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2. Auglist 1894.
Die Schenkung Constantins in Dahn 'scherNomanbelenchtnng.
(Vertrag, gehalten im katholischen VereinshauSzu Speyer .)
(Schluß.)
xl; Das ist aber nur ein winziges Vorspiel dercolossalen Blamage, die Herr Dahn seinem Papste drinnenvor Bclisar, seiner Gemahlin Antonina, dem PräfectenCethegus und dem ganzen Gefolge vorbereitet hat. „Derhl. Petrus ist es, beginnt Sylverius salbungsvoll, derdir mit meiner Hand die Schlüssel seiner Stadt über-reicht, auf daß du sie ihm beschirmest und behütest."„Ich bin es gewesen, der die Anschlüge deiner Feindevernichtet hat."
„Hat der Kaiser Feinde in Rom ?" fragt Belisar,und als der Papst heuchlerisch seufzt, „die Kirche dürstetnicht nach Blut", tritt sein juristischer Begleiter Skävolahervor, erhebt gegen Cethegus die Klage auf Rebelliongegen den Kaiser Justinian und beantragt auch vonkurzer Hand gleich die Todesstrafe und Confiscation derGüter, deren Hälfte dem Kläger zufallen solle „undseine Seele der Barmherzigkeit Gottes, schloß der Bischofvon Rom" nach Felix Dahn .
Auf thut sich der Theatervorhang im Hintergründedes Zeltes, und herein, „mit vernichtendem Blick" natür-lich, Cethegus tritt als Gegenankläger: „Sylverius hatdie Absicht, erklärt Cethegus, die Herrschaft der StadtRom und einen großen Theil Italiens dem KaiserJustinian zu entreißen und — lächerlich zu sagen —ein Priesterreich zu gründen in dem Vaterland der Cä-saren." — Allerdings lächerlich zu sagen, aber lächerlichvon Felix Dahn , denn dieser ganze Gründungsplan istseine eigene Erfindung, die er zur fixen Idee sich pa-tentirt hat, wie jene Wiederholung derselben Geschichteim späteren Romane „Julian der Abtrünnige" beweist.
„Hier überreiche ich einen Vertrag, fährt Cethegusfort, den er mit Theodahad, dem letzten Fürsten derBarbaren, geschlossen." „Der König verkauft darin fürewige Zeiten für die Summe von tausend PfundGold an den hl. Petrus und seine Nachfolger ....die Herrschaft der Stadt und das Weichbild von Rom und dreißig Meilen in der Runde." „Also im selbenAugenblick, wo er hinter Theodahads Rücken die Waffendes Kaisers herbeirief, schloß er hinter des KaisersRücken einen Vertrag, der diesem die Früchte seiner An-strengung rauben und den Papst für alle Fälle (?) sicherstellen sollte", läßt Dahn seinen Cethegus spotten; erspottet aber seiner selbst und weiß nicht wie; denn einso abgefeimter Diplomat wie Dahns Sylverius mit den„weitklugen Zügen" ist doch nicht so einfältig, daß erein so theueres Geschäft sich selber verderben würde, in-dem er gerade den gefährlichsten Liebhaber des Kauf-gegenstandes zur Concurrenz herbeiriefe. „Etwas weniger,Freund, Liebschaften, dann wärst du beliebt zwar weniger",sagt Platen zu Schiller; etwas weniger, Freund, Dumm-heiten, möchten wir dem Dahn 'schen Romane im Ver-trauen gesagt haben. Freilich wäre er dann in gewissenKreisen weniger beliebt.
