Ausgabe 
(27.9.1894) 39
 
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von bald 3 Jahren, zu sich kommen zu lassen. Auchandere Kameraden hatten ihre Familien zu sich gerufen,und so war denn in diesem kleinen französischen Städt-chen ein angenehmer und anregender Verkehr für dasjunge Ehepaar und zwar besonders mit der von Lenz'-schen Familie entstanden, mit der auch im Sommer 1817ein kleinerer Ausflug nach Dünkirchen , um das Meer zusehen, unternommen wurde. Bet dieser Gelegenheit ent-warfen die beiden Freunde auch den Plan zu einer ge-meinsamen Reise nach Paris , und erfolgte dessen Aus-führung nach der Revue, welche der Herzog von Welling-ton am 25. Oktober bet Hautbourdin zwischen Losz undWattignies über die ihm unterstellten Occupationstrnppenhielt. Die Aufzeichnungen über diesen Besuch von Paris dürften darum noch von besonderem Interesse sein, alssie uns ein Bild dieser Stadt nach dem Sturze Frank-reichs von der Weltherrschaft zeigen, unter der schwachenund kleinlich-eifersüchtigen Regierung der Bourbons, welchees nicht verstanden, weder die Pariser noch die Fran-zosen überhaupt an sich zu fesseln. Leider war esmeinem Vater bei der Kürze des ihm ertheilten Urlaubsnicht möglich, alle Sehenswürdigkeiten in und um Paris in Augenschein zu nehmen: er mußte sich nur auf dasbeschränken, was das größte allgemeine und sein beson-deres Interesse in Anspruch nahm.

Nach diesen Vorbemerkungen beginne ich nunmehrmit der Wiedergabe seines Tagebuchs.

Donnerstag den 30. Oktober verließen wir früh-zeitig Tourcoing und erreichten, nachdem wir Lille undDouay passirt hatten, Abends 7 Uhr Cambrai , das da-malige Hauptquartier des Herzogs von Wellington. Trotzder späten Stunde unserer Ankunft suchten wir sogleichRamberg's auf, die uns in Begleitung meiner FreundeSchreibershofen und Berlepsch ihren Gegenbesuch ab-statteten.

Freitag den 31. Oktober früh 6 Uhr setzten wirunsre Reise fort und gelangten (es war etwa 9 UhrVormittags) an den Kanal von St. Quentin, 2 Stundendiesseits Bellicourt, wo er als Tunnel 250 par. Fußunter der Erdoberfläche in einer Länge von 17,400 par.Fuß hingeführt wird. Dieser Kanal, welcher die Seineund die Somme mit der Scheide verbindet und durchdie Quellen der ersten beiden Flüsse gespeist wird, istüber 6 Meilen lang, 24 par. Fuß breit, steigt von St.Quentin bis Tronquoy durch 6 Schleusen 40 par. Fußund fällt bis Cambrai durch 18 Schleusen 130 par. Fuß,hat einen 3000 Fuß langen Tunnel bei Tronquoy undden andern, wie gesagt, bei Bellicourt. Diese Tunnelssind theils gewölbt, theils nur in den Felsen gehauenund so breit angelegt, daß 2 Schiffe neben einandervorbeifahren können. Außerdem gehen uoch an beideninnern Seiten des Tunnels Fußwege für die Schisfs-zieher. Leider erlaubte es uns die Zeit nicht, soweit inden Kanal hineinzufahren, bis wo das Gewölbe desTunnels durch den Felsen selbst gebildet wird. Wirsahen nur einige Salpeterbildungeu an der Decke desgemauerten Gewölbes, die uns wie herausgestrcckte weißeArme erschienen. Uebrigens geht der Kanal auch zwei-mal über die Scheide. Vollendet wurde dies großartigeBauwerk im Jahre 1810.

