Ausgabe 
(23.8.1894) 34
 
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Ni-. 34.

Wage zm Aitgskarger Iaßzeiiaag.

23. August 1894.

Der Nimbus.

I-. K. Zu den manchen Erscheinungen in der ka-tholischen Kirche , welche auf den ersten Blick als christ-lichen Ursprungs sich darstellen, bei näherer Untersuchungaber als aus dem Heidenthum herübergenommen sich er-weisen, gehört auch der Heiligenschein oder Nimbus.Um zu einem richtigen Verständniß des christlichen Heiligen-scheins zu gelangen, ist es daher nöthig, auf dieselbeErscheinung im Heidenthum zurückzugreifen und ohnemoderne oder vorgefaßte Anschauungen gewaltsam in dieVergangenheit hineinzutragen an der Hand der aus unsgekommenen Darstellungen Sinn und Bedeutung desNimbus zu erforschen und zu beobachten, wie dann diechristliche Kunst sich denselben zu eigen machte und imLauf der Jahrhunderte in ihrem Geiste ausbildete. Dassoll im Folgenden versucht werden.

Der Nimbus tritt gleichzeitig auf als einfache Kreis-linie um das Haupt (Nimbus im engeren Sinne) oderals Strahlenkranz, der Haupt oder die ganze Figur um-gibt, und ist stets aufzufassen als ein die ganze Gestaltumstrahlender Lichtglanz.

Das Licht machte von jeher einen freundlichen be-lebenden Eindruck auf den Menschen, so daß es ganznatürlich erscheint, wenn die Griechen, die in ihrer anthropo-morphistischen Götterauffassung den Göttern nicht nuralle menschlichen Eigenschaften in höchster Potenz, sondernauch übermenschliche Vorzüge beilegten, vor allem dieVorstellung eines lichtglänzenden Leibes damit verbanden.Der strahlende feurige Aether gilt ihnen als Wohnungder Götter und eine Erscheinung, die aus diesem Neichdes Lichtes kommt, gibt sich durch den Strahlenkranzdem Menschen als göttlich zu erkennen. So sagt Homer *)von Demeter :

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xvpr ös Skroio,

und Vergilt von der Erscheinung der Venus

pur«, per uootem in Ines relulsitttlwn xarens oonksssa äsaw gualisguo viäeriOaetteotis ot guanta, sotot

! t . Als mir hell wie nimmer zuvor sich dem Auge zu sehenBot und in lauterem Licht durchstrahlte die MutterHerrlich und hehr als Göttin wie schön sie den Himm-lischen jemals

Und wie hoher Gestalt sie erscheint.

Ebenso kommt auch den den Göttern heiligen Thierender Nimbus zu. Heroen haben ihn nur vorübergehend.Er wird ihnen von den Göttern mitgetheilt oder ent-wickelt sich bei besonderen Heldenthaten aus den Waffen.

Von den zahlreichen Beispielen aus Homer seien nurzwei angeführt:

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ärir/o»' vrrkp zrk)'«Sv,uor> I/izLk,lu>-vs

Starrend sehn auch die Lenker der Gluth rastlose Gewalt dortGrauenvoll um daö Haupt des erhabenen PeleioncnBrennend entflammt von Zeus blauängichter Tochter Athene .

An einer anderen Stelle heißt es:

<) rov ä' o Tl^luror ozi>A«z^ot<i<»'

7r«/4hparr-o»'K' wäre Treötvra

..wxrov eliaz/NL Seor'roL

-) V. 168 ff.

-) Xen. II, 683 ff.

-) Jl. VIII, 203 ff.

<) Jl. XXII, 30 ff.

Priamos aber der Greis ersah ihn zuerst mit den AugenLeuchtend in Glanz, wie den Stern, da er hinflog durch vaS

Gefilde

.. Also strahlte das Erz um die Brust des laufenden Herrschers.

Viel jünger nun als die Vorstellung einer mit Licht-glanz umgebenen Person ist die bildliche Darstellungdieses Phänomens durch den Nimbus. Auch ist die Frage,wie kam man dazu, diesen Lichtschimmer durch eine umdas Haupt gelegte Kreislinie anzudeuten, nicht so leichtzu beantworten, als es für den ersten Augenblick scheinenmöchte. Falsch ist die Ansicht derer, welche den Nimbusrein siderischen Göttern zuschreiben und umgekehrt ausallen Bildern mit Nimbus Sonnengötter machen. Viel-mehr trat Nimbus und Strahlenkranz bei siderischen undandern Götterbildern gleichzeitig aus, ja selbst wenn manPhöbos und Selens eine Sonnen- bezw. Mondscheibebeigab, unterließ man es, den Strahlenkranz hinzuzufügen.Auch die früher viel vertretene Ansicht, der Nimbus schreibesich her von den ,^v.oxoe halbkreisförmigen Schutzdächernum den oberen Theil einer Statue ist längst auf-gegeben.

Eine neuere Hypothese, der Nimbus stamme voneiner Strohunterlage, welche die Aegypter ihren Todtenunter das Haupt gaben, hat gleichfalls wenig Wahr-scheinlichkeit. Man darf vielmehr wohl annehmen, derNimbus sei nicht durch unbewußte Gewohnheit entstanden,sondern mit der bewußten Absicht erfunden worden, einerder Phantasie längst geläufigen Vorstellung auch in derbildenden Kunst Ausdruck zu verleihen. Daß man dasHaupt, als den vorzüglichsten Theil des menschlichenLeibes, damit zierte, ist leicht verständlich. Die Kreis-linie aber mag aus der Anschauung der Sonnen- undMondscheibe hergenommen sein, oder weil sie die na-türliche Grundform des menschlichen Hauptes ist, alsomit dessen Begrenzungslinien parallel läuft, was mit denphysikalischen Eigenschaften eines Lichtrcflexes im Einklangsteht. Leichter verständlich ist in dieser Hinsicht die Formdes Strahlenkranzes.

Natürlich konnte die Malerei mit Nimbus undStrahlenkranz leichter operiren, als die Plastik, denn einplastisch dargestellter Nimbus oder Strahlenkranz hatimmer etwas schweres, den ästhetischen Sinn beleidigen-des. Darum ist auch der Nimbus in der Malerei weithäufiger, als in der Plastik. Wenn darum im folgen-den von Kunst schlechthin die Rede ist, ist immer inerster Linie an die Malerei zu denken. Dem gegen-seitigen Verhältniß nach ist der Nimbus das schwächere,mildere, der Strahlenkranz das stärkere. Ersterer gebührtdem Mond, letzterer der Sonne. Bei nicht siderischenGöttern werden sie vielfach gleichwerthig verwendet.

Nach Stephani ist die älteste auf uns gekommeneDarstellung mit Nimbus auf einer Vase aus Aegina aus dem VI. Jahrhundert vor Christus. Auf dem Leit-riemen eines von Athene geleiteten Gespanns sitzt die mitdem Nimbus umgebene Eule. Die Göttin selbst hatkeinen Nimbus. Dieser Nimbus des Vogels soll nachder Erklärung Stephanis den Platz des Eulenauges be-deuten. Auch der Vogel Phönix erscheint schon frühmit dem Nimbus. Menschliche Gestalten i. asb Götter-bilder aber finden sich mit dem Nimbus nicht vor derZeit Alexander d. Gr., also einer Zeit,wo die griechische

°) Stephani in den Llömoires äs l'^oaäswis ätz 8t.ketörsbonrg,-. Serie VI, Tom. IX, x. 361 ff.