Ausgabe 
(4.10.1894) 40
 
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und insofern die Parteikümpfe unter Perikles ruhten, dadie eine Partei gänzlich unterlag und ihr Anführer ver-bannt wurde.

Perikles leitete nun das Volk der Athener und alleAngelegenheiten des Staates mit Muth, Einsicht, un-ermüdlicher Thätigkeit und Energie, unterstützt von außer-ordentlicher Beredsamkeit. Unter ihm war Athen starknach außen und blühte im Innern durch die Künste desFriedens mehr als zuvor und nachher. Allein nicht dasVolk herrschte, sondern Perikles beherrschte es wie einAlleinherrscher; Athen war nach dem Urtheil des Thu-cydides unter ihm nur dem Namen nach eine Demokratie,in der That aber eine Monarchie;*") eben daraus istseine Blüthe hauptsächlich zu erklären. Dieselbe hörtedeßhalb auch auf, als Perikles nicht mehr war und keinanderer Führer des Volkes sich nach ihm für längereDauer als Monarch zu behaupten wußte. Allerdingshat das Volk selbst den Perikles auf seinen Platz gestelltund ihm willig, nicht gezwungen, gehorcht; aber er hatdiesen Gehorsam sich nicht allein durch seine geistigeUeberlegenheit, sondern zum großen, wenn nicht zumgrößten Theil durch andere und zwar verwerfliche Mittelverschafft. Er hat der Menge allerdings nicht mit Wortengeschmeichelt, aber er wußte sie doch sehr gut an derschwachen Seite zu fassen und an sich zu fesseln. Erhat für die Theilnahme an den Gerichten und Volks-versammlungen einen Sold eingeführt und große Summenaus der Staatskasse unter die unbemittelte Klasse ver-theilt, damit sie davon das Theater, die Feste und Opfer-mahle besuchen könnte. Er machte es also auch der besitz-losen Klaffe auf Kosten der Besitzenden möglich, an demganzen öffentlichen Leben im Staate thätigen Antheil zunehmen, und eben in dieser gleichmäßigen TheilnahmeAller liegt das Wesen der Demokratie. Die so heilsameWirksamkeit des Arcopags, der als oberster Sittenrichter,als ein Bollwerk gegen Zügellosigkeit des Volkes undWillkür der Beamten, als Wächter der Gesetze und Be-schützer der alten Verfassung nicht weniger den Gelüstender Menge als der Herrschsucht ihres Führers allein nochim Wege stand, ließ er schmälern und beschränken. Umsolchen Preis gehorchte das Volk der Athener allerdingsihm allein; aber er hat es dabei so au Müßiggang undGenußsucht gewöhnt und überhaupt so verdorben,") daßnach ihm niemand es mehr im Zaume halten konnte.So groß der Glanz seiner Alleinherrschaft an und fürsich war, so verderblich war die Nachwirkung der Mittel,durch die er jene Herrschaft behauptete. Die Folgenzeigten sich bald nach dem Tode des Perikles in vollstemMaße. Die Demagogen setzten das Volk in Bewegungund brachten alles in Verwirrung. Die gährende Mengewarf sich bald diesem, bald jenem Anführer in die Arme,und häufig lieber den frechsten und schlechtesten Menschen,als redlichen und wohlwollenden Patrioten, lieber einemCleon und Alcibiades, als einem Nicias und Demosthenes . Jeder strebte nach der Macht und Alleinherrschaftdes Perikles , aber keiner konnte sich in derselben erhalten;heute herrschte dieser, morgen jener. Der Grund lagnicht nur darin, daß keiner die seltene Kraft und Größedes Perikles besaß, sondern vorzugsweise darin, daß dieGrundlagen und Bedingungen, worauf die Alleinherrschaftdes Perikles gegründet war, nicht für längere Dauer be-stehen konnten. Denn obgleich die Geldvertheilungen aus

») killt, ksriel. 9. 6onk. I'bueyä. II., 65.