Trotzdem ist „der Eindruck dieser Anklage, diesesBeweises auf alle Anwesenden ein gewaltiger". Allein„Sylverius zeigte in diesem Augenblicke, daß er keinunebenbürtiger Gegner des Präfecten Cethegus", sondern
ein ebenso großer Meister in der „politischen Heuchelei"war; „keine Wimper zuckte ihm". „Wie lange wirst dunoch schweigen?" fuhr ihn Belisar an. — „Bis du fähigund würdig bist, mich zu hören. Du bist besessen vonUrchitophel, dem Dämon des Zornes", läßt FelixDahn , der sich unter den Dämonen auszukeimen scheint,seinen Papst entgegnen. Die Päpste wissen von einemUrchitophel nichts.
„Es ist wahr, ich habe diesen Vertrag mit demBarbarenkönig geschlossen", beginnt Sylverius dann,„weil es meine Pflicht war, ein uraltes Recht deshl. Petrus nicht fallen zu lassen." „An dem-selben Ort, wo des Präfckten tempclschänderische Handdiesen Vertrag entwendet, hätte er auch die Urkundefinden können, welche ursprünglich unserRecht begründet."
„Der fromme Kaiser Constantin . . . hat, um voraller Welt zu bezeugen, daß Krone und Schwert sich vordem Kreuz der Kirche zu beugen haben, die Stadt Rom mit ihrem Weichbild und die benachbarten Städte undMarken durch eine feierliche Schenkungsurkundefür ewige Zeiten dem hl. Petrus zu eigen übertragen."„Diese Schenkung ist durch eine rechtsgültige Urkunde inaller Form verbrieft: der Fluch von Gehenna istjedem gedroht, der sie anstreitet", läßt Felix Dahn , dersich auch in den Flüchen besser „wie ein Türke" aus-zukeimen scheint, „mit aller Kraft geistlicher Würde undaller Kunst weltlicher Rhetorik" seinen Papst deklamiren,was „von unwiderstehlicher Wirkung" gewesen sei. Also:
! „Banges Schweigen".
„Prüftet von Rom, sagt endlich Belisar, was hastdu zu erwidern?" „Mit einem kaum bemerkbaren Zuckendes Spottes um die seinen Lippen verneigte sich Cethcgusund begann: „Der Angeklagte beruft sich auf eine Ur-kunde .... Ich räume ein, die Urkunde existirt." „Ichhabe die Urkunde selbst mitgebracht in meiner tcmpcl-schänderischen Hand." „Er zog ein vergilbtes Pergamentaus dem Sinus." „Ich habe die Urkunde viele Tagelang (so schlecht hat der geriebene Diplomat Sylverius sein wichtigstes Actenstück gehütet) Mit feindselig forschen-dem Auge geprüft. Vergebens. Alle Formen des Rechtessind in der Schenkungsurkunde haarscharf gewahrt."
„Er hielt inne — höhnisch ruhte sein Auge aufdem Antlitz des Sylverius, der sich den Schweiß vonden Schläfen wischte. — „Also, fragte Bclisar in höchsterAufregung, die Urkunde ist beweiskräftig?" „Ja wohl!seufzte Cethegus. Schade nur, daß" — „Nun?" unter-brach Bclisar. „Schade nur, daß sie falsch ist." —„Da flog ein Schrei von allen Lippen. Belisar sprangauf. Alle Anwesenden traten einen Schritt näher. NurSylverius wankte einen Schritt zurück." —„Falsch? Prüftet, Freund, kannst du es beweisen?"
„Das Pergament, auf welches die Urkunde ge-schrieben ist, zeigt alle Spuren eines hohen Alters:Brüche, Wurmstiche" — (mehr als „Salomon, dergroße König, dem die Geister untcrthänig", mehr alsMephisto, „der Herr der Ratten und der Mäuse, derFliegen, Frösche, Wanzen, Läuse", scheint dieser Dahn 'schePapst zu sein, dem sogar die antiquarischen Bücherwürmerals Helfershelfer in der Geschwindigkeit zu Diensten eilen,um dem ungeschickter Weise nagelneuen Pergamente dieEhrwürdigkeit des Alters anzufälschenl) also „Wurm-stiche, Flecken jeder Art . . .