Ausgabe 
(18.10.1894) 42
 
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und von wo man den diesseitigen Theil von Paris und ,das linke Seineufer gut übersehen kann. Dies Obser-vatorium ist ein viereckiger Bau mit zwei achteckigenThürmen an den Ecken der Südseite und einem Vorbauan der Westseite. Der Meridian, welcher auf dem Estrichdes großen (in der Mitte des Gebäudes befindlichen)Saales eingezeichnet ist, bildet die Achse desselben. Derganze Bau ist nur aus Steinen aufgeführt, ohne jeglicheHolz- oder Eisenconstruktion. Die tiefen Keller, in welchemau auf einer Treppe von 360 Stufen hinabsteigt, werdenzu Versuchen benutzt, Körper zum Gefrieren zu bringen.Auch ist hier eine Maschine aufgestellt, welche die Mengeder Niederschlage im Laufe eines Jahres angibt.

Es war schon 4 Uhr, als wir das Observatoriumverließen, deßhalb zu spät zur Besichtigung der Kata-komben, jener unterirdischen Steinbruche, deren Eingangin der Rue d'Eufer gelegen ist und wohin man im Jahre1786 alle Menschenknvchen schaffte, die sich in den Grüftender seit Jahrhunderten aufgehobenen Kirchen und Kirch-höfe befanden; man schmückte damit die unterirdischenGänge in etwas sehr bizarrer Weise aus. Wir gingennunmehr durch den Gärten des Lnxembourg, der nachdem Observatorium freie Aussicht hat, besahen uns dieStelle, wo Ney erschossen wurde, und fuhren nach derKathedrale Notre Dame , die auf der Seine-Insel, demältesten Theil von Paris, der Citä, liegt. Childerich ,Klodwigs Sohn, soll 522 dort die erste Kirche gebauthaben; ihr gegenüber stand eine zweite, welche dem hl.Stephan geweiht war. Den ersten Stein der jetzigenNotre Dame-Kirche legte Papst Alexander III. , der vordem Gegenpapst Victor IV. nach Frankreich geflüchtetwar, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts; derBau selbst wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts be-endet. Die Steinarbeitcn des Westportals geben mehrereZüge aus dem Leben der hl. Gottesmutter wieder. Indiesem Dome ließ sich