Ausgabe 
(2.8.1894) 31
 
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Senat durch das Schwert und Elend so gutwie ausgerottet. Zugleich erhielten die Nömer undItaliener Gelegenheit, ihre während des Krieges be-thätigte byzantinisch-nationale Begeisterung dem Schwärmeder kaiserlichen Zöllner tüchtig zu versteuern. Und alsdie Kaiserin Sophia, die Gemahlin Justins II. , soweitsich vergaß, dem ergrauten Statthalter Narses einenWeiberanzug mit Spinnrocken zu schicken, da spann dieserehemalige Weber jenen berühmten Faden, aus dem aufdem Webstuhle der Zeit die volle päpstliche Souveränitäthervorgegangen ist; er lud den LongobardenkönigAlboin zur Besitznahme Italiens ein.

Wieder waren es nun die Päpste, denen die Sorgezufiel, einzutreten für die Säumigkeit und Ohnmacht derbyzantinischen Kaiser, die noch immer als Oberherreu undSchirmvögte Roms galten. Die Langobarden hatten janicht einen blassen Schein von Anspruch auf die Herr-schaft Roms und waren in Italien auch so zügellos raub-gierig und grausam aufgetreten, daß die Römer allenGrund hatten, sich diese Barbaren so weit als möglichvom Leibe zu halten. Zu diesem Zweck wandte sichdie Bevölkerung in ihrer thatsächlichen Herrenlosigkeit andie Päpste, und diese halfen auch, als die Kaiser dasalte Rom seinem Schicksal überließen.

Nach Leo I. wurde besonders der große Gregor I. ein Beförderer der päpstlichen Souveränität. Als er nochAbt des in seinem väterlichen Palaste auf dem Cöliusvon ihm eingerichteten Benediktinerklosters war, entstandin Rom ein förmlicher Aufruhr bei der Kunde, daßGregor heimlich als Missionär nach Britannien abgereistsei, und Papst Pelagius II. war genöthigt, Gregor zu-rückzurufen. Nach der einstimmigen Wahl Gregors zumPapste wurden seine Briefe an den Kaiser Mauritüls,worin er um dessen Nichtznstimmung bat, vom Stadt-präfccten Roms aufgefangen, und als Gregor nach Ein-treffen der kaiserlichen Zustimmung verkleidet entfloh,wurde er wie ein steckbrieflich Verfolgter gesucht und imTriumphe nach St. Peter geleitet (590).

Rom befand sich gerade in äußerst bedrängter Lage.Ueberschwemmung, Pest und Hungersnoth herrschten unterdem Volke. Gregor ließ Getreide aus Sicilien kommen,wobei die zahlreichen und großen Landgüter der Kirche,deren Bauern Gregor ein wohlwollender Herr war, guteDienste leisteten. Die Kirche hatte damals, wieGrcgoroviuS sagt, angefangen, ein großes Asyl der Ge-sellschaft zu sein. Wie früher der Consul unter dasVolk Geld und der Prüftet Lebensmittel austheilte, sowar jetzt diese Aufgabe dem Papste zugefallen. Sowurde Gregor der allgemeine Ernährer des Volkes.

Von gleichem Verdienste waren Gregors Be-mühungen, seinem Vaterlands mit den LangobardenFrieden zu schaffen. Vorthcilhaft wirkte zu diesemZwecke der gute Einfluß der katholischen Longobarden-königin Theodolinde . Aber auch Gregor selbst erwarbsich das ehrfurchtsvolle Vertrauen dieses andersgläubigen,arianischen Volkes. Vom byzantinischen Kaiser aufge-fordert, er möge seine Verbindungen dazu benützen, dieLangobarden unter sich zu entzweien, so daß sie einanderselber aufreiben würden, wies er diese Rolle eines FelixDahn 'schen Romanpapstes entschieden zurück. Wenn erin die Streitigkeiten der Langobarden sich hätte ein-mischen wollen, ließ er dem Kaiser erklären, so würdedieses Volk allerdings weder Könige, noch Herzoge, nochGrafen mehr haben; allein da er Gott fürchte, so scheue

er sich, an dem Mord irgend eines Menschen Theil zunehmen.

