicht Licht zu werfen geeignet wäre. Im BucheTobias zeigt sich Naphael, der Erzengel, dem Vater desjungen Tobias in Gestalt eines Wanderers und bietetsich als Begleiter des Sohnes für die Reise an. Aufdie Frage des Vaters Tobias nach der glücklichen Rück-kehr, wer er sei, erklärte Naphael: „Ich bin Azarias,des großen Ananias Sohn!" Wie sich solch scheinbareWidersprüche näherhin rechtfertigen lassen, haben dieEeistesheroen der Kirche in ihren Werken zur Genügenachgewiesen. Es dürfte demnach wohl nicht allzu schwersein, ein Eingreifen der Engel in benannter Weise zubegreifen; doch wäre dies Sache einer theologischen Ab-handlung und kann hier füglich Übergängen werden.
Im Vorübergehen sei hier noch bemerkt, daß ein-zelne Gelehrte, welche dem Spiritismus huldigen, dieTodesanmeldungen durch bereits verstorbene Angehörigeder im Scheiden liegenden Personen bewirkt werdenlassen. Wohl könnte Gott nach dem strengen Lehrbegriffder katholischen Kirche , mit welchem aber jene Anhängerdes modernen „Geisterglaubens" im Widersprüche stehen,auch durch die Seele eines verstorbenen Freundes oderVerwandten einschlägige Begebenheiten hervorrufen lassen.Diese, mit dem Spiritismus nicht vollständig harmonircndeErklärungsweise unterscheidet sich dann aber nicht wesent-lich von der oben besprochenen, wo man sich Engel oderüberhaupt Himmelsbewohner als Urheber der Todcsan-meldungen denkt. Wollte man aber annehmen, daß ohneZulassung Gottes, gleichsam auf eigene Faust, die Geisterder Verstorbenen solche Wirkungen erzeugen, so wäre manbereits in das äußerst gefährliche Fahrwasser des Spiri-tismus gekommen, welchen die Kirche als verderblicheIrrlehre gerichtet hat.
Bei dem Versuche, die Todesanmeldungen zu er-klären, gehen manche auch bis zu höchst „nach Oben",indem sie auf die unbeschränkte- Wundermacht Gottes re-flektiren. Nach ihrem Dafürhalten wirkt Gott bet der-artigen Vorkommnissen ohne Vermittlung eines geschöpf-lichcn Wesens ein Wunder im eigentlichsten Sinne. Wie-wohl bei Besprechung des Zweckes diese Annahme nichtals geradezu unannehmbar sich erweisen dürfte, muß mandoch hier an dem Worte eines gläubigen Gelehrten fest-halten: „Wir können uns zu dieser Meinung nicht be-kennen; das Wunder übersteigt jede geschöpfliche Kraftund ist eine außerordentliche That Gottes, dazu bestimmt,in augenfälliger Weise Gott zu verherrlichen. Die er-habene Majestät des Wunders und dessen seltene Er-scheinung würde aber sicherlich beeinträchtigt werden, wenndasselbe mit den so häufigen Thatsachen dieser Art inVerbindung gebracht würde." Zudem ist es nach christ-licher Sittenlehre vermessen, zu glauben, daß immer,bei jedem Vorfalle, der unerklärlich erscheint, Wundergeschehen.
Die Erklärungsversuche, wie sie mit der Zeit nachder jeweiligen Richtung aufgestellt wurden, sind im Vor-stehenden kurz namhaft gemacht und besprochen worden;es steht über jeden derselben dem geneigten Leser einfreies Urtheil zu. Denn bislang kann weder die einenoch die andere Meinung in diesem Punkte als die allein
*) Man vergleiche hiezu Apostelgesch. 12,15, woraus maneinen ähnlichen Glauben schon im Anfange deö Christenthumsersehen kann.