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Stimtzner, welche in der 1. Etage unseres Hotels wohnten,forderten uns auf, mit ihnen noch auszugehen. Manhat ja überhaupt in diesen Hotels nichts als die Wohnung;alle Mahlzeiten muß man beim Restaurateur einnehmen;auch muß man, außer dem Zimmerpreis, Licht, Heizungund jeden anderen Dienst, die Reinigung des Zimmersausgenommen, besonders bezahlen. So wanderten wirdenn in das Cass Aux Milles Colonnes im PalaisNoyal, labten uns dort und sahen uns im Palais Royal um, das uns aber (vielleicht in Folge des Feiertags) garnicht so brillant erschien. Das Palais Royal wurdebekanntlich vorn Cardinal Richelieu von 1629 — 1636 er-baut und führte damals den Namen seines Erbauers,bis derselbe es 1643 dem König Ludwig XIV. schenkte,der es eine Zeit lang mit seiner Mutter, Anna vonOesterreich, bewohnte. Von da an hieß es Palais Royal .Ludwig XIV. überließ es 1692 seinem Bruder, demHerzog Philipp von Orleans ; während der Revolutionhieß es Palais Egalits nach seinem Besitzer, dem be-rüchtigten Herzog von Orleans Egalits. Von 1802 annannte man es Palais du Tribunal, und erst 1814hat es seinen alten Namen wieder angenommen. Aucheine Bühne war früher im Palais, auf welcher dieItaliener und die Molisrtsche Truppe spielten und sogarauch Opern gegeben wurden. 1763 zerstörte ein Brandden Thcatersaal und wurde statt dessen die Fatzade nachRue St. Honorä zu aufgebaut, nach den Zeichnungenvon Worin. Der Garten ist von drei Seiten von Ar-kaden umgeben, auf welche noch zwei Stockwerke aufge-setzt sind; in diesen Räumen befinden sich CafeS , Re-staurants, Spielzimmer, kleine Verknufsläden u. s. w.,kurz, man bekommt dort alles, was man braucht.
(Fortsetzung folgt.)
Recensionen und Notizen.
Bibel künde für höhere Lehranstalten und Lehrerseminare so-wie zum Selbstunterrichte bearbeitet von Dr. AndreasBrüll. Mit Approbation des Hochw. Herrn Erz-bischofes von Frciburg. 6. verbesserte Auflage. Mit5 Abbildungen und 4 K catchen. Herder, Frciburg 1893.VII ff- 184 S.
Die beste Empfehlung und der sicherste Beweis für denhohen Werth und die praktische Brauchbarkeit des vortrefflichenBüchleins ist die Thatsache, daß es schon zum 6. Mal aufge-legt werden mußte. Gegenüber den modernen Angriffen aufdie heiligen Schriften muß jeder Religionsunterricht vor allemden Schüler mehr als je einmal in die Kenntniß der Offcn-barungSurkunde einführen. Die „Bibelkunde" bietet nun ingedrängter Kürze und in klarer Darstellung die nothwendigstenKenntnisse über Inspiration, Kanon, Acchtheit und Glaub-würdigkeit, Handschriften und Uebersctzungen, Erklärung undLesen der hl. Schrift, über die Bücher des Alten und des NeuenTestamentes, über den biblischen Schauplatz von dem ältestenWohnsitze der Menschen bis zur Zeit der Apostel, sowie überdie heiligen Alterthümer (Orte, Handlungen, Personen undZeiten) des Volkes Israel. Dabei entspricht der Verfasser über-all den gerechten Anforderungen einer gesunden wissenschaft-lichen Kritik. Möge die „Bibelkunde" nicht blos an Lehran-stalten, sondern auch in den gebildeten Kreisen die weiteste Ver-breitung finden! Zugleich wünschten wir für eine neue Auf-lage, daß das apologetische Moment mehr verwerthet, die syn-optische Frage (S. 76 f.) ausführlicher behandelt, die ältestenZeugnisse für das Alter der Evangelien angeführt, die Resul-tate der assyrisch-babylonischen und ägyptischen Forschungenfür den Inhalt der alttcstamcntlichen Bücher sruktificirt undeine Zeittafel der jüdischen Könige aufgenommen würde. Be-züglich des Lesens der hl. Schrift in der Landessprache ver-langen die kirchlichen Dccrete, daß die betreffende Uebersetzung„vom Apostol. Stuhl gutgeheißen oder (nicht „und" S. 14) mitrechtgläubigen und bewährten Erklärungen versehen" sein müsse.
(Vgl. Freibg. Kirchenlcxicon 2. A. s. v. Bibellescn II, 679 ff).Für die Praxis dürfte es allerdings gerathen sein, daß ein Laienur eine mit Erklärungen versehene Uebersetzung leicn solle.St. Dr. A. Koch.
