242
„Es ist ächtes Pergament, aus der alten, von Con-1 stantin gegründeten, noch heute bestehenden kaiserlichen
Pergamentfabrik Byzanz . Aber eS scheint auch leiderdem heiligen Bischof entgangen zu sein" — (was beidem als so gerieben dargestellten Sylverius unwahr-scheinlich ist) «daß bei diesen Pergamenten ganz untenlinks am Rande durch Stempelschlag das Jahr derFertigung durch Angabe der Jahreseonsulen in allerdingskaum wahrnehmbaren Buchstaben bezeichnet wird. DieUrkunde will, wie sie im Texte sagt, gefertigt sein imsechzehnten Jahre von Konstantins Regierung."
„Da ist es nun wirklich nur durch ein Wunderzu erklären — aber hier hat Gott der Herr ein Wundergegen seine Kirche gethan — daß man in jenem Jahre,also im Jahre 335 nach der Geburt des Herrn, schonganz genau wußte, wer im Jahre nach dem Tode desKaisers Justinus Cousul sein würde; denn seht, hierunten am Rande der Stempel besagt: — der Schreiberhatte ihn nicht beachtet — er ist auch wirklich sehr schwerwahrzunehmen, wenn man das Pergament nicht gegendas Licht hält: V. Inkretion, Justiniauus Augustus,allein Consul, im ersten Jahre seiner Herrschaft."
„Das Pergament der Urkunde, auf welchesder Protonotar des Kaisers Constantin vor zweihundertJahren die Schenkung niederschrieb, ist also erst voreinem Jahre zu Byzanz einem Esel von denRippen gezogen worden. Gesteh', o Feldherr, daßhier das Gebiet des Begreiflichen endet und des Ueber-natürlichcn beginnt," ein Spott und Hohn gegen dasChristenthum, der nicht im Munde eines römischen Stadt-präfcctcn aus dem 6. Jahrhundert denkbar ist, sondernganz einem liberalen Universitätsprofessor oder socialist-ischen Agitator ähnlich sieht.
Uns kommt übrigens des Cethcgus Eselshaut lehrnatürlich vor. Nach den Spuren der Ohren daran, diebei der schlechten Mache noch deutlich erkennbar sind, zuschließen, stammt diese Eselshaut von der ten-denziösen Nomanschreiberci des Herrn FelixDahn selbst her. Diese erst einjährige Eselshautmacht gewiß, daß in dem Roman „Ein Kampf um Nom"der Papst Sylverius wirklich als Urkundenfälschcr, alsFabrikant der nämlichen Constantinischen Schenkung hin-gestellt werden soll, als deren Fabrikant im späternRoman „Julian der Abtrünnige" der Papst LiberinSausgegeben wird. Jene Verleumdung des Papstes Syl-verius war wohl vergessen, und da glaubte man zurAbwechslung eine so ungeheuerliche Fälschung einmalauch einem andern Papste aushängen zu dürfen. Vielleichtdenkt Hr. Dahn, der überhaupt die Wiederholungen sehrliebt, in seinem nächsten Romane: „aller guten Dingesind drei"; nur möchten wir rathen, das nächste Malden Papst doch etwas gescheidter zu wählen, denn einelappigere Wahl, wie die des Papstes Liberius untereinem Julian und des Sylverius unter einem Jnstinian,konnte man wohl nicht ansdenken.
Im gegenwärtigen Stande der Sache sieht aber dievon den zwei Romanen gegen die katholische Kirche ver-übte Verleumdung verzweifelt ähnlich dem Complott jenerzwei schändlichen Alten gegen die tugendhafte Snsanna.
§ „Wo hast du sie gesehen?" fragt der weise Daniel jeden
i gesondert. „Unter einem Mastixbaume." „Unter einem
, Eichenbaume." Sie waren somit aus ihrem eigenen
Munde überführt, daß sie falsches Zeugniß abgelegthatten. Und so ist es auch mit den zwei Dahn 'schenRomanen in Bezug auf die Constantinische Schenkung.
