Ausgabe 
(18.10.1894) 42
 
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hett des Marienlebens in diesen letzteren nicht überboten, iaber welch ein Reichthum der Phantasie herrscht in diesenvielen Aposteln, Henkern, Tyrannen, den Rittern undFrauen der Umgebung u. s. w., alles lebt, rührt sich,spricht und handelt. Insgesammt zeigen alle Gemäldeeine unglaubliche Sicherheit der Zeichnung. Mit einpaar Strichen und Punkten ist ein Marienköpfchen vollreizender Anmuth hingeworfen, ebenso frisch und keck dieherrlichsten Costüme. Da ist bei ausgesprochen dekorativemCharakter des Ganzen doch ein vollendetes Kunstwerk ge-schaffen worden. Was der Zeit fehlte, vergißt man imGenusse des vom Künstler Gebotenen. Das ist aber ebendie Kunst, eine Idee in der zu Gebote stehenden Formen-sprache dem Beschauer vollkommen zu Gemüthe zu führen.Ist denn, absolut gesprochen, auch die herrlichste moderneTechnik unübertrefflich?

Noch ein kostbares Kunstwerk ist in dieser Kapelle,der Choraltar, ein Altarschrein mit Flügeln und Be-krönung. Der Schrein zeigt geschnitzt: Maria zwischenBarbara und Stephanus, die gemalten Flügel außenWeihnacht und die hl. 3 Könige, ersteres Bildchen sehrähnlich dem 12. des Marienlebens , innen Leonhard-Bartholomäus und Alban-Margareth. Wie diese Flügel,war die ganze Predella mit rauher Leinwand überzogen,darauf ein Gipsgrund, auf diesem die Malereien. DiePredella zeigt in Bogenarkaden die Brustbilder vonAposteln. Die Rückseite des Schreines ist gänzlich ver-blaßt, doch erkennt man, daß darauf ein sehr schönerOelbcrg gemalt war.

Der Schrein zeigt innen die Unterschrift:

Lüo . änr . m - ooooO xlzr . sxlstm » s - Ir?

Irrbula, - p » ioliü - strigol.

Damit ist die Zeit der Vollendung des künstlerischenSchmuckes der Wände im Endtermin gegeben. Wahr-scheinlich stammen auch die Wandgemälde von derselbenHand, wie die Malereien dieses Altars. Leider, leiderist derselbe durch eine sehr schlimme Fassung und schlechteErgänzung und Ucbermalung in der Zeit der Anfertigungobengenaunter Deckengemälde rninirt worden. Eine völligeWiederherstellung ist unmöglich.

Die beiden Seitenaltüre sind geringwerihig.

Das ist, was dieses Kapellchen bietet. Den Anlaßzur Restauration gaben die unermüdlichen Versuche deranwohnenden Geschwister Allger, die alten Bilder bloß-zulegen. Einer der Brüder hat sich der Mühe unter-zogen, die ganze Wand abzuklopfen und zur Restaurationvorzubereiten. Die kgl. Regierung ließ denn auch dieMittel zu einer fachgemäßen tüchtigen Restauration be-schaffen und beauftragte den Münchner HistorienmalerBonifaz Locher mit der Restauration. Dieselbe ist nn-gemein geschickt durchgeführt; mit größter Pietät wurdenur das Nothwendigste ergänzt, alles Vorhandene ge-schont. Es haben sich deßhalb auch Autoritäten, wieProfessor Rudolf Seitz, nicht anerkennend genug hierüberaussprechen können. Professor Seitz bezeichnete geradediese Restauration als die beste ihm bekannte. Hierhaben wir also eine Musterrestauration vor uns. Freilichstellte die Arbeit bedeutende Anforderungen an die Geduldund Selbstlosigkeit des Künstlers. Dafür ist sein Namehinfort auf's innigste mit dem schönen Werke verbunden?')

Mindelheim , den 3. Okt. 1834.

I)r. O. Frhr. von Lochner.

