Ausgabe 
(26.7.1894) 30
 
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bei dieser Ausgabe wahrlich keine Mühe; denn die AuSstaikungist in Bezug auf Notendruck und Textvertheilung eine geradezuvorzügliche. Der Preis darf im Verhältniß zu dem, was ge-boten wird, ein sehr mäßiger genannt werden, und es ist dieAnschaffung um so mehr erleichtert, da nun die gemischten unddie Männerchöre in getrennten Bündchen zur Ausgabe gelangtenund getrennt abgegeben werden. Mag auch in einer solchenSammlung nicht alles vollkommen sein, daö ist gewiß: derHerausgeber hat durch diese überaus praktische Arbeit den CL-cilienvereinen, Seminarien und höheren Lehranstalten einengroßen Dienst erwiesen; dieselben werden ihren Dank sicherdadurch bekunden, daß sie bei den neuen Bündchen ebenso frischzugreifen werden, wie es bei den früheren der Fall war.

Eckstein Ern., Verstehen wir Deutsch ? VolkSthümlicheSprachuntersuchungen. 8", 163 S. Leipzig , C. Reißner,1894. M. 2.00 gebd.

L. Den Zweck des Büchleins erfahren wir aus der Ein-leitung.Die Naturwissenschaften, sagt der Verfasser (2. 1),haben es fertig gebracht, mit dem Laien hie und da eine rechtintime Fühlung zu gewinnen, die Linguistik dagegen, die Sprach-forschung, die doch ganz zweifellos zu den Naturwissenschaftengehört, denn die Sprache ist ein Naturprodukt, das nachebenso unabänderlichen Gesetzen entwickelt wurde, wie der mensch-liche Organismus selbst nur die Sprachforschung ist für dasPublikum eine Art Popanz geblieben, vielleicht nur in Er-innerung an die fürchterlichen Grammatirstunden der Jugend-zeit, vielleicht aber auch deßhalb, weil die Sprachgelehrten sichfür die Gelehrten par sxeellonos halten und demzufolge es ver-schmähen,. von der Höhe des Katheders herabzusteigen und mitden Menschen menschlich zu reden." Das ist doch nicht ganzrichtig: Die vergleichende Sprachforschung, welche in ihren viel-verschlnngenen Wegen eine ernste Geistesarbeit und ein riesigesDctailwissen voraussetzt, widerstrebt vielmehr ihrer Natur nachder Popularisirung, was übrigens gar kein Unglück ist; sietheilt dies Schicksal ganz und gar mit anderen Wissenszweigen,so mit der erhabenen, von allen sinnlichen Qualitäten abstra-hircndcn Wissenschaft der Mathematik. Ucbrigens hat bereitsRudolf Kleinpanl in drei Bänden (Räthsel der Sprache; Spracheohne Worte; Stromgebiet der Sprache) die Linguistik zur schön-geistig-belletristischen Popularität erniedrigen wollen; wer dieseBücher kennt, weiß, daß Kleinpanl kein Sprachforscher ist unddaß seine pikanten Machwerke höchstens fürRauch-Coupöslustiger Männerzirkel" einen fragwürdigen Werth haben, woman stark gewürzte Zotenhastigkcit liebt. Ein Dienst ist damitweder der Wissenschaft, noch der allgemeinen Bildung erwiesen.Kleinpauls Pfade betritt Eckstein freilich nicht, er bietet ganzartige, unterhaltende Plaudereien, die aus einer Menge kleinerBeobachtungen entsprungen sind; als Sprachforscher stellt sichindeß der in der Form nicht ungewandte Nomanschreibcr keines-wegs dar. Also Saul unter den Propheten! Nicht nur derBauer» meint Eckstein, ist der Linguistik gegenüber eben einBauer, der nicht weiß, was cigenilichServiette" heißt, son-derndie ungeheure Mehrzahl des sonst gebildeten, aber nichtsprachlich geschulten Publikums versteht die eigene Muttersprachenur so, wie der Bauer das Wort .Serviette'". Ganz gutaber, erstens, bei wie vielen Wörtern läßt sich die ursprüng-liche Bedeutung überhaupt entziffern? und zweitens, demGe-bildeten" ist diese Art Wissenschaft soegal", wie der Streitum den Werth der Logarithmen negativer Größen. Wer alsoLinguist ist, wird durch Eckstein nicht besserDeutsch verstehenlernen", als er es schon versteht, und wer es nicht ist, kann esdamit nicht werden. Also Verlorne Liebesmüh'! Ein gewaltigesLoblied singt Eckstein der gotischen Sprache, der er, was Voll-tönigkeit betrifft, einen Ehrenplatz neben dein Spanischen gibt;das Finnische ist übrigens bei denklangreichen Sprachen" auchnicht zu vergessen.Die unpatriotisch geringe Beachtung, seufztEckstein (S. 41), die das Gotische auf unseren Gymnasienund sonstigen höheren Schulen erfährt, steht leider nicht imVerhältniß zu der Summe von Arbeitskraft, die auf das Stu-dium der altklassischen Sprachen verwendet wird. An reinformaler Bildungskraft würde das Studium des Gotischenmit dem des Lateinischen wetteifern können, während es für dieEntwickelung des Nationalgefühls und für das innere Verständ-niß der neuhochdeutschen Muttersprache geradezu unersetzlichesleistet." Das scheint uns denn doch zu stark aufgetragen; wirgeben zu, daß ein schulgcbildcter Deutscher das Gotische kennenmuß, weil es zur ältesten Gestalt seiner Muttersprache hin-weist, aber nicht gerade, um das Nationalitätsgefühl zu stärken,da unsere Gymnasien (in ihren deutschen Aufsatzthemen rc.)ohnehin schon für systematische Ueberfütterung mit Deutschthum-