") Oool. ktut. keriol. 9 und kiat. Oor §. x. 515.

der Staatskasse auf Kosten der wohlhabenden Bürger undder Bundesgenossen nicht aufhörten, indem die Demagogenden letzteren immer mehr Beiträge auspreßten,*") so wares doch nicht möglich, die sich immer steigernden Wünscheund Ansprüche der nun einmal verwöhnten Menge zu be-friedigen. Die minder besitzende und besitzlose Klasse ent-schied durch ihre numerische Ueberlegenheit alles ") undbeherrschte die besitzende, so daß m und rll

«nopoe als bezeichnet und ihre Herrschaft

rs) genannt wurde. Perikles hat durch dieMittel, auf die er seine Alleinherrschaft gründete, dieZeit des größten Sittenoerderbnisses und der Zerrüttungdes Staates hervorgerufen, jene Zeit, von der einstJsokrates sagte, die Reichen haben ein peinlicheres Loos,als die Armen,") und es sei gefährlicher, reich zuscheinen, als offen ein Verbrechen zu begehen."") AlleUebel der Anarchie und Demagogie bedrängten den ver-wirrten Staat. Alles wollte regieren und niemand ge-horchen; am schwierigsten war es für die Guten undRechtschaffenen, einigen Einfluß auf die Masse zu ge-winnen und den Staat zu leiten. Deßhalb hielt esSakrateS, um längere Zeit für das Wahre und Gutewirken zu können, für nöthig, sich auf Privatwirksamkeitzu beschränken, kein öffentliches Amt zu bekleiden undnicht als Staatsmann redend und handelnd vor demVolke aufzutreten; denn er hegte die Ueberzeugung, daßman, im Falle er auftreten würde, seinem auf Wahrheitund Gerechtigkeit gerichteten Streben frühzeitig durch denTod ein Ende gemacht hätte?*) Er vertraute ebenso-wenig auf den Gerechtigkeitssinn der großen Menge, alsauf den jener 30 Oligarchen, die einige Zeit mit Will-kür und Schrecken über Athen herrschten. Und als erin einem Alter von mehr als siebenzig Jahren wegenseines Wirkens als Lehrer der Jugend angeklagt undzum Tode verurtheilt wurde, sagte er vor seinen Richtern,daß er nicht aus Mangel an Vertheidigungsgründenunterlegen sei, sondern deßwegen, weil er es nicht übersich vermocht habe, wie die Uebrigen, einerseits mit Keck-heit und Unverschämiheit aufzutreten, anderseits denOhren der Zuhörer zu schmeicheln""). Wie sehr dieMenge durch die Schmeicheleien der Demagogen"") ver-wöhnt war und wie wenig sie eine ernste Wahrheit er-tragen konnte, erfuhr in etwas späterer Zeit besonders-der Redner Demosthenes . Er warf dem Volke seineVerblendung und Schlaffheit vor, die es dem schlauenPhilipp gegenüber an den Tag legte; er tadelte seineMitbürger, daß sie ihre Pflicht gegen das Vaterlandnicht erfüllen/*) er forderte sie mit glühendem Eifer undder größten Vaterlandsliebe auf, mit Hingabe und Kraft-anstrengung für die Selbstständigkeit zu kämpfen. Erzeigte, wie thöricht es sei, die schlimme Lage des Staatesmit Selbsttäuschung sich zu verhehlen, um nicht durchdas Bekennen der Wahrheit ein unangenehmes Wortsagen und hören zu müssen/") Er beklagt sich bitterdarüber, daß man in der Versammlung des Volkes dieWahrheit nicht sagen dürfe, und zeigt, daß der Staat

6ouk. killt. Lrist. 24.

10 ^ 12 9

") 6ouk. Xenoxb. Nsmor. IV, 2 u. killt, äs rsßb. p. 565.

-°) 0ouk. ^i-ist. koi. III, 5, L.

") Isoer. äs kaes o. 33.

2") Isoor. 7rk(>t p. 85 Orsil.

6vllk. killt. Lxoi. XIX. u. ibiä. XX.killt. L.i,oi. XXIX.

--) ^rist. koiit. IV., 4.

vsmostii., llävsrg. kbil. I., 8.

°°) vemostb. I.. 38.