Ausgabe 
(4.10.1894) 40
 
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eine Abgabe auferlegen. Wer weiß, was die Social-demokratie unS bringt! sie will mit der Religion auchdie Kunst abschaffen und immerhin die kirchliche Kunstin den Winkel drängen. Sehen wir nicht selbst unterKünstlern eine bedenkliche Richtung Platz greifen? DieKunst soll uns über das Gemeine, Alltägliche erhebenund den Vorgeschmack einer höheren Anschauung ge-währen. Wie nnn, wenn bereits das Proletariat sichbreit macht, ja sogar die gemalte Verbrecherwelt dieCharaktere eines Leonardo da Vinci verdrängenwill? Wenn Courbet , der die Vendome-Säule um-gestürzt, keck den Straßenarbeiter, andere einen Arbeiter-strike uns vorführen, mag dieß zeitgemäß scheinen, aberein Albrecht Dürer würde sagen:Kann man soetwas auch malen?" Die Kunst soll nicht ihren letztenBeruf darin suchen, mit dem, was sie zur Anschauungbringt, wie mit Journalartikeln aufzuhetzen. Soll dieBegeisterung für das Edle erlöschen und der Cultus desSchönen ein Ende nehmen? Und wo bleibt die Pietät,die Achtung vor dem Heiligen, wenn wir die den Christennoch immer heilige Jungfrau wie ein Gassenweib, ihrenRangen auf dem Arme, dargestellt sehen, oder wie eineHolzträgerin neben dem Holzhauer mit seiner Säge inNacht und Nebel dahingehen sehen? Soll damit etwagar die Sixtinische Madonna in der Dresdener Gallerteverdrängt werden?

Von der modernen Civilisation bis zurneuen Barbarei ist nur Ein Schritt! WieRobespierre erklärte: Mus n'uvono xlus kasoinckes savants! und Lavoisier , den Hauptbegründer derneuern Chemie, guillotiniren ließ, so könnten die zurHerrschaft gelangten Socialdemokraten oas Glaubens-bekenntniß ablegen: Wohlan! wir brauchen weder Religionnoch Wissenschaft und Kunst mehr! Dann Adieu mitKunst und Kunstgewerbe! ihr wohlthätiger Einfluß aufdie Entwicklung des Völkerlebens und den Gang derGeschichte wäre zu Ende!

Ein Wort über die alten Sprachen und denEinfluß der klassischen Studien in politischerund religiöser Beziehung.

(Fortsetzung.)

II. Die klassische Lectüre ist immer zugleich auchein Studium der Geschichte Griechenlands und Roms.Nebst den Kämpfen der Griechen und Römer nach außenlernen wir dort besonders die innere Entwickelung, dieVerfassung und Verwaltung jener Staaten zu ver-schiedenen Zeiten und unter verschiedenen Formen näherkennen.

In Griechenland bestanden zuerst einige Jahr-hunderte hindurch erbliche Monarchien mit keineswegsunumschränkter Gewalt des Königs?) Nachher traten anihre Stelle aristokratische Republiken, in denen die obersteGewalt und die Leitung des Ganzen im Besitze desersten Standes oder weniger Familien desselben ist;nicht selten kommt sie in den Besitz eines Einzigen, dersie sich durch List und Gewalt aneignet?) Dieser Einewird meistens bald wieder gestürzt, indem die Vornehmstenihm die angemaßte Gewalt entreißen und die Aristokratiezurückführen. In dieser streiten sich wiederum die Erstendes Staates um den höchsten Rang und die Ausübung

der Staatsgewalt; eS entstehen Parteien, die sich gegen-seitig bekämpfen. So geht es zunächst unter wechselndenSiegen und Niederlagen der aristokratischen Geschlechterund Parteihäupter unter sich einige Zeit fort, bis ent-weder das Volk sich von selbst gegen den ersten Stand,gegen die Aristokraten empört oder ein Parteiführer desAdels sich auf seine Seite stellt, um durch Hilfe des ge-meinen Volkes seinen Gegner aus dem Besitze der Machtzu verdrängen; auf diese Weise wird die Aristokratie inDemokratie umgewandelt. So war der Verlauf z. B.in Athen , wo Klisthenes und Jsagoras, zwei aristokratischeParieihäupter, um die höchste Gewalt stritten. Klisthenesunterlag dem Gegner, schlug sich auf die Seite des Volkesund verschaffte der Demokratie den Sieg?) Und wennschon in der Aristokratie das monarchische Princip, dieLeitung des Ganzen durch einen Einzigen, deutlich hervortrat, so ist dieses in der Demokratie nicht weniger derFall. Denn auch hier ist es in der Regel ein Mann,der das Volk in seinen Beschlüssen und Handlungenleitet und die Menge beherrscht. Sobald nicht einEinziger ein entschiedenes Uebergewicht hat und denhöchsten Platz allein behauptet, so dauert der Partei-kampf so lange fort, bis ein Parteihaupt siegt und sichfür längere oder kürzere Zeit entschieden auf obersterStufe erhält. Von den vielen Kämpfen dieser Art hebenwir nur denjenigen hervor, der für den Staat noch amwenigsten nachtheilig gewesen zu sein scheint, nämlich dendes Aristides und Themistokles , dem nur die Verbannungdes einen dieser Männer ein Ziel setzte. Ihre Eifersuchtwar dem Staate weniger verderblich, als die vielerAndern vor und nach ihnen. Denn Aristides , der sichbekanntlich durch seine Nechtschaffenheit den Beinamendes Gerechten erwarb, hatte bei Bekämpfung des The-mistokles doch im allgemeinen das Wohl des Staates imAuge und gab, als das Vaterland in Gefahr schwebte(besonders vor der Schlacht bei Salamis), ein herrlichesBeispiel von Patriotismus und Selbstüberwindung?")Doch zu anderer Zeit, wenn den Staat keine äußereGefahr bedrohte, vergaß selbst Aristides das allgemeineWohl bei der Bekämpfung seines Gegners; er ließ sichdurch die Eifersucht verleiten, sogar guten Vorschlägendes Themistokles entgegenzuwirken, nur um ihn nichtsiegen und nicht an Macht gewinnen zu lassen. Undals er denselben einmal in einem solchen Falle besiegthatte, rief er, wie uns Plntarch berichtet, im Unmuthüber sein verkehrtes Streben und das Verderbliche derParteikämpfe aus, daß für Athen kein Heil sei, wennman nicht ihn und den Themistokles in jenen Abgrundwerfe,") in welchen sonst die zum Tode Verurteiltengestürzt wurden.

Nach der Verbannung des Themistokles und demTode des Aristides traten Cimon und Periklcs als Ri-valen in der Oberleitung des Staates auf. Beide warenvon Geburt und Gesinnung ursprünglich Aristokraten.Cimon hatte zuerst das Uebergewicht durch seinen Kriegs-rnhm und Reichthum, der es ihm möglich machte, sichdurch große Freigebigkeit beliebt zu machen. Dem Perikles standen solche Mittel nicht zu Gebote. Er trat daher indie Fußstapfen des Klisthenes'") und verschaffte der De-mokratie den entschiedensten Sieg und die größte Aus-dehnung, so daß die Gegenpartei völlig geschlagen war

«) Vergl. AeroS. V., 66.") Vergl. klut. Lrist. 8.") klut. ^rist. 3.klut. körte!. 7.

') Vergl. Muexä. I. 13.

°) Vergl. Herock. I. 59 sgg.