Ausgabe 
(30.8.1894) 35
 
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30. August 1894.

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Die Briefe des hl. Bonifatins.

Von Adam Hirschmann, Pfarrer in Schönfeld.

Wenn es einen hohen geistigen Genuß gewährt, mithervorragenden Männern, welche die Geschicke ihrer Zeitmehr oder minder bestimmen, zu verkehren und derenLebensauffassungen zu vernehmen, so ist doch dieser Ge-winn nur Wenigen unter den Sterblichen ermöglichet,indem nur einzelne bevorzugte Freunde an dieser Tafel-runde theilnehmen können und dürfen. Anders aberliegt die Sache, wenn es sich handelt um die literarischeHinterlassenschaft eines geistig hochstehenden Mannes: dieIdeale, die Kämpfe, die Zeitlage, der Freundeskreis, kurzdas ganze Leben liegt klar und unzweideutig vor uns.Darum haben gerade Briefsammlungen einen so großenbildenden Werth, üben einen eigenthümlichen Zauber aufden Leser aus.

Solche Briefsammlungen, äußert sich Fr. Böhner,sind wie Kirchhöfe, auf denen viele Befreundete begrabensind. Alle diese großen, edlen, reichen Herzen schlagennicht mehr, nur noch Trümmer sind von den Menschen-kreisen vorhanden, in denen die Schreibenden sich be-wegten, in den meisten Fällen hat Niemand die Heim-gegangenen ersetzt."Man lernt die großen Todten ausihren Briefen am besten kennen und muß an dem geist-igen Kampfe, den sie muthig gekämpft, und an den hohenZielen, die sie verfolgt haben, sich emporziehen und ausihnen Kraft, Muth und Selbstverleugnung schöpfen."Wenn aber dieses Wort des Frankfurter Historikers imAllgemeinen gilt, um wie viel mehr muß es stch bestätigetfinden in der Lektüre der Briefe jenes Mannes, den wirmit Stolzden Apostel der Deutschen" nennen, demunser Vaterland die Grundlage aller nachfolgendengeistigen Entwicklung auf dem Boden des christlichenGlaubens verdankt?Der Briefwechsel des hl. Boni-fatius, sagt mit Recht Cornelius Will (Regesten zur Ge-schichte der Mainzer Erzbischöfe I, VI Ein!.), führt unsMitten hinein in den Gang einer Epoche der Weltgeschichte,auf der eigentlich die gesammte Bildung und sittlicheGröße des Abendlandes seit elfhundert Jahren beruht.Welche Seite des historischen Interesses man daher immerins Auge fassen mag, jene Briefe gewähren Aufschlüsseoder doch Anhaltspunkte der Belehrung, die man inanderen Quellen vergeblich suchen würde." Darum kannes nur mit Freuden begrüßt werden, wenn Ernst Tümm-ler in dem großen Sammelwerke der NonumantuOorwunius stistoriou die Briefe des hl. Bonifatinsauf Grundlage der eingehendsten Vorarbeiten und dergenauesten Quellenforschung neuerdings zugänglich ge-macht hat. (N. 6-. Itlpp. t. III, rrrörorviuAioi stcurolini asvi t. I p. 215433). Freilich können wirangesichts der bedeutenden Kosten dieses Bandes denWunsch nicht unterdrücken, es sollen die bonifatianischenBriese in einer handlichen Separatausgabe zum Gemein-gute aller gebildeten Deutschen gemacht werden.

Wenn wir die Briefe des Apostels der Deutschenaufmerksam durchgehen, so finden wir in den verschiedenenSchreiben, die entweder von ihm herrühren oder an ihngerichtet sind, einen einheitlichen Grundgedanken ausge-sprochen: die deutschen Völkerschaften für die katholischeKirche zu gewinnen und zu erhalten. Da es aber eineKirche ohne sichtbares Oberhaupt nicht geben kann, sowar für Bonifattus die Verbindung mit Rom , dem Ein-

heitspunkte aller wirksamen Missionsthätigkeit, von selbstgegeben.

