Ausgabe 
(18.10.1894) 42
 
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Ein Wort über die alten Sprachen und denEinfluß der klassischen Studien in politischerund religiöser Beziehung.

(Fortsetzung.)

L.. 8. So gleicht Rom einem wogenden Meere undist der Schauplatz der größten Grünet, bis der verwirrteStaat endlich nach vielen inneren Stürmen und Um-wandlungen, nach unsäglichem Blutvergießen unter derHerrschaft eines Einzigen durch die Monarchie zurRuhe gelangt und auf diesem Wege wenigstens seineExistenz noch auf lange Zeit hinein rettet, wenn aucheine achte Blüthe und Wohlfahrt bei einer so allgemeinenEntartung, die alle Schichten der Bevölkerung von obenbis unten umfaßte, nie mehr von langer Dauer war.Der traurige Zustand des römischen Reiches unter denmeisten der Kaiser läßt ahnen, wie derselbe erst danngewesen wäre, wenn die Republik noch bestanden hätte,wenn man nämlich annimmt, daß ihre Existenz untersolchen Umstünden überhaupt möglich sei. So sehenwir, daß in Athen und Rom besonders zu der Zeit,wo die von außen drohende Gefahr abgewendet und imInnern die Verfassung vorherrschend oder entschieden de-mokratisch geworden ist, ein Wendepunkt zum Schlechtereneintritt und der Staat dem Verfall entgegen geht. Undan beiden Orten ist dieses nicht etwa zu einer Zeit derFall, wo die intellectuelle Bildung des Volkes in denersten Stadien ihrer Entwicklung begriffen und noch zuwenig vorgeschritten ist, nein, sondern gerade in derHauptentwickelung und Blüthezeit der Literatur, wo diegeistige Bildung und Reife des Volkes, sich selbst zuregieren, am meisten hätte darangesetzt werden sollen.^)Daß in Athen und Rom die Blüthezeit der Literaturund geistigen Bildung mit der Hauptperiode der Sitten-losigkeit und Laster und mit dem Ausarten des Staats-lebens zusammenfällt, kann auf den ersten Anblick über-raschen, ist aber bei näherer Betrachtung wohl erklärlich,ohne daß man anzunehmen braucht, die Bildung alssolche sei der Sittlichkeit und einem gedeihlichen Wirkenim Staate hinderlich. Wie wir oben gesehen, bestehtdie Glanzperiode der Republiken in der Zeit des Kriegesmit äußeren Feinden, und die Eintracht der Bürgerdauert in der Regel nur so lange, bis der Staat nachaußen Frieden hat oder wenigstens keine drohende Er-fuhr sieht. Sobald dieses der Fall ist, suchen sich diegeistigen und physischen Kräfte ihren Wirkungskreis imInnern; es entfalten sich so einerseits die Segnungendes Friedens in der Blüthe der Kunst und Wissenschaft,anderseits wirft sich die rührige Thätigkeit auf das po-litische Gebiet, wo sich die inneren Kräfte durch denStreit der Leidenschaften weniger zum Heile, als zumVerderben des Staates entwickeln. Jeder fühlt sich be-rufen, an der Staatsverwaltung thätig Antheil zu nehmenund in derselben so hoch als möglich zu steigen. Beidiesem allgemeinen Wettrennen nach einem Ziele gerüthder Staat allzu leicht in Verwirrung, indem der Einzelne

-b) Man ist sonach vollständig iin Irrthum befangen, wennman die politische Reise eines Volkes bloß oder auch nur vor-zugsweise nach dem Grade seiner intellcctucllen Ausbildungbemessen wollte. Die Griechen liefern dafür den schlagendstenBeweis, und nicht weniger die Römer. So lange diese eineinfaches, sittliches und kernhaftes Kriegs- und Bauernvvlkwaren, hatte die Republik wenigstens in überwiegend aristo-kratischer Form noch Bestand, während das Sinken deralten Sitte und Römertugend, trotz dem Zunehmen der soge-nannten Bildung, den Untergang der Republik naturnothwendigzur Folge hatte.