Der Papst verabscheute die treulose Ränke-, Blut-und Eisenpolitik, welcher gewisse Staaten ihre Größeverdanken, und so machten seine Fähigkeiten, seine Hoch-herzigkeit und Helligkeit sowohl als die Umstände ihnzum stillschweigend anerkannten Oberhauptauch des politischen Rom , und mit vollem Rechtist er als der Gründer der päpstlichen Herrschaft welt-licher Natur zu betrachten.

Die Gelüste der späteren Longobardenkönige Luit-prand und Nachis nach dem Besitze Roms wurden durchdie Päpste Gregor II. und Zacharias gütlich im Zaumgehalten, als jedoch bei König Aistulph weder freundlichenoch ernste Worte mehr halfen und Stephan III. auchvon Eoustantinopel umsonst gegen die andringendenLangobarden Schutz erflehte, da ging der Papst über dieAlpen an den Hof des Frankenkönigs Pipin. AlsAistulph die Forderungen Pipins verwarf, erschien derFrankenkönig mit Heeresmncht vor Pavia und erzwängsich Nachgiebigkeit. Kaum hatte jedoch Pipin den Rückengewandt, so brach Aistulph (754) treulos den Vertrag,warf sich schnell auf Rom und bestürmte es. Doch Pipinerschien noch rechtzeitig zum Entsatz (755) und schenktedas dem Langobarden kriegsrechtlich abgenommene Gebietdem hl. Petrus . Das ist der formelle Anfangdes Kirchenstaates, während sein materieller Beginn,allmählig herbeigeführt durch die Macht der Umstände,in einer mehrhundertjährigen Vergangenheit sich verliert.Kein Staat Europa's hat sich auf eine recht-mäßigere und ehrenvollere Weise gebildet.

Und diesen klaren, offenkundigen Thatsachen derGeschichte gegenüber kommen nun zwei Romane einesrationalistischen, nationalliberalen Univcrsitäisproftssorsund wollen die Souveränität deS Papstes und die ganzehohe Kirchcupolitik des HI. Stuhles als ein Werk derLüge, Jmmoralität, Heuchelei, Herrschsucht und Fälschunghinstellen, zu Stande gebracht durch die Erdichtung dersogenannten Constantinischen Schenkung!

Diese falsche Urkunde ist schon deßhalb ohne jedenEinfluß auf die Entwicklung des päpstlichen Ansehensgeblieben, weil sie vor Karl d. Gr. überhaupt nichtexistirte. Die ersten Schriftsteller, von denen sie ange-führt worden ist, sind keine Italiener, sondern Franken,die Bischöfe AeneaS von Paris, Ado von Vicnne undHinkmar von Rheims, alle drei in der Mitte des 9. Jahr-hunderts. Die wahrscheinlichste Vermuthung über denOrt und Zweck der Fälschung ist wohl diejenige, daß dieAbfassung der Urkunde im Fraukenreich geschehen sei, undzwar aus Anlaß der Kaiserkrönnung Karls d. Gr., diein Constantinopel von den griechisch-römischen Kaisernsehr übel aufgenommen wurde. Die Legitimität undEbenbürtigkeit deS vom Papste errichteten abendländisch-römischen Kaisertumes sollte gegenüber den byzantinischenZweifeln dadurch begründet werden, daß man eine Ur-kunde verfaßte, in der Constarüin dem Papste kaiserlicheGewalt übertrug, woraus dann die Nechtmäßigkeit derweiteren Uebertragung dieser Gewalt von Papst Leo III. auf Karl d. Gr. sich von selbst ergeben hätte.

Dieses alles ist jedoch ganz ohne Wissen NomSgeschehen. Der erste Papst, der die falsche Urkunde be-nützt hat, und zwar in keinem politischen Aktenstück, sondernin einem Brief an den Patriarchen Michael Cärularius inConstantinopel, den Vollender des griechischen Schismas,war Leo IX. , ein geborener Lothringer, früher Bischof