Von Papst Gregor II. erhieltder fromme PriesterBonifatius" am 15. Mai 719 die Ermächtigung, kraftder unerschütterlichen Auktorität des Apostelfürsten denHeiden aller Orten das Evangelium zu verkündigen unddie Katechumenen nach der in Rom üblichen Form zutaufen (op. 12 x. 258). Aus Willibald wissen wir,daß ihm speciell Thüringen als Arbeitsfeld angewiesenwurde (Vit. s. Lonik. o. VI: In st?stui'iriAiam juxtarnunäuturu Lpostolious seciio Lonsiäoranäo pro-§r 688 U 8 63t. ^.ot. 83 . 6 ä. Nudillou t. IV. p. 11).

Schon im Jahre 722 am Feste des hl. Andreaswurde Bonifatius mit der bischöflichen Würde ausge-zeichnet; ehe er in dieses erhabene Amt eingesetzt wurde,leistete er den Eid der Treue und des Gehorsams in dieHände des Papstes: kroinitto 6§c>, Lorntutirw ArrrtinÖöi 6PI800PU8, vostio, stoato ketro Lpootolorumprinoixi viouriogus tuo, steato papu6 6u'6Aorio8U66688oridus^U6 . . IN6 oilliuzra tiäora 6t puritatom8UN6ts.6 öclei Latsto1illL6 sxstistors 6t in unitutseju8ä6in Üä6i, Oso 0 p 6 runt 6 , xeroioters (6P. 16x. 265).

Außerkirchliche Historiker lassen gewöhnlich durchdiesen Eid die deutsche Kirche an das herrschsüctigeRom verkauft werden. Ebrard verliert vollends dieRuhe und die kritische Besonnenheit, wenn er in seinerbonifatianischen Biographie auf die Beziehungen Noms zuder Organisation der katholischen Kirche in den deutschen Gauen zu reden kommt. Nach ihm istBonifatius zwarnicht für einen moralisch-schlechten Menschen", aber dochfür einen beschränkten Fanatiker" zu halten, der nureine Moral: Rom über alles! und darum keine Moral"kannte; in dessen Briefen sichnirgends eine tieferechristliche (!) Idee" findet, sondern nurGeistloses",dessenGemüth von Natur sichtlich zu Gift, Haß undHeimtücke, wie zu Kriecherei und Schmeichelei disponirtist." Auch Woelbing (die mittelalterlichen Lebensbe-schreibungen des Bonifatius S. V) behauptet, der Angel-sachse Winfrid habe die deutsche und fränkische Kircheunter die Herrschaft Noms und seines Bischofes gebracht,wodurch der Grund gelegt wurde zu all den Leidenund Wirren, welche Rom unserem Vaterlande bereitethat und noch bereitet, und auch das Christenthum aufdem Festlande in die Bahn eines strengen Formalismusund äußerlichen Mechanismus und einer unnatürlichenund ungesunden Askese geführt, wodurch zum großenTheil der Verfall des Christenthumes und des Volks»lebens im Mittelalter herbeigeführt und eine Wieder-belebung des geistigen Lebens und eine Reformation derKirche nothwendig wurde." Mit anderen Worten: Hätteder hl. Bonifatius die deutschen Stämme in ihrer halbchristlichen, halb heidnischen Lebensauffassung und Sittebelassen, so hätte sich nach der Phantasie Ebrards undWoelbings auf kolumbanischer Grundlage eine deutsch-nationale Kirche entwickelt, welche an innerer Stärkeund gesunder Entwicklung alle Stürme der Zeiten über-dauert hätte. So aber ist Bonifattus die nothwendigeVoraussetzung für das Erscheinen Luthers geworden.Ja, schreibt Woelbing weiterhin, es war eine harteSchule, die das deutsche Volk durchmachen mußte, bisdie Zeit erfüllet war und der Augustinermönch MartinLuther, der deutscheste der deutschen Männer, auftreten