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schnadahüpfl dazwischen gesungen, und mit den meistenTaschentüchern verschwinden ebenso urplötzlich die Thränen.Mir ist bet Vergleichung des bajnvärischen und des ober-kärntischen VolkSthums immer wieder die Parallele zwischenden klotzigen, sprungweise» Eddaliedern und dem wetternEefüge der milderen Nibelungenlieder in den Sinn ge-kommen. Jedenfalls bieten sich hier allein, will mannoch annähernd in den Charakter jener alten Volks-dichtungen eindringen, noch die Wege. Sind eS auchschon Bäche, die eine ziemliche Zeit unter dem Sonnen-licht geflossen, so ist eS doch immer noch dasselbe na-türliche, unverdorbene Wasser, das dem wilden, kaltenQuell entsprungen.
Recensionen nnd Notizen.
Ehrhard Alb., Die altchristliche Literatur unbihreErforschung seit 1880: Allgemeine Uebersichtund erster Literaturbericht (1880 — 1834). 8°,XX -fl 240. Frcibnrg i. Br., Herder 1894. M. 3,40.
S. Was die altchristliche Literatur- und Kirchcngcschichtcbetrifft, so leben wir gegenwärtig in einem Zeitalter der Ent-deckungen, indem die historisch-kritische Methode der theologischenWissenschaft ihre Triumphe feiert. Leider müssen wir gestehen,daß auf katholischer Seite mit den unter enormem Aufwandvon Forschcrflech gemachten Anstrengungen protestantischer Ge-lehrter nicht im entfernteste» gleicher Schritt gehalten wurde.Ein Blick auf den Inhalt vorliegenden BuchcS wird diese An-klage rechtfertigen; zum erstenmal erscheint hier von katholischerSeite eine Uebersicht über das, was seit 1880 in Erforschungder altchristlichen Literatur geleistet wurde, so daß wir unSüber den Stand der Wissenschaft in leichter Weise oricntirenkönnen. Das Buch bildet das IV. und V. Heft der „Straß-bürger theologischen Studien", eines noch ganz jungen Unter-nehmens, das sich aber schon (im Heft I u. II) durch die ersteVeröffentlichung („Natur und Wunder" von E. Müller) denRuf oer Gelehrsamkeit in hervorragender Weise errungen hatund sich denselben auch im 3. Hefte („Barth. Arnoldi vonUsingeu" von 3!. Paulus) bewahrte. Erhard's Studien gliedernsich dieser Zeitschrift würdig an; alles ist mit philologischerGründlichkeit und mit ruhiger Unparteilichkeit erörtert. DieEinleitung bespricht die puristischen Studien der Gegenwartim allgemeinen, dann folgen 14 Abschnitte über die ältestenchristlichen Literaturdenkmäler (apostol. Vater), die griechischenApologeten, die ältesten Kirchenschriftstcllcr Kleinasiens , dieältere alexandriuische Schule, die älteren afrikanischen und röm-ischen Schriftsteller, die großen Theologen der griechischen Kirchebis zum 5. Jahrhundert, die Vlütbezeit der kirchlichen Literaturim Abendland und die Zeit der Nachblüthe, die Kirchenschrift-stellcr auf dem päpstlichen Stuhle, die altchristlichcn Historiker,Dichter und Hymnologen, die orientalischen Kirchcnschriftstellcr,die symbolischen, liturgischen nnd hagiograpbischcn Literatur-denkmäler bis zu den letzten Vertretern der patristischcn Literaturin den germanischen Reichen. Dem reichen Belchrungsstoff folgtnoch ein Rückblick und Schlußwort, das wir gewissen vorur-theilenden und „wiederkäuenden" Richtungen der heutigen Theo-logie recht dringend zur Bcherzigung empfehlen. Möchten wirdoch nur mehr solche Gelehrte haben, wie Ehrhard I SeineArbeit darf sich schmeicheln, jedem Theologen, namentlich demHistoriker, ein unentbehrliches Handbuch zu sein; hoffentlich wirddas Werk fortgesetzt, um auf dem Laufenden zu bleiben.
Longfellow H. W., Lied von Hiawatha, deutsch imVersmaß der Urschrift von F. Rouleaux. 8°. XVIII-s- 201 S. .Stuttgart , I. G. Cotta 1894. M. 2,00.-r. Der feinsinnige Literaturkritiker Al. Baumgartner ( 3 .1.)hat uns in „Longfellow'S Dichtungen" (2. Aufl., Frcibnrg 1837)ein sympathisches Bild amerikanischen DichtcrlebenS vorgeführt,aus dem gewiß jeder Leser ein gesteigertes Interesse am Sängerdes Himvatha-Licdes geschöpft haben wird. Dieses bekanntesteund berühmteste Werk Longfellow'S ist natürlich schon öfter inandere Sprachen übersetzt worden, sogar ins Lateinische (vonNewman, London 1873) und Griechische (von Pervanoglos,Leipzig 1883), öfter auch ins Deutsche; zu den besten Ucbcr-tragungen zählt sicher die vorliegende von F. Neuleaux, die zu-dem bei billigem Preis tadellos ausgestattet ist. Angenehmliest sich die klare Antiqua-Schrift, welche gewählt wurde „weildie zahlreichen Fremdnamcn sich in gothischen Buchstaben gar
zu gesträubt ausnehmen"; möge überhaupt die augenmörderischeund krüppelhafte sogenannte „deutsche Schrift", die Schweden ,Polen, Böhmen, Lithauer, Wenden, Ungarn auch hatten, aberlängst aufgaben, bald aus unseren Druckereien verschwinden.Das reizende Büchlein wird gewiß dem Sang von Hiawatha,dessen Kenntniß in Amerika zur allgemeinen Bildung gehört,auch in Deutschland neue Freunde gewinnen.