Ernst Ewert. Maria Pally. Novelle. Danzig, TheodorBcrtling, 1894.
d. Ewcrr ist einer der jüngsten „Modernen". „Kürschner "von 1894 enthält seinen Namen noch nicht. Auck vorliegendeNovelle legt den Gcvauken nahe, daß sie von „einem jungen"Autor, stamme und macht ganz den Eindruck eines Erstlings-werkes. Da man eine g-wisse stilistische Fertigkeit ohnehin vonjedem Belletristen verlangen muß, so finden wir, von der Kürzeder Erzählung (knapp 32 Seiten trotz der ungezählten „mo-dernen" Punkt- und Gedankenstrichreihen) abgesehen, nichtsLobcnSwertbeS zu erwähnen. Das Sujet ist nicht mehr neu:die Geschichte eines jedes idealen HalteS baren Modellmädchens,später unglücklich verheiratheten Kanzleirälhin, die nach vierJahren Ehe zu ihrer alten Liebe zurückgreift, von, Maler FredStorni aber „gedemüthigt" wird und deßhalb „eines seineredelsten Werke zerstört", worauf sie sich selbst entleibt. NachMoral und Aesthetik darf man nicht suchen. Parfümeriegeschäftekönnten profitircn, wenn sie gegen Möbel, die „einen philiströsenHauch ausströmen" (S. 5), ein Patentaroma sich beilegen; denPsychologen empfehlen wir zur Untersuchung den „fragendenHauch, der zuweilen über die Seele huscht"; der Socialpolitikermag sich den genialen Einfall (S. 11) notiren: „Lieben könnensie Alle, die Kleinen und Großen, aber Hassen ist ein Vorrechtder Großen und Starken, der geistigen Aristokratie." DenAllermodernsten und auch Hrn. Ewert würden wir rathen, ihreDichtungen durchweg in folgender Weise beispielsweise druckenzu lassen:
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V.
Das gäbe in der That die ergreifendste und gedankenvollsteLektüre, müßte sich sehr hochmodern ausuehmen und die pikantesteSituationsmalerci darstellen. Das Papier ist auch hiezu ge-duldig genug.
Gut beriet Sonst,, Die Willensfreiheit und ihre Gegner.
8°. VI ff- 272 S. Fulda, Actiendruckerei 1893. M, 3,50.
->. Mit Ausnahme derjenigen Philosophiedocenten, die sichausdrücklich in den Dienst der katholischen Richtung gestellthaben, gibt es in Deutschland wohl kaum einen Lchrstuhl fürPhilosophie, dessen Vertreter gegenwärtig die Willensfreiheit desMenschen vertheidigt; so weite Ausdehnung hat der Determinis-mus angenommen; zum Glück bleibt das öffentliche Leben nochziemlich von der Theorie unberührt, noch immer gibt esja Criininalrccht, Polizei, Gefängnisse und Zuchthäuser; wasfür Zuständen werden wir aber entgegengehen, wenn man ein-mal die Folgerungen aus den Lehren der „Philosophen" ziehtund der „Verbrecbertypus" (nach Lombroso ) in sein blutigesRecht eingesetzt ist? Es ist also gewiß kein zweckloses Unter-nehmen, die Frage nach der Willensfreiheit, welche die Grund-lage aller Sitte und Cultur bildet, zum Gegenstand einerMonographie zu machen. Daß uns Gutberlct nur Vorzüglichesbietet, braucht wohl nicht erst erwähnt zu werden; überragendoch seine philosophischen Lehrbücher alle anderen deutsch ge-schriebenen Werke ihrer Art meilenweit. Der Verfasser beginntmit der Definition und dem Beweis der Willensfreiheit undführt uns dann auf das moderne Gebiet der Moralstatistik mitihren etwas unreinlichen Gegenständen des Bordellwesens rc.;sodann hat die Anthropologie und Physiologie daS Wort; zu-letzt bespricht das Werk daS Verhältniß der Willensfreiheit zurSpekulation (Schopenhauer ) und zur mechanischen Naturauf-fassung. _
Dr. Josef Perkmann, Bildender Unterricht in den Sprach-fächern. I. Theil: Grundlinien. Innsbruck , Verlag derWagner'fchcn Universitätsbuchhandlung, 1894.
2 . Was bis jetzt vorliegt, zeugt von edler, christlicher Auf-fassung des Lehrerberufes, von vielseitiger praktischer Erfahrung,von warmer Hingabe an die idealen Aufgaben eines Erziehers,und enthält eine Fülle trefflicher, origineller Gedanken, wie sieuns sonst nicht allzu häufig in pädagogischen Büchern begegnen.Mit Spannung sehen wir dem Erscheinen des folgenden Theilesentgegen.
Vcrantw. Redacteur: Phil. Frick in Augsburg. — Druck u. Verlag des Lit. Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg .
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