Von da fuhren wir durch St. Quentin, das sicham 12. März den Russen ergab und seitdem aufgehörthat, Festung zu sein, und durch Ham (dessen festes Schloßseit den ältesten Zeiten als Staatsgefängniß diente, woKarl der Einfältige 923, Ludwig XI. 1440, der Prinz

von Condö 1560 und 18041814 die PoltgnacSund viele Andere gefangen saßen) nach Compisgne, daswir erst Abends 9 Uhr erreichten. Das Wetter waruns nicht günstig gewesen, es hatte fast ununterbrochengeregnet.

Sonnabend den 1. November. Nachdem wir früh»zeitig in der Pfarrkirche, die 1784 an Stelle einer ausdem 12. Jahrhundert stammenden baufällig gewordenenKirche errichtet worden, unserer kirchlichen Pflicht genügthatten, begaben wir uns in das Schloß, um dieses zubesichtigen. Hier am Zusammenfluß der Aisne und Otsehatte schon Karl der Kahle ein Schloß erbaut, von welchemaber nur noch die Kapelle und der jetzige Saal derSchweizer vorhanden sind. Unter Ludwig XI. ist daSan diesen stoßende Hintergebäude, unter Franz I. daSHauptthor gebaut worden; Ludwig XIV. ließ die Gärtenverschönern und baute sowohl das große Treppenhausals auch das Ballspielhaus. Ludwig XV. ließ durchden Architekten Gabriel den jüngern dem Palais eineeinheitliche Gestalt geben; auch die beiden Seitenflügelsind von letzterem gebaut worden, dagegen wurden seineweiteren Verschönerungspläne nicht ausgeführt. Durchdie während der Revolutionszeit in das Schloß verlegteKunst- und Gewerbeschule wurde es in einen elendenZustand versetzt, welchem es Napoleon entriß, indem eres von 1806 an durch Barthault restauriren ließ. Hierfand der Empfang der Kaiserin Marie Louise statt.

Die Möbel sind einzig schön, zwei Statuen vonAchat, deren Köpfe, Füße und Hände von Bronze sind,sowie die Statuen von Amor und Psyche besonders be-merkenswerth. Die königlichen Gemächer liegen in dervorderen Front nach den Gärten zu, links und rechtsdavon die Gemächer der königlichen Prinzen, und zwarwohnen links Herzog und Herzogin von Angoulome, rechtsdie Herzogin von.Berry und der Herzog von Bordeaux.Zu den Räumen der Herzogin von AngoulZme gehörtauch das frühere Schlafzimmer Marie Louisens, andessen Plafond, UM die Erinnerung an die napoleonischeZeit zu verwischen, einige Veränderungen vorgenommenworden sind; das anstoßende Badezimmer ist von lauterSpiegelwänden eingefaßt, das Licht fällt durch eineKrystalldecke. Die große, hinter der Mitte der Haupt-front im Jahre 1810 erbaute Gallerte ist mit korinth-ischen Säulen in Stuck geziert; die Wandgemälde der-selben sind (wie fast alle im Schloß) von Girodet , dieArabesken von Vafflard, die Decorationen und Orna-mente von Dubais .

Eine ebenfalls von Barthault im Jahre 1810 er-baute Dampfmaschine hebt das Wasser aus der Oise inSSchloß; leider mußte sein weiteres Projekt, das Wasseraus den naheliegenden Teichen von Pierrefonds durchunterirdische Leitungen nach Compiögne zn schaffen, auf-gegeben werden, da die Kosten dieser Anlage auf eineMillion Francs veranschlagt waren. Sie hätte eineFontaine im Schloßgarten mit einem Wasserstrahl von100 par. Fuß Höhe und 12 andere Fontaine» in derStadt gespeist.

Von CompiSgne aus fuhren wir direkt nach Paris ,wo wir um 6 Uhr ankamen und im Hotel Nelson, RueNeuve St. Augustin, im 2. Stock ein allerliebstes Quar-tier bereit fanden, das uns durch unsern lieben FreundHeinz bestellt worden war. Wir hatten uns eigentlichvorgenommen, den Abend zu Haus zn bleiben, um unsvon der ziemlich ermüdenden zweitägen Reise auszuruhen,aber die Generäle von Gablenz und von Zezschwitz, sowie