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vertrauensvoll in deutscher Sprache an. Er verstandmich aber nur mit Mühe, er war ein Belgier. Wir er-kundigten uns angelegentlichst, wie weit wir noch zu gehenhätten, wie man sich in solchen Fallen ja gerne crmuthigenläßt, und ich glaube, sie sprachen von einer guten halbenWegstunde, während die Straße sich noch weit über eineStunde hinzog und mit der steigenden Sonne immer be-schwerlicher wurde.
Die Landschaft nahm allmählig einen anderen Cha-rakter an. Wohl brauste noch immer der Bergstrom, intiefer Rinne fluthend, zu unsern Füßen, aber die Bergewurden niedriger und die herrlichen Wälder dehnten sichin breiteren Flächen vor uns aus. Natürlich erreichteuns jetzt auch die Sonne ungehinderter, und heute meintesie es ausnehmend gut. Ost windet sich hier die Straßemühsam durch die künstlich beiseite gedrängten oder auchgesprengten Felsen. Ja manchmal führt sie gar durchziemlich lange, unterirdische Durchlässe, die von der Seitedes Flusses her durch künstlich hergestellte Lichtöffnnngenerhellt werden. Da drinnen war es so kühl, aber dochauch wieder so unheimlich öde angesichts der durch dieunförmlichen Felsenfenster hereinschauenden, reizenden Na-tur. — Immer steiler wird die Straße, die Mittagsonnehat jetzt alle Baumschatten aufgezehrt, mir brennen dieFüße auf dem steinigen Boden, es ist zum Verschmachten.Doch Geduld! Wir haben ja bereits den Eingang indie Einöde erreicht. Ein hohes, grün angestrichenesEisenkrenz kennzeichnet diese Stelle, wo einst der heiligeBruno die einsame Hochebene betrat. Noch einmal be-reitet mir eine Wendung des Weges, die ich für dieletzte hielt, eine Enttäuschung. Aber der Bach ist jagänzlich verschwunden, nur wild durcheinander geworfeneSteine bezeichnen sein vertrocknetes Bett, hier muß eralso seinen Ursprung haben. Jetzt tritt der Wald zurück,es wird licht, eine mächtige Felsenwand, der Grand Lom,erscheint, und dort liegt das heiß ersehnte Ziel, die alters-grauen Mauern der Grande Chartreuse. Noch ein jäherAufstieg der Straße, eine letzte Kraftanstrengung — undwir stehen vor der Klosterpforte!
Auf dem Nasenplätzchen vor dem Thore hatte sicheine kleine Gesellschaft vornehmer Herren und Damenniedergelassen. Die meisten der Herren hatten wohl dasInnere des Klosters schon besichtigt und beriethen nunmit den Frauen, denen der Eintritt nicht gestattet ist»einen nachmittägigen Ausflug. Die hohe Umfassungs-mauer auf der gegen Osten gelegenen Vorderseite desGebäudes warf ihren Schatten auf dieses reizende Fleck-chen Erde , und hätte uns der Bruder Pförtner nicht aufder Stelle geöffnet, so wäre ich jedenfalls auch versuchtgewesen, mich im weichen Grase auszuruhen. Aber schonwaren wir über eine kleine Treppe in das zur Linkender Pforte liegende Vorzimmer eingetreten, um die er-forderlichen Personalangaben zu machen und den unshier empfangenden Bruder über die Dauer unseres Auf-enthaltes zu verständigen. Es kommen nämlich auch Pilgerhierher, die gesonnen sind, eine sogenannte Netraite (geist-liche Uebungen) zu machen, und zu diesem Zwecke mehrereTage lang hier verweilen. Nachdem auch mein demBruder etwas seltsam klingender deutscher Name nach einigemZaudern und Vorbuchstabiren in die Liste eingetragenwar, schritten wir über den großen Vorhof zum eigent-lichen Eingang des Gebäudes für die fremden Gäste.Die Düsterheit dieses rings von hohen Mauern begrenztenRaumes wird dadurch in etwas gemildert, daß rechts undlinks VD dem durch seine Mitte führenden, mit großen
Steinplatten belegten Hauptwege ein umfangreiches, kreis-rundes Steinbecken steht, aus dem sich ein mächtigerWasserstrahl erhebt, um laut plätschernd in dasselbewieder niederzufallen. Diese beiden Springbrunnen, dievon der Quelle des hl. Bruno gespeist werden, müssenden neuankommenden müden und durstigen Wandererngar verlockend erscheinen, denn ich sah im Verlaufe jenesTages ganze Gruppen jüngerer und älterer Leute sich anihrem eiskalten, aber wunderbar reinen Wasser erkühlen.Außer den beiden Fontänen weist der Vorhof auch zweisehr sorgsam gepflegte, eben in der herrlichsten Blüthestehende Blumenbeete auf, was einen recht freundlichen,wohnlichen Eindruck hervorbringt.