Spillmann Jos. (s.I.), Wolken und Sonnenschein:Novellen und Erzählungen. 12", 2 voll. S. 315u. 313. Freiburg i. Br.. Herder 1894. (IV.) M. 4.20.
1. In eleganter Ausstattung nnd handlicherem Format(consorm dem neueren prächtigen Werk „Wunderblume vonWoxindon" desselben Verfassers) erscheint hiemit die mit derdritten gleichlautende Neuauflage eines NovellcnkranzeS, der denErzähler unter die ersten Reihen deutscher Novellisten setzt undden Leser wahrhaft erfreut und erfrischt. Die erste Erzählung„DaS ParadicSzimmer" ist ein wahres Kabinetstückchen des ge-müthvollen älteren ChrouistcntoneS; rührend „der Judenknabevon Prag " und nicht minder reizend die übrigen Geschichtchen,die den Meister künstlerischer Prosa in jeder Zeile verrathen.Hätten wir solcher Bücher nur mehr! Vielleichr interessirt esmanchen Leser, zu erfahren, daß die feinsinnigen Novellen auchin'S Französische übersetzt (»XuaAss st raz-ous äs solsil: traä.xar LI. äs IwstanAes-Böäner.- 16°, xp. 239. LrnZs», 51. 6al1e-vasrt 1893) herausgekommen sind.
Französ ische Volksstimmungen während des KriegeS1870/71. Von Dr. E. Ko schwitz, Professor an derUniversität Greifswald. Heilbronn, Verlag von EugenSalzer . 132 S.
O Eine sehr interessante Sammlung von Aeußerungen undStimmungen, wie sie in verschiedenen französischen Zeitungenund Schriften von dem Zusammenballen des Kriegswettcrö,während dessen Auöbruchs und darnach laut geworden. Weraus seinem Cäsar die Charakierzeichnung der alten Gallierkennt, ihre Leichtgläubigkeit, Schwatzsucht, ihren Leichtsinn, ihreSelbstüberschätzung, ihre Verachtung der Gegner, ihre Toll-kühnheit und ihre Verzagtheit nnd Mutlosigkeit, ihre Rach-sucht, ihre Nnritterlichkcit regen wehrlose Feinde, wird ausdiesem Schriftchen kick überzeugen, daß der altgallische Cha-rakter über die ihn mildernde und zugleich kräftigende fränkischeBeimischung, die noch bis zum Ausgang des Mittelalters sichgeltend gemacht, vollends Herr geworden ist. Die Sammlungbildet daher einen schätzbaren Nachtrag zur Kriegsliteratur, ihrkommt auch ein bleibender Werth zu.
Albrecht Dürer . Sein Leben, Wirken nnd Glauben, dar-gestellt von Anton Weber. Zweite, vermehrte undverbesserte Auflage. Mit 11 Abbildungen. RegenSburg ,Pustet, 1894. 152 Seiten, Preis 1 M. 20 Pf.
In diesem Buche gibt Lycealprosesior vr. Weber, der sichbereits in seiner Schrift über den Bildhauer Dill Niemcnschneiderals tüchtiger Forscher und gründlicher Kenner der deutschen Kunst-geschichte erwiesen, ein belehrendes nnd anregendes Bild vondem Leben, deni Charakter und den Arbeiten des großen Nürn-berger Meisters. Den historischen Hintergrund bildet die invieler Hinsicht glanzvolle Zeit des ausgehenden Mittclaltcrs,in der die fränkische Metropole der Kunst und Wissenschaft soreich war an Männern von seltenen Geistesgabcn und hohemschöpferischen Können. Im ersten Bande seiner Geschichte hatbekanntlich Jansscn in wirkungsvollen Zügen uns das Lebeneiniger dieser Männer geschildert, so des Willibald Pirkheimer ,des Johann Müller, genannt Rcgiomontanus. Der von Pastorbearbeitete siebente Band bietet zu dem dort Gesagten mancheausgezeichnete Ergänzung. In jenem Kreise großer Männernimmt Dürer einen bedeutenden Platz ein. Er erlangte alsMaler, Kupferstecher und Zeichner von Vorlagen für Holz-schnitte, sowie als Verfasser praktischer Werke über Meßkunst,FcstungSbau, über menschliche Proportion u. dgl. hohen Ruhmnnd wurde von Fürsten nnd Bürgern in gleicher Weise geehrt.Unvergleichlich sind viele Kunstblätter, die sein trefflicher Stiftgeschaffen hat, so daß ihn gerade diescrhalb ErasmuS überApcllcs und die Maler überhaupt stellt. Klar, treffend undfür jeden objektiven Denker entscheidend sind in Webers Buchdie Charakteristik des Künstlers und die Ausführungen überdas Glaubensbekenntniß desselben. Der Verfasser be-leuchtet und widerlegt darin die seit Kuglers windiger Be-hauptung in neuerer Zeit von Protestanten vielfach vertreteneAnsicht, Dürer sei überzeugter Anhänger der Lehre Luthers ge-wesen, seine Kunst habe „wahrhaft evangelischen Charakter",