2) Eine genaue und fachmnßige Besprechung dieser Malereienwird Herr Professor Dr. EndreS-Negensbnrg im Allgäuer Ge-schichtSfrcnnd veröffentlichen.

Ein Besuch in Paris im Herbst 1817.

(Schluß.)

p. Mittwoch den 5. früh beschlossen wir, nach St.Cloud zu fahren, verließen um 10 Uhr in EinsiedelsBegleitung das Hotel und fuhren bei sehr nebligemWetter auf einem kleinen Umweg durch das Bois deBonlogne, um auch dieses kennen zu lernen. Die Al-liirten haben hier mit ihren Biwaks großen Schaden inden schönen Waldpartien angerichtet, wie wir beim Durch-führen bemerkten. Im Sommer müssen die Spaziergängein demselben herrlich sein. Wohl eine Stunde WcgSlegten wir von dem einen Ende bis zum andern zurück,bis wir eine Brücke über die Seine erreichten, welchenach St. Cloud führt, das sich am Bergabhange aufdem linken Seineufer hinzieht, während sich das schöneSchloß links der Brücke am südlichen Abhang deS Hügels,auf welchem die Stadt gelegen ist, befindet. Hier wurdeHeinrich III. in dem Gondy'schen Hause am 2. Auguste1289 von Jacques Element ermordet; Ludwig XIV. kaufte es im Jahre 1658 und schenkte es seinem Bruder,dem Herzog von Orleans, der es 1680 ausbaute. Alses die Königin Marie Antoinette 1782 kaufte, ließ sieim Innern große Veränderungen vornehmen; dagegennur einen kleinen Theil des von Le Notre angelegtenParkes als Privatgarten abtrennen, während der übrigeTheil dem Publikum offen stand; der Park zieht sichvom Seinenfer bis Garches .

Ein sehr aufgeblasener königlicher Bedienter führteuns in dem prachtvollen Schlosse herum, in welchemjetzt viel gebaut wird; vom Balkon soll man eine schöneAussicht nach Paris haben, die wir aber wegen desstarken Nebels leider nicht genießen konnten. DerOrangeriesaal diente während der Revolution alsSitzungssaal der Fünfhundert; Napoleon trat am 16.November 1799 in denselben ein, um das Direktoriumzu stürzen. Wegen der ungünstigen Witterung war aneinen Besuch des Schloßparks nicht zu denken; wirfuhren daher nach eingenommenem Frühstück nach SsvrcsZur Besichtigung der Porzellanfabrik. Die erste derartigeFabrik legte der Marquis von Fulvy 1738 an, durchdie er zum armen Manne wurde, obgleich sein Porzellanan Güte dem japanischen gleichkam; 1755 erbautendie Generalpächter die jetzige Mannfactur, die ihnenLudwig XV. auf den Rath der Pompädour abkaufte.Seit 1810 macht man dort auch porealaino clura,welches sich von dem poroLlaina tamlrs dadurch unter-scheidet, daß es den Wechsel von der Kälte zur Wärmeeher aushält, während letzteres die Farben besser an-nimmt; das Kaolin, der Grundbestandiheil des Porzellans,kommt aus der Gegend von Limoges . Der Besuch derArbeitssäle war uns, da wir uns mit keinem Erlaubniß-schein versehen hatten, nicht gestattet; man führte unsdaher nur in die Magazine, wo es viele Prachtstückegibt, unter anderen einen runden Tisch, in dessen PlatteMedaillons mit Ansichten der königlichen Lustschlössereingelassen sind. Dieser Tisch hat einen Werth von36,000 Frcs., viele Vasen und Services haben einenähnlichen, auch ein Glasgcmülde sahen wir, ferner diekönigliche Familie in Biscuit, und zwar in großer An-zahl. Auch eine Glasfabrik gibt es in Sävrcs, diewegen ihrer schönen Flaschen großen Ruf hat.

Das Wetter heiterte sich, als wir zurückfuhren,derart auf, daß wir noch das Observatorium zu be-sichtigen beschlossen, welches sich im Fauburg St. Jacques,gegenüber der großen Avenue des Lnpembourg, befindet.