Ausgabe 
(18.10.1894) 42
 
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Zu dieser Argumentation führt uns das Studiumder Geschichte Griechenlands und Noms, und zwar be-sonders das Quellenstudium derselben, die Lectüre derlateinischen und griechischen Schriftsteller überhaupt, vor-zugsweise der Historiker und Redner. Denn währenddie Lehrbücher des eigentlichen Geschichtsunterrichtes dieEreignisse und Zustände wegen des reichen Stoffes nurin gedrängter Kürze geben können und mehr nur eineUebersicht über das Ganze gewähren, führt uns dieLectüre der Quellen in das Einzelne ein, wir folgen dader Entwickelung Schritt für Schritt, wir leben gleich-sam in jenen Zustünden, wir fühlen die Lage jenerStaaten in den verschiedenen Zeiten. Und wenn manso die Verhältnisse und Zustände der alten Republiken,besonders in ihrer demokratischen Periode, in den Quellenselbst näher kennen lernt, sie so gleichsam in der Nähebetrachtet, sich in ihre Lage versetzt, die Uebel derselbenfühlt und gewissermaßen geistig erlebt, so schwindet derWahn, der etwa zuvor durch Unkenntnis; der Sache ent-standen, es schwindet der Zauber des trügenden Irrlichts,das, aus weiter Ferne gesehen, bisweilen für den Pharoseines rettenden Hafens gehalten wird. Und es scheintin der That nichts geeigneter zu sein, die Jugend sowohlals das reifere Alter vor politischem Schwärmen zu be-wahren oder davon gründlich zu heilen, als gerade dieReise in das alte Griechenland und Rom und einlängeres Verweilen daselbst. Wenn wir uns durch dieKlassiker dorthin versetzen, so sieht vieles ganz andersaus, als wir es sonst geträumt haben. Nicht das idealeBild einer schwärmenden Fantasie, sondern die nackteWirklichkeit der Ereignisse, der Zustand jener Völker undStaaten mit ihren Gebrechen und selbsterzeugten Drang-salen steht leibhaftig vor uns. Wir sehen dort, wie dieGriechen und Römer im Ringen nach Wohl und Glückvon der staatlichen Urform, der Monarchie, ausgingen,diese selbst wegen gewisser Uebel, die sich bei mangel-hafter Verwaltung und Führung zeigten, verwarfen undalle Formen und Stufen der Aristokratie und Oligarchie,Demokratie und Ochlokratie durchliefen, aber in keinerderselben das gesuchte Glück, die gewünschte Ruhe imInnern.und den nöthigen Haltpunkt des Ganzen zu er-langen vermochten, sondern im Gegentheil nach einerlangen Reihe von inneren Stürmen zuletzt den Staatan den Rand des Verderbens brachten, so daß Griechen-land seine Selbstständigkeit verlor und Rom zur Mon-archie zurückkehrte, nur um dadurch das Leben nochlänger zu fristen. Wenn nun die Einrichtungen undbesonders die aus ihnen hervorgehenden Zustände deralten Republiken durchaus nicht so beschaffen sind, daßsie leicht Neigung zu jener Staatsform hervorrufenkönnten, sondern uns vielmehr auf den Satz des Homerhinweisen, den der Dichter dem einsichtsvollsten seinerHelden, dem klugen Odysseus , in den Mund legt, indemer (Jl. II, 204) sagt:Nichts taugt die Vielherrschaft,Einer sei Herrscher, Einer sei König, dem Zeus es ver-lieh", so werden wir in der klassischen Lectüre gleich-zeitig auf gewisse Voraussetzungen und Grundlagen desantiken Staatslebens aufmerksam gemacht und Hiebei be-sonders auf einen Umstand hingeführt, der es vollendsunmöglich macht, die Einrichtungen der Republiken desheidnischen Alterthums als Muster und Norm auf christ-liche Staaten anzuwenden. Dieser Umstand besteht darin,daß es in jenen Staaten den Bürgern nur dadurchmöglich war, sich ganz dem Staate und seiner Ver-waltung zu widmen, daß die Geschäfte zu Hause und

auf dem Felde fast ausschließlich von Sclaven besorgtwurden. In Rom galt außer den Staatsgeschäften, demKriegsdienste und Landbau jede andere Beschäftigung fürniedrig und eines Freien nicht würdig; in Griechenland galten nicht nur die Gewerbe und häuslichen Geschäfte,sondern auch die Bestellung des Feldes für ein niedrigesGeschäft, mit dem sich außer den Sclaven nur dieärmste Klasse der Freien abgab.