Betritt man aber das Innere des Hauses, so fühltman sich mit einem Schlage in eine ganz andere Weltversetzt: Lange, düstere Korridore mit grauen Steinbödenund hohen Wänden, mit unansehnlicher Tünche bedeckt!Gar trübselig kommen uns die schwarz angestrichenenThüren mit den altmodischen, knarrenden Schlössern unddie nackten, tief in den Wänden liegenden, zum Theilnoch mit Butzenscheiben versehenen Fenster vor. Eineziemlich große Zahl von Gästen bewegt sich eifrig überdie Treppen und Gänge. Jeder sucht sich vorerst zu-rccht zu finden und sich soviel als möglich heimisch Zumachen. Aber frohes Geplauder ist nirgends zu hören,und wenn jemand sich beigehen lassen wollte, laut zureden oder gar zu lachen, so würde ihn eine ernste Handauf die von allen Wänden streng herniedcrblickende War-nung verweisen: Man bittet, leise zu sprechen!
(Fortsetzung folgt.)
Neceusivnen und Notizen.
Lätitia, Sammlung vierstimmiger Chöre für deutsche Cä-cilienvcrcine, höhere Lehranstalten rc., herausgegeben vonWaldmann v. d. Au. III. Vändchcn: gemischte Chöre,broch. 1 M., geb. IM. 25 Ps.; IV. Bündchen: Münner-Chöre, broch. 60 Ps. Straßburg i. E., 1894- Straß-bürger Druckerei und Verlagsanstalt, vorm. N- Schnitzu. Comp.
L. 6. In vorliegender Sammlung begrüßen wir eineGabe, die gewiß in weiteren Kreisen schon mit Sehnsucht er-wartet wurde. Der Herausgeber, „ein aufs Praktische eingerichtetesTalent", wie ihn Dr. Wiit rühmte, hat uns schon vor mehrerenJahren mit 2 Bündchen vierstimmiger Chöre beglückt und konntein der Folge die angenehme Erfahrung machen, daß er nichtvergeblich gearbeitet habe; den» das I. Bündchen (gedruckt 1884)ist bereits in 4. Auflage und das II. Bündchen (gedruckt 1887)in 3. Auflage mit je 2000 Exemplaren erschienen, ein Umstand,der genugsam erkennen läßt, daß hier das Nichtige getroffen wurde.Den früheren Bündchen reihen sich nun die jüngst erschienenenin würdigster Weise an. Das 3. Bündchen enthält 70 gemischteChöre, daö 4. Bündchen 36 Münnercböre, welche in glücklicherAuswahl all den Veranlassungen Rechnung tragen, in denenCäcilienvereine außer der Kirche aufzutreten haben. ES findensich darin religiöse, Grab-, Vaterlands- und Heimathöliedcr,Sonntags-, Morgen-, Abend-, Frühlings- und Herbstlieder,Wald- und Berg-, Wander- und Abschiedslieder, vermischte undhumoristische Lieder. Wir rechnen cS dem Herausgeber zumhohen Verdienste an, daß die Texte mit großer Sorgfalt aus-gewählt sind, frei von erotischen Schwärmereien, lauter undrein, so daß sie jedem Schüler, ja jedem Kinde unbedenklich indie Hand gegeben werden können. Was den musikalischen Theilbetrifft, begegnen wir hier manchen lieben alten Bekannten, ent-weder in ihrer ursprünglichen Tracht oder in einem vom Heraus-geber gut angemessenen Gewände. Zu ihnen gesellen sich vieleneue Erscheinungen cücilianischer Compouistcn, die neben denAlten ganz gut auftreten können, ja sie vielfach überflügelt haben.Indem bei der Auswahl besonders darauf gesehen wurde, daßden GesangSkrästen keine großen Schwierigkeiten zugcmuthetwerden, so ist gleichwohl alles Triviale und Ordinäre ver-mieden, vielmehr paart sich anmuthigc Einfachheit mit edlemSchwung. Da Einzelstimmen nicht ausgegeben werden, so mußwohl jeder Sänger aus der Partitur singen, aber daL lostet