Ausgabe 
(4.10.1894) 40
 
Einzelbild herunterladen

öjf. 40.

* t»

4. NclM. 1894.

Einfluß der Kirnst auf den Gang der Welt-geschichte.

Von Dr. I. N. Sepp.

(Schluß.)

Mit Kaiser Constantin bekam der Hellenismusdas Uebergewicht, oder wie man uns sagt: Das Heiden-thum brach in die Kirche ein. Die großartigsten Tempelerhoben sich, so die noch erhaltene Basilika der hl. Jung-frau zu Bethlehem und bald auch der SophiendomJustinians an der Stelle des Salomonischen Tempels.Die Byzantiner waren die natürlichen Erben deralten Hellenen in Kunst und Wissenschaft. Da brachder neue Sturm der bildfeindlichen Muhammedanerherein. Der Prophet von Mekka , ganz von semitischerMilch genährt, erklärt Sure 21:Ihr Götzenanbetersollt insgesammt dem Feuer zur Nahrung in die Höllegeworfen werden!" Umsonst suchen spätere Koranaus-leger dieser Stelle ihren Stachel zu benehmen. Götzen-diener waren den Jslamiten dieselben, welche die HebräerGoim nannten.Gott ist Gott und Muhammed seinProphet!" erscholl als Schreckensruf durch drei Welt-theile. Allen Kunstbildern galt die Vernichtung unterdem Vorwande, daß sie nur zur Götzendienerei verführten.Ich habe die Erfahrung gemacht und seinerzeit mitge-theilt, wie wir 1874 gelegentlich der Ausgrabung dernoch vorconstantinischen Basilika zu Tyrus von denStatuen des Apollo und Learch mit dem Hirschfell dieKöpfe, Arme und Beine abgeschlagen, anderseits bloßein Herakleshaupt vorfanden und sonstiges Bild-werk ins Meer geworfen war. Wer sagt, wie viel sozertrümmert ward und verloren gegangen, die Glaubens-wuth der Jslamiten hat unzählige Opfer gefordert! Aufdem Burghügel zu Pergamum traf Humann die Ko-lossalfiguren des Gigantenkampfes, Hochreliefs vom Zeus-altar, durch die muhammedanischen Türken in die Festungs-schanzen vermauert. Mit diesem Werke eines vorchrist-lichen Michel Angelo hat Berlin keine mindere Eroberunggemacht, als München mit den Aegineten, welche nachihrer Erhebung aus dem Erdgrunde der Bildhauer Wagnerim Auftrage König Ludwigs erwarb und glücklich inItalien landete.

Aber ging denn der Reichsgedanke der Kunstliebenicht vor? Wie, wenn man die Bilder und die Kunst-bilder opferte, um die durch solchen Dienst aufgestacheltenFeinde der Christenheit zu versöhnen? Auf diesen Ge-danken konnte allerdings nur ein Barbar oder dazu ge-arteter Kunstfeind sich einlassen, So viel man weiß,hetzte der Synagogen-Vorstaud von Tiberias den KaiserLeo den Jsaurier 726 zum Bildersturm, so daßauf allerhöchsten Befehl 730 alle Bilder aus den Kirchenentfernt wurden. Diese feindselige Bewegung zerrüttetenoch unter seinem Nachfolger Constantin mit demSpottnamen Copronymos (der Mistfink) den Staat,nachdem dieser selbst das Concil zu Constantinopel754 veranlaßt hatte, sich gegen die Cultusbildrr zu er-klären, und bildereifrige Mönche hinrichten ließ. MitMilitärgewalt handhabte Kaiser Leo IV. der Chazardie Gesetze wider die Bilderverehrung. Zwar gab seineWittwe Irene dem Verlangen des Volkes und Klerusnach, zwei andere Concilien gestalteten den Bildercultund bannten und verdammten die Widersacher; dieIkonostasen in den Kirchen füllten sich wieder mit Hei-

ligen. Jedoch Leo V. der Armenier nahm 814den Kampf neuerdings auf, er wurde deßhalb 820 durchMichael den Stammler vom Throne gestürzt und er-mordet.

Nun sage man uns, ob die Kunst keinen Einflußauf den Gang der Weltgeschichte geübt hat? Von 726bis 842, mithin 116 Jahre, hielt das Unwesen derJkonoklasten an, fast konnte man ausrufen:Du hast ge-siegt, Muhammed !" Erst unter der Kaiserin Theodor«,am 19. Februar 842, konnte das Fest der Ortho-doxie oder Wiederherstellung religiöser Kunstbilder be-gangen werden. Es galt den entscheidenden Kampf, obJudaismus oder Hellenismus die Vorherr-schaft im Christenthum behaupten solle? Da-mals wurden viele Bildwerke vor der Vernichtung insAbendland geflüchtet, so das Steinbild Maria Orth,welches die Donau herauf bis an die Naabmündung ge-schwommen sein soll. Ursprünglich ist es Artemis Orthia,welche in Lacedämon Verehrung genoß und deren Altarmit dem Blute der Epheben bespritzt ward, wie dieDominikanerinnen zu Regensburg vor dem Bilde der hl.Küwmerniß (eigentlich der kimmerischen Mutter) sichblutig geißeln mußten. Die Madonna von Skutari wirdspäter angeblich durch Engel wunderbar vor den Türkennach dem Monte Baldo am Gardasee gerettet und dieWallfahrt begründet.

Das Abendland erfuhr einen weit nachhaltigerenBildersturm und eine bedauerliche Vernichtung von Kunst-werken durch blinde Reformer, welche unter dem Rufe:DerBaalscultist in die Kirche eingedrungen!alles Bildwerk hinauswarfen und zusammenschlugen. ESwar Bodenstein, nach seiner Vaterstadt in Franken ge-wöhnlich Karlstadt genannr, welcher wie rasend gegendie Heiligen predigte und deren Bilder stürmte, so daßLuther deßhalb von der Wartburg aufbrach, um seinerWütherei in Wittenberg eine Grenze zu setzen. Doch, mitden Schwarmgeistern von Zwickau oder den Wiedertäufernunter Thomas Münz er verbunden, setzte er seineZerstörung der Bilder in den Gotteshäusern, zumal inOrlamünde , fort, ja er wollte als Vorläufer unserer So-cialisten sogar Schulen und Gelehrsamkeit abgeschafftwissen, so daß Luther neuerdings in Jena gegen ihn dieKanzel bestieg, seinen Feuereifer zu dämpfen. Bei derWiederherstellung deZ Königreichs Zion in WestphälischMünster trieben die Anabaptisten ihre Extravaganzennoch weiter.

Allein durch den Knnsthaße Zwinglt's und Calvins ist noch weit mehr untergegangen; die Malerzunft fandkeine Beschäftigung mehr, und ein Hans Halb einwanderte nach England auS, wo Thomas Morus ihngünstig aufnahm und er fortan mit Portraitmalen sichfortbrachte. Das Herz blutet uns, wenn wir uns auchauf Weniges beschränken und (wie jüngst in der M.Allg. Ztg. 1891 Beibl. 286) lesen, wie 1525 in Basel lediglich aus Gemälden drei große Brände an-gerichtet wurden. Die Menge der zu förmlichen Scheiter-haufen aufgehäuften Bilder war so beträchtlich, daß mansie zum Verbrennen anfangs an die Armen vertheilenwollte, aber davon Abstand nahm, weil bei der Zu»theilung in den verschiedenen Kirchenvierteln Streit ent-stand und manches beiseite geschafft und gerettet werdenkonnte. Selbst Holbeins Orgelthüren, seine letzte kirch-liche Arbeit, waren in Gefahr. Alles mußte spurlos in