Unter Perikles vollends wurde, wie wir oben ge-sehen, für die Theilnahme an Volksversammlungen u. dgl.Geld aus der Staatskasse bezahlt, so daß sich auch dieärmsten Bürger am Staatsleben bethciligen konnten,indem sie dadurch ihren Lebensunterhalt verdienten. Undeben in dieser gleichmäßigen Theilnahme Aller bestand dieVollendung der Demokratie durch Perikles . Die Sclavenaber, welche für die Freien arbeiten und es ihnen da-durch möglich machen mußten, sich ganz dem Staatslebenhinzugeben, gehörten selbst nicht zum Staate; dieser be-stand nur aus Freien. Letztere machten jedoch meistensden kleineren Theil der Bevölkerung aus. So z. B.zählte Attika zur Zeit seiner höchsten Blüthe 500,000Einwohner, von denen 135,000 Freie und 365,000Sclaven waren (vergl. BLckh's Staatshaushalt- derAthener, I.). Korinth hatte (nach Timüus) 460,000,das kleine Aegina 470,000 Sclaven. Jeder Freie, dernicht vollständig arm war, hatte wenigstens einen odermehrere Sclaven; wenn ein mäßig wohlhabender Bürgernur 7 Sclaven hatte, so galt es für wenig. Die Reichenhatten Hunderte von Sclaven. In Rom war die Zahlwohl noch größer, als in Griechenland . Manche hattenTausende von Sclaven, so daß man in gewissen ZeitenvonZrsZöZ uncullurnin" undIsZioirss wuilcixiornirr"(Oio. xro Dill. 10 u. 21) einzelner Bürger sprechen konnte.Die Mehrzahl der Bevölkerung Noms bestand in demletzten Jahrhundert vor Christus aus Sclaven. DieMehrzahl der Bevölkerung des Staates war somit inden Republiken des Alterthums in der traurigsten Lage;schon die Bezeichnungeninunoixiuw." (als

nsutru) und noch mehr die Ausdrückessrvus oaxmtvon trübst",servi xrc> nullis stastentur" deuten daraufhin, daß man sie nicht als Menschen, sondern als eineSache des gewöhnlichen Besitzthnms betrachtete. Es mußteder Einzelne gleichsam zuerst ein Mitglied des Staates,ein Bürger werden, ehe er ein Mensch sein konnte. DieSclaven waren völlig rechtlos. In Griechenland wurdensie zwar im ganzen weniger hart behandelt als in Rom.Hier aber waren sie ganz der Laune und Grausamkeitihrer Herren preisgegeben. Oft wurden sie wegen einerKleinigkeit nicht nur gefühllos gezüchtigt und mißhandelt,sondern getödtet, an das Kreuz geschlagen. So weitverirrten sich die gebildeten Völker der Heidenwelt, daßsie in den armen Sclaven die Menschenwürde gänzlichverkannten. Die Römer haben die Rechtswissenschaftsonst so sehr ausgebildet und für alle möglichen FälleGesetze und Normen aufgestellt, mit haarspaltendemScharfsinn die Rechte von Mein und Dein geschieden;aber für die Sclaven haben sie kein Menschenrechtherausgefunden.

Wandgemälde aus dem XV. Jahrhundert.

I.

Zell bei Oberstaufen .

Eine gute halbe Stunde von Oberstaufen liegt fried-lich und unmuthig inmitten weniger schmucker Anwesenauf kleiner Arhöhe eine Kapelle, einst die Pfarrkirche