buselek ihr Mögliches leisten. Auf Kosten der beidenklassischen*Sprachen mit ihrer einzig dastehenden Literatur darf denn dochdas Gotische nicht erlernt werden, von dem wir ja doch nurganz spärliche (wenn auch darum sehr werthvolle) Literatur-denkmäler haben, die uns Wulsila, der arianische Gotenbischof,hinterlassen hat. Ho quick nimm! Dst mockus iu redusl Unöbestärkt vielmehr die Geschichte der Wissenschaft und Cultur täglich in der unwandelbaren Ueberzeugung, daß die Summean Arbeitskraft, die auf das Studium des Griechischen undLateinischen verwendet wird, niemals groß genug sein kann,jedenfalls aber in unseren Schulen gegenwärtig viel zu geringist, was der Erfolg leider beweist. Neben vielen richtigenBeobachtungen, die längst erkannt sind, bringt das Büchlein,welches immerhin lcsenswerth ist, Vieles, das einen alten Stand-punkt verräth, der von den neueren großartigen Forschungen,namentlich Brugmann'S, keine blasse Idee hat.

Linke Jo., tütbara saora: oantionnw piarnm somieonturia. Fünfzig geistliche und weltliche Lieder in lateinischerUebcrtragung. 12° x. VIII -st 192. Leipzig , CarlReißner, 1893. M. 2,00.

lt. Mit Vergnügen nehmen wir von jeder neuen Erscheinungauf dein Gebiete der einst eifrig gepflegten lateinischen ReimpoesieNotiz, zumal dergleichen Versuche leider in neuer Zeit sehr ver-einzelt auftreten und dann auch nicht die Beachtung finden, diesie oft verdienen. Der Verfasser hat bereits eine stattliche An-zabl theologischer Werke (darunter Neuausgaben von LuthersProphctencommentaren) veröffentlicht und ist Protestant, dochdrängt sich im vorliegenden Buche sein Standpunkt nie unan-genehm oder verletzend vor; im Gegentheil, wir finden bei ihmzahlreiche innigfromme, gcmütbvollc Lieder katholischer Sänger(L. Hensel , Volksweisen) in lateinischem Gewände. Die Original-texte stehen überall gegenüber, so daß sich der Leser von der Ge-wandtheit des Umdichters ebenso überzeugen kann, wie von derGrundlosigkeit deö VorwurfS, daß die lateinische Sprache hartund spröde sei; im Gegentheil, eignet sich kaum eine anderedurch ihren Wohllaut so sehr zur Rcimpoesie. Wir lesen hierim Originalmctrum übersetzt allbekannte Texte, wieEs ist einReis entsprungen" oderHimmclsau, licht und blau" oderO du hochheiliges Kreuz" oderStille Nacht, heilige Nacht".Zur Probe theilen wir Louise Hensel 'ö bekanntes «Müde binich, geh' zur Ruh" mit:

§essus oo cuditum,

Oisucko xreoans ooulnm:

Lator, visibus meoOoram acksis leotnlo.

tzui sum lapsus dockio,

Domino, na rosxieo!

Odristi mors 6t AratiaDamno, saroit ownia.ckunotos midi Zansro '

Das in t6 quiosooro,

Drooores 6t parvulosHabs tidi creäitos.

Lecks, motus mordickos,

Dckos olanckas ooulos,

LZits. onstockiamNootoin xraodo xlacickam!

Möge der Verfasser recht bald wieder in die Saiten seiner»Oitiiara- greifen und uns mit einer neuen Gabe erfreuen.Vor ei» paar Jahren sind dem kürzlich verstorbenen Webereinige Proben seines kraftvollenDreizehnlindcn" in lateinischerUebcrtragung vorgelegt worden, worüber sich der Dichter sehrgünstig ausgesprochen hat; eine lateinische, rhythmische Reim-übersetzung dieser kernigen Strophen wäre ein schöner Vorwurffür ein Talent, wie Linke, denn die oben genannte Bearbeitungscheint nicht zu Stande zu kommen!?

Engelhardt, Zehn Original-Compositionen. Negcns-Lurg, Coppcnrath (Pawcleck). Partitur 2 M. 40 Pf.,4 Stimmen L 30 Pf.

Neben der Vorführung von exquisiten Palcstrina- und Or-lando-Kompositionen zur Feier des Doppel-Jubiläums dieserbeiden Tonheroen werden bei der XIV. General-Versammlungdes Allgemeinen Cäcilien-VercineS am 6. und 9. August d. I.in Negensburg eine Anzahl von neueren Tondichtungen, welcheim Geiste und Sinne der Alten geschaffen sind, zu Gehör ge-bracht. In obigem Musikale sind nur die ausgewählten Ton-stücke durch den Herrn Domkapellmeister von Negensburg ge-