mehr auf seinen Vortheil als auf das Interesse desStaates bedacht ist und seine Mitbewerber um Ehren-stellen Meistens unbedingt besiegen will. Und so vieleBeispiele uns die Geschichte der Griechen und Römervon solchen Bürgern darbietet, die sich im Kriege mitder größten Todesverachtung für das Vaterland aufge-opfert haben, so wenige Beispiele finden wir von solchen,die im Frieden mehr auf das allgemeine Beste als aufihre eigene Macht, auf Ehre und Ansehen im StaateRücksicht genommen haben. Häufig will der Einzelne sodas Wohl des Ganzen, wenn er selbst den ersten Platzeinnehmen und das Ganze beherrschen kann. Freilichsoll das Gesetz herrschen, es soll über allen stehen;^) alleindas Gesetz ist an sich ein todter Buchstabe, dessen Geltungund Ansehen einerseits von der Gewissenhaftigkeit derUntergebenen, anderseits von der Macht und Würde derseine Befolgung überwachenden Personen abhängt. Inerster Beziehung ruht die Wirksamkeit des Gesetzes ganzauf dem sittlichen Charakter des Volkes und insofernbei der bekannten Selbstsucht der Menschen gewöhn-lich auf schwachen Stützen; denn eine solche Gewissen-haftigkeit, die das Gesetz ohne alle weitere Rück-sichten der Pflicht wegen erfüllt, trifft man zwar beieinzelnen Menschen an, aber bei größeren Korporationenoder ganzen Völkern wird man sie nicht, wenigstens nichtfür längere Dauer, vorherrschen sehen.

Was den anderen Punkt, die Wächter des Gesetzes,betrifft, so fehlt es gewöhnlich an solchen Personen, diemit Macht und Auctorität dem Willen des GesetzeSNachdruck verleihen können. Denn abgesehen davon, daßder immerwährende Wechsel der Magistratspersonen unddie vor jeder neuen Wahl statthabende und zwar häufigmit Bestechung und Gewaltthaten verbundene Bewerbungum Aemter keineswegs geeignet ist, das Ansehen desGesetzes zu befestigen und zu erhöhen, erhebt sich nebenden Behörden, die vom Volke zur Handhabung des Ge-setzes aufgestellt und mit Amtsgewalt ausgerüstet sind,immer noch eine andere auch auf das Volk sich stützendeGewalt, die der Demagogen. Diese setzen die unjelbst-ständige, in ihren Wünschen und Neigungen höchst ver-änderliche und darum Neuerungssüchtige Menge in Be-wegung, so daß die Auctorität und Herrschaft des Ge-setzes meistens nicht von langer Dauer ist. Bald herrschtdie Obrigkeit im Namen des Gesetzes, bald ein Dema-goge durch seinen Anhang. Bald hat der Staat dieseForm und Verfassung, bald jene. Das eine Mal istdas Uebergewicht auf Seiten der Vornehmen und Reichen(Aristokratie, Timokratie), das andere Mal ist alle Machtin den Händen weniger Männer (Oligarchie); bald er-hebt sich Einer an der Spitze des Volkes gegen dieOligarchen und nimmt selbst und allein Besitz von ihrerGewalt (ll^rannis), 2°) bald wird dieser ungesetzlicheAlleinherrscher wieder gestürzt, und die Aristokratie trittgewöhnlich wieder an die früher^ Stelle, bis sie derDemokratie Platz machen muß. Diese artet bei dem inihr herrschenden Grundsatz der Gleichheit Aller und demnumerischen Uebergewicht der niedersten Klasse bald inOchlokratie aus, die das Maß der Unordnung und all-gemeinen Verwirrung voll wacht. Die Folge davon ist,daß der Staat in sich zerfällt und die Beute einesanderen Staates wird (Griechenland kommt unter Mace-donien), oder er ändert die Form, er kehrt zur Monarchiezurück (Rom).

ärist. kolit. IV, 4.

2 °) kiato, Kolitis. VIII, p. 563.