Ausgabe 
(27.9.1894) 39
 
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von Edessa einen Asylantrag überbrachten. Die syrochal-däische Version nennt sie Aramäer. Fürwahr! Bereitsder Kirchenhistoriker EusebiuS hat aus den Archiven vonEdessa einen Sendbrief Abgars an Christus und dasAntwortschreiben übersetzt, wovon ersterer die syrischeJahreszahl 340 enthält. Diese entspricht ausfallend demwahren Todesjahre Christi 782 n. o. Die Legende fügtnun hinzu, es sei zugleich ein Maler mit bei der Ge-sandtschaft gewesen, beauftragt, das Bild des großenPropheten aufzunehmen. Da habe Christus sein An-gesicht auf die Leinwand abgedrückt wie das gleichevon Veronika oder der Herodierin Berenike verlautet,welche Jesu am Kreuzwege ihr Schweißtuch überreichte.Dieses Antlitz des Weltheilands, heißt es, hätten dieVertheidiger Edessas den Persern entgegengehalten undso ihre Stadt gerettet. Dasselbe ging in das Königs-wappen von Georgien über, und es existiren davon taufendevon Abdrücken unter dem Namen « 7 «)^«

«nicht von Menschenhand geschaffenes Bild".

WaS ist der Sinn dieser Meldungen und welcheLehre haben wir daraus zu ziehen? Der Herr selbsttritt hiemit als Protektor der Maler auf; damit wardem kunstfeindlichen zweiten Gebote MosiSabgesagt und das Herz den knnstliebenden Hellenenzugewandt. Im Gefolge des Paulus geht Lukas derMaler, der Hellene aus Autiochia, welchen van Ehkmit seinem unvergleichlich schönen Gemälde in unsererPinakothek wohlverstanden als den ersten Meister einesMadonncnbildes darstellt, um anzudeuten, daß der starreJudaismus im Christenthum gebrochen und den Hellenistenin der Kunst das Feld eröffnet war. Ein Wendepunktin der Geschichte war schon vorher eingetreten.

Was die Kunstfeinde unter den Japhetiden gesündigt,haben sie auch gebüßt. Alexander der Große schrittals Welteroberer in Asien und Aegypien vor, und pro-klamirte die Freiheit aller Culte. Damit gewanner die Herzen der Völker, sie richteten ihre Tempel undGötterstatuen wieder auf, und der Bildersturm der Perserhat hauptsächlich zum Untergang ihres Reiches geführt.DaS Volk kann und will sich, je größer die Religiosität,von mythologischen Vorstellungen nicht trennen, dießhaben schon die Propheten deS alten Bundes erfahren,indem sie vergebens wider den siderischen Dienst an-kämpften. Der Mensch ist nicht bloß Geist, sondernGeistleib, und alle Allegorien wollen nur sichtbareVerkörperungen des Geistigen und Göttlichen sein. DieserEmpfindung folgten die alten Griechen, wie mit allerdurchdachten Virtuosität ein Naphacl und Buonarotti .Es gibt dabei kunstfreundliche wie -feindliche Naturenund Nationen. Der Bilderdienst lebte mit der Hellenen-herrschaft in Asien wieder auf.

Das junge Christenthum, so lange es judaistischwar, erwies sich gegen die Kunst abstoßend, ja wir hörendie laute Klage gebildeter Heiden, eine neue Barbareisei damit hereingebrochen. Die Wunderwerke der Bild-hauerkunst, wie die Venus von Mtlos, wurden vorder drohenden Zerstörung in einen Keller geflüchtet undblieben bis auf unsere Tage vermauert. Die Gruppedes Laakoon verbirgt sich in einem Gewölbe des Hausesvon Titus und ist verschollen, bis der Tag der Aufer-stehung nahte und de Fredis, der Weingärtner, es 1506in einer Nische entdeckte, worauf das größte Kunstwerkin Rom (mit Plinius zu reden) im Triumphe, von Car-dinälen besungen und begleitet, nach dem Vatican über-tragen ward.