Die falsche Urkunde existirt allerdings; aber wederzur Zeit des Kaisers Justinian und noch weniger zur
Zeit des Kaisers Julian findet sich davon eine Spur inder Geschichte. Oder glaubt man, Julian der Ab-trünnige hätte, als er Kaiser und Verfolger der Kirchegeworden war, sich eine so furchtbare Waffe und einenso gesetzlichen Grund entgehen lassen, um gegen die Päpsteeinzuschreiten, wenn er gar selber Zeuge und mißbrauchtes
Werkzeug einer solchen hochverräterischen Urkundenfälschunggewesen wäre! Vor der ganzen Mit- und Nachwelthätte Julian die Verbrecher entlarvt und als „Philosoph "in seinen Spottschriften sowie namentlich als Kaiser un-erbittlich an ihnen Rache genommen.
Im Gegentheile sehen wir, daß Julian die Ein-richtungen der katholischen Geistlichkeit auch bei seinenGötzenpriestern einzuführen bemüht war und sogar, wennauch mit kläglichem Erfolge, heidnische Manns- undFrauenklöster zu gründen suchte, ein klarer Beweis, daßer in den katholischen Klöstern die vom Dahn 'schen Ro-mane erdichteten Orgien nicht gefunden hatte.
In der Zeit des Papstes Sylverius und Kaisers
Justinian aber wußte man von der „Constantinischen
Schenkung" auch nicht das Geringste. Wenn von dertheatralischen Senfations-Sccne mit dem Papst in Belisars
Zelt auch nur eine Sylbe wahr wäre, auch Justinian ,der große Juristenkaiser und Urheber des corxug jurisoivilis, Hütte ein solches Attentat auf Recht, Gesetz und
Reich nicht ungeahndet gelassen, und die damaligen kaiser-lichen Geschichtsschreiber hätten nicht davon geschwiegen. l
Zwei verschiedene, 200 Jahre von einander entfernte
Päpste also einer und der nämlichen Urkundenfälschunganzuklagen, und zwar unter Kaisern wie Jnstinian und
Julian, und den letzter» als Prinz noch dabei mithelfenzu lassen, das ist doch das Uebermaß schlechterErfindung. Also nicht wahr und auch noch nichteinmal gut erfunden! l!
Zur Gewinnung ihrer Unabhängigkeit von derweltlichen Regierung — denn um diese Unabhängigkeithandelte es sich eigentlich, und nicht um weltliche Herr-schaft, die von der Souveränes freilich unzertrennlichbleibt — zur Gewinnung ihrer Unabhängigkeit brauchtendie Päpste keine falschen Urkunden zu fabri-ciren; dafür sorgte die Noth der Zeit und die ge-bieterische Macht der Umstände. In dem Maße als die
Kaiser, besonders durch Verlegung der Staatsregierungnach Constantinopel, Italien und Rom vernachlässigten,in demselben Maße fiel die Sorge auch für die welt-lichen Angelegenheiten den Päpsten anheim. Lange schontrugen sie diese weltlichen Sorgen, che sie noch dieweltliche Souveränes und Herrschaft erlangten.
Denken wir nur an Leo ll. und seine Verdiensteum Nom und Italien gegenüber dem Hunnen Attila und dem Wandalen Geuserich. Es ist natürlich, daßdurch eine solche Vermittlungsrolle das weltliche Ansehen 1
des päpstlichen Stuhles sich hob. Das Eintreten der
Päpste für Recht und Freiheit auch gegenüber den gesetz-lichen Machthabern, dann der große Gütcrbcfitz derrömischen Kirche und die wohlthätige Verwaltung und
Verwendung desselben trugen zu diesem Wachsthum despolitischen Ansehens der Päpste nicht wenig bei.
Besonders nach dem Untergänge des ostgothischen
Reiches nahm die Autorität des Papstthumes auch po-litisch einen mächtigen Aufschwung. In dem Ver-zweiflungskampfe der Ostgothen gegen Kaiser Justinians
Feldherren Belisar und Narses wurde der römische
-- - --
- - - - _ _