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Standpunkt; am meisten macht er sein Glück bei den sUnerfahrenen, also bei der Jugend, welche nicht selten,durch Scheingründe geblendet, dahin gebracht wird, daßsie mit dem besten Willen und redlichsten Streben nachWahrheit auf den Weg des Irrthums geräth in derMeinung, sie habe glücklich das Wahre gefunden. Manmuß zugeben, daß ein Schüler durch gewisse Erschein-ungen in der Geschichte der alten Republiken auf irr-thnmliche Voraussetzungen und aus Abwege gerathenkann, wenn er nicht zugleich die weit umfangreichereSchattenseite jener Einrichtungen ins Auge fassen undvorübergehenden Glanz von wahrem und dauerndem Glückeunterscheiden lernt. Es ist nur zu häufig der Fall, daßman bei dergleichen Beurtheilungen von den inneren Zu-ständen und Gebrechen absieht und einzelne große Thatennach außen, ruhmvolle Siege in blutigen Schlachten u.dgl. zum Maßstab der guten Einrichtung, der Blütheund Wohlfahrt eines Staates nimmt.
Wenn man die Gegenstände aber nicht nur oben-hin kennen lernt, wenn man sich nicht mit zufälligenEindrücken, die nichts als ein dunkles Gefühl zurück-lassen, begnügt, wenn man die Dinge etwas genaueranschaut, so wird das Resultat ein ganz anderes sein.Wir wollen zu zeigen versuchen, daß das politische Lebenund das Schicksal der alten Republiken, wie es uns inder klassischen Lektüre da und dort vor Augen tritt, eineso starke Schattenseite darbietet, daß es entschieden mehrabstoßen als anziehen muß, folglich bei richtiger Auf-fassung mit der Erziehung in monarchischen Staatennicht im Widerspruch steht.
In religiöser Beziehung ist zwar keine große Be-geisterung für den Glauben der alten Griechen undRömer und nicht leicht eine Berauschung der christlichenLehre mit den religiösen Ansichten der Heiden zu be-fürchten; man müßte denn auf geistigem Gebiete denWaffentausch jenes Glaubens versuchen, von dem Homer (II. VI., 234 sagt, daß er, von Zeus mit Blind-heit des Geistes geschlagen, seine goldenen Waffen gegendie ehernen des Diomcdes vertauscht habe. Allein auchhier kann eine verkehrte und indifferente Behandlung derKlassiker nachiheilig fein. Wenn der Unterschied desChristenthums vom Heidenihum dem Schüler nicht voll-ständig zum Bewußtsein kommt, wenn der schroffe Gegen-satz nicht als solcher klar vor seinen Geist tritt und sichdem Gemüthe tief einprägt, wenn der Studierende ein-zelne Männer des Hcibcnthums wegen der Weisheit undmoralischen Größe (in ihrer Art) bewundert und bei an-gestellter Vergleichung über manchen tiefstehcnden Christenstellen muß, so ist es, wenn auch nicht immer wahr-scheinlich, so doch wenigstens möglich, daß dadurch derGrundsatz des Jndifferentismus: es komme nicht auf denInhalt des Glaubens, also nicht auf die richtige Er-kenntniß des höchsten Wesens und seines Willens, son-dern lediglich und allein auf die Handlungen an, all-mählig Eingang findet. Der Umstand, daß der Heidedurch den göttlichen Lichifunken der Vernunft ein gewissesMaß von Erkenntniß erlangen und bei gutem Willen inMancher Beziehung tugendhaft sein kann, der Christ da-gegen vermöge seines freien Willens das Licht der Offen-barung fliehen, schlecht handeln und überhaupt die dar-gebotenen Hilfsmittel verschmähen oder mißbrauchen kaun,dieser Umstand gilt den oberflächlichen Geistern für einenBeweis, oaß es zuletzt gleichgültig sei, ob man demChristenthum oder Heidenihum angehöre, daß alle Reli-gionen unvollkommen und insofern einander so ziemlich
gleichzustellen seien u. f. w. Es tritt dabei nun freilichniemand förmlich zum Heidenihum über, niemand läßtsich einfallen, den Zeus oder die Pallas der Griechenund Römer anzubeten. Aber indem man sich dem be-quemen Jndifferentismus in die Arme wirft, aus denverschiedenen Ansichten und Neligionslehren überall dasAngenehmste und Schmackhafteste für sich auswählt undso sich seine Religion selber bildet, hat man den Glaubenan die göttliche Autorität des Christenthums als derallein-wahren Religion für sich abgethan, und insofernman dabei nichts Festes, nichts Positives mehr unter denFüßen hat, steht man auf dem unsicheren und schwan-kenden Boden des Heidenthums. Der Unterschied desmodernen und antiken Heidenthums ist nur dieser, daßder alte Heide sich seine Religion selbst schaffen mußte,weil er nichts Positives, keine göttliche Offenbarung alsNorm seines Glaubens hatte, und dabei auf den irrigenGlauben an viele Götter, auf Polytheismus, verfiel, dermoderne Heide aber sich seine Religion mit Umgehungdes positiv Gegebenen selbst schaffen will und dabei zwarnicht zum Glauben an viele Götter kommt, aber allzuleicht in Unglauben und Atheismus verfällt oder nochallenfalls ein höchstes Wesen annimmt, das ihm jedochkeinen bestimmten Inhalt hat, alles und im Grundenichts ist. Daß zu dieser Verirrung ein verkehrtes undmangelhaftes Studium des heidnischen Alterthums etwasbeitragen könne, ist oben bereits zugegeben worden.
Und wenn man erwägt, daß der Unglaube seinenHauptsitz gerade in dem gebildeten Stande aufgeschlagen,bei dessen Erziehung besonders der Gymnasialunterrichtmit den klassischen Studien zur Grundlage dient, wennman ferner bedenkt, daß man in den neuen Literaturen,die deutsche keineswegs ausgenommen, eine ganze Sint-fluth von unchristlichen und antichristlichen Schriftenfindet, die uns nebenbei vielfach die Ueberzeugung ge-winnen lassen, ihre Verfasser seien in Bezug auf dieBehandlung des Stoffes, auf Sprache, Wissenschaft undKunst Schüler der alten Griechen und Römer undunterschieden sich auch im religiösen Standpunkte wenigoder nicht von den heidnischen Philosophen, stehen viel-leicht an Interesse für religiöse Wahrheit noch eineziemliche Stufe unter der besseren Klasse heidnischerForscher: so möchte man im ersten Augenblick wohl ver-sucht sein, zu glauben, das Unchristliche und Irreligiöse,welches man häufig in dem Stand der sogen. Gebildetenund Studierten, Gelehrten und in vielen Schriftstellerndes christlichen Zeitalters wahrnimmt, sei ganz die na-türliche Folge der altklassifchen Studien. Wenn wir dieSache aber näher betrachten und nns überzeugen, daßeinerseits bei Vielen gleichzeitig frommer Christenglaubeund fleißiges Studium des heidnischen Alterthums ohneWiderspruch neben einander vorhanden sind, und ander-seits jener unchristliche Sinn so vielfach ohne die Kennt-niß des Alterthums vorkommt und sich überhaupt amliebsten mit oberflächlicher und halber Bildung paart, somüssen wir sowohl von der Annahme abgehen, daß dieBeschäftigung mit den heidnischen Schriftstellern an undfür sich naturgemäß ein Abnehmen des christlichenGlaubens zur Folge habe, als auch müssen wir dieHanptquclle des Unglaubens und der Trennung vomPositiven anderswo suchen. Wir finden sie in demStreben der Menschen, jede Autorität, jede feststehendeNorm, jede bindende Vorschrift von sich zu weisen. Wirfinden sie in dem Princip der sogen. Aufklärung, welchesdarin besteht, nur dasjenige für wahr zu halten, was