Die Zeit der Renaissance oder Wiedergeburt deralten, wesentlich hellenischen Kunst war zum zweitenmalherangebrochen und die Jahrhunderte überwunden, woein Walafried Strabo aufgefundene und ausge-grabene Statuen für versteinerte Menschen halten durfte.

Wie feindselig aber ging von Anfang herein z. B.der Judenchrist Epiphanius-Vor, welcher in rasenderUnduldsamkeit die erste Ketzergeschichte verfaßte! Als erauf Cypern einen Vorhang mit eingesticktem Bilde, wirsagen Gobelin, in der Kirche traf, riß er ihn in Stücke.Er begriff nicht, daß der Stifter des neuen BundeSuns vom Joche des alten Gesetzes und seiner AuSschließ-lichkeit erlöst hat, und schon darum den Namen Erlöserverdient, weil er aus Juden und Heiden Ein Volk,Eine Gottesgemeiude machte. Stephanus, der ersteMariyr, ging als Zeuge für die Verwerfung des Judais-mus oder Antihellenismus, wie die Apostelgeschichte6 , 14. 21, 28 ausführt, in den Tod. Leider wollendie meisten Gottesgelchrten dieß noch heute nicht be-greifen, und die kühlen Philosophen huldigen als Nomi-nalisten bloßen Gedankendingen.

(Schluß folgt.)

Ein Work über die alten Sprachen und denEinfluß der klassischen Studien in politischerund religiöser Beziehung.

(Fortsetzung.)

L. H. Eine so unbedingte Verehrung wird indessenkaum vorkommen; wenigstens ist sie bei näherer Kennt-niß des Alterthums und bei besonnenem Nachdenken nichtmöglich. Häufiger und wohl zu häufig ist es da-gegen der Fall, daß der Standpunkt und die Anschauungs-weise der Alten nicht näher ins Auge gefaßt, sondernmit Gleichgültigkeit Übergängen wird. Der vorkommendeInhalt wird dann mehr mit dem Gefühle aufgefaßt; esbleibt ein Tvtaleindruck in ihm zurück, den gewisse Werkeoder Stellen der Lectüre auf dasselbe gemacht haben.Und da man zur geistigen Anregung und Belebung derstudierenden Jugend gewöhnlich von jedem Schriftstellervorzugsweise dasjenige liest, was einen wichtigen Stoff,großartige Charaktere, ruhmvolle Thaten, hohe Ideenu. dgl. enthält, da ferner dieser Inhalt in den Werkender Alten fast ohne Ausnahme in einer sehr anziehendenund ästhetisch-schönen Form dargestellt ist, da endlich dasAlterthum als solches gerne die Gegenstände in dem-selben Maße, als sie der Zeit nach ferne liegen, nnSgrößer, herrlicher und ehrwürdiger erscheinen läßt: so istder Eindruck auf das empfängliche Gemüth der leicht zubegeisternden Jugend um so stärker, tiefer und nach-haltiger. Die meisten dieser Eindrücke sind jedoch derArt, daß sie einen guten Einfluß auf die Erziehung derJugend ausüben, besonders bei solchen Jünglingen, die,dem guten Zuge der Natur folgend, sich vom Edlen undGroßen mächtig angezogen fühlen. Weil aber der Stand-punkt der Alten in den wichtigsten Punkten so vielfachvon dem unserigen abweicht, so ist doch nicht vorauszu-setzen, diese unmittelbaren Eindrücke seien immer undjedesmal so beschaffen, daß der Studierende von selbstauf dem rechten Wege erhalten oder auf denselben hin-geleitet wird. Gewöhnlich hat jeder Standpunkt auchirgend eine Lichtseite, selbst wenn er im ganzen genom-men entschieden zu verwerfen ist. Je mehr nun dieseLichtseite durch die Kunst der Sprache ausgeschmückt undhervorgehoben wird, desto mehr Anhänger gewinnt jener