Ausgabe 
(4.10.1894) 40
 
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Flammen aufgehen, so daß nur zwei oder drei Bilderaus dem Anfang des sechzehnten Jahrhunderts im Privat-besitz sich erhielten.

In den calvinischen Kirchen der Schweiz, zu Genf ,Zürich , Schaffhausen u. s. w., sieht es darum so öde aus,wie in der Philosophie Spinozas oder in einer Juden-schule. Die Reformirten hatten bezüglich der Kunst ganzrecht mit der Behauptung, von Nom aus habe ein neuesHeidenthum, besser gesagt: der religiöse Hellenismus mitder Pflege der Klassiker, sich verbreitet. Wir geben da-gegen zu erwägen, daß die Reformation grundsätzlich aufdas alte Testament zurückging, und so wurde das vonden Päpsten stillschweigend ausgemerzte Gebot Mosis:Du sollst Dir kein Bild formen von welch immer einemlebenden Geschöpf, sei es im Himmel, auf Erden oderim Wasser", bis zur Stunde wieder giltig und gingselbst in den Heidelberger Katechismus über. (Das Ge-bot hat den Beisatz:um es anzubeten", und war indiesem Sinne niemals ausgemerzt. D. Red.)

Am ärgsten hausten die Puritaner in Schott-land, namentlich ging es über die strahlende Pracht derGlasgemälde her. Hatten die Wiedertäufer im Dom zuMünster alles zu Scherben zerworfen und zu Stral-sund der Magistrat der Abgötterei mit den Hei-ligen in Kirchen und Klöstern durch Einschlagen allder farbenprächtigen Fenster Einhalt zu thun sich bemüßigtgefunden, so war der General der Restauration Monkgezwungen, nur um Unersetzbares zu retten, das herrlicheMnrgarethenfenster zu Oxford zu vergraben, ungefährwie der Küster zu Nördlingen die altdeutschen Malereiennur durch Verschalung hinter dem Hochaltar rettete.Die christlichen Wechabiten schonten die Prachtfenster derKathedrale zu Canterbury so wenig, wie zu St. Canicein Irland , obwohl der spanische Gesandte und päpstlicheNuntius Tausende von Pfunden dafür geboten habensollen. Genug! der kunstfeindliche Mosaismus gewannwieder historische Bedeutung und die überspanntesteSabbathfeier gilt im brittischen Reiche und in Nord-amerika noch heute. Im Beginne des dreißigjährigenKrieges rasten noch die Nachfolger der Hussiten unterScultetuS wider die Kirchenbilder, und Zu Neumarkt inTirol genießt eine hölzerne Madonnenstatue Verehrung,welche in der Stadt an der Moldau schon ins Feuergeworfen, aber von den Kapuzinern unversehrt heraus-gezogen ward.

Die katholische Gegenreformation, welchevon Italien und Spanien , also von den Romanen aus-ging, hat der deutschen Kunst nicht weniger Schaden ge-bracht, indem man die stilgerechtesten Kirchen nachwülschem Muster umbaute, den Spitzbogen abrundete unddie Fenster in Baßgeigenform herstellte. Wer hat nichtmit Bedauern vom Benediktiner - und Jesuitenstil gehörtoder gelesen, welcher kein charakteriistsches Motiv in dieArchitektur einführte, umsomehr aber durch Gypsschnörkelund willkürliches Ornament die Gotteshäuser verunzierte lUm die Staatsbaukunst stand es nicht besser, so daßClemens Brentano äußert:Was verstand auchder deutsche Philister anders, als was viereckig ist, unddas war ihm oft noch zu rund." Auf protestantischerSeite ließ man wenigstens die ehrwürdigen Bauten nochunverletzt stehen, die Katholischen aber hatten zu vielGeld, und so sehen wir allein in München vier deutscheKirchbauten, St. Peter und Heiliggeist, die Augustiner -und St. Jakobskirche im Anger unter Herabschlagen der

Nippen und Hinauswerfen der Altäre vandalisch be-handelt, zwei andere aber geradezu zusammengerissen.

Damit arbeitete man Verstandlos und ohne alle Pietätnur der französischen Revolution vor, sie brachherein und blieb an Zerstörungswuth hinter den Ne-formationsstürmen nicht zurück. Wessen sie fähig seien,hatten unsere welschen Nachbarn gegen Westen schonfrüher gezeigt, da sie 1692 den großartigsten Renaissance-bau in Deutschland , das Schloß der Wittelsbacher zuHeidelberg , in einem Anfall von Raserei in eine Ruineverwandelten, gleichzeitig auch das größte Werk der Glas-malerkunst, die Fenster der Abteikirche zu Hirsau , inlauter Scherben zerschlugen. Nenne man dieß einenAnfall von Raserei, so wurde dieselbe in der großenRevolutionszeit ständig. In Colmar, der StadtSchongauers, ging es zu, wie früher zu Basel , denndie kostbarsten Bilder wurden verbrannt. Straßburg war der Schauplatz aller Gräuel, und die Convents-commissäre sprangen mit Füßen in die Gemälde. Hebertwollte dem Münsterthurm die Spitze abbrechen, weil er soaristokratisch über die Häuser der Citoyens sich erhoberst die Gegenvorstellung rettete ihn, er könnte den Stadt-bürgern auf den Kopf fallen. Eines der größten Gottes-häuser der Christenheit nach dem St. Petersdom , dieAbteikirche zu Clugny, welche mehrere Fürsten zuPrälaten gehabt, und von wo Hildebrand oder PapstGregor VII. ausgegangen, überhaupt die Reformationdes Benediktiner -Ordens sich herschreibt, war bereits ineinen Steinbruch verwandelt; nur das von den General-äbten gegründete Hotel in Paris mit seiner weltgeschicht-lichen Kunstsammlung hat den alten Ruhm noch erhalten.Da sollte dieselbe Zerstörung durch die Sanscüloten denDom zu Mainz treffen, als das Machtwort Bonapartes den Abbruch verhinderte.

Die Kunst ist eine erhaltende Macht und eineTochter des Friedens, sie liegt in der menschlichen Naturund ist der glänzendste Beweis der Wohlhabenheit undBildung. Die Araber haben statt der ihnen verbotenenBilder mit architektonischen Wunderbauten und Ara-besken ihren Kunstgeist befriedigt und dabei auch unsEuropäern zu lernen gegeben man denke an dieAbhambral Wäre der Geist der Zeit doch überwunden,in welchem die Völker des Islam nach dem SprucheMuhammeds einhertobten:Das Schwert ist der Schlüsselzu Himmel und Erde!" Seit 1200 Jahren haben siedie Kunstbewegung in ganz Vorderasien lahm gelegt,woselbst, solange die Griechen dort herrschten, die größtenMeister aufgestanden; auch Neurom, Konstantinopel, liegtkünstlerisch todt. Heute erleben wir einzig, daß auchmuslimische Herrscher sich monumental verewigen möchten.In Alexandria sehen wir Mehemet Ali hoch zu Roßam Hauptplatze el Muft'i prangen freilich blieb dasStandbild lange mit Brettern verdeckt, um die Muslimenallmählig an den Anblick zu gewöhnen. Das Museumin der hiesigen Erzgießerei bewahrt noch das im kleinerenMaßstabe ausgeführte Modell des Sultans AbdulAziz ,welches in Bronzeguß für das Serail bestimmt warwohin aber nach seiner Ermordung dieses Kunstwerk ge-langte, wer weiß es? Sagen wir vielmehr: wer weiß,was uns die nächste Zukunft bringt? In parlamentar-ischen Körperschaften, wo nur zu wenig, ja oft keineKenner und Vertreter aus der Künstlerwelt sitzen, istschon lange der Antrag aufgetaucht, den Besitz von Kunst-werken, zumal an Gemälden, mit Steuer zu belegen.Man könnte ja auch den Bibliothek-Besitzern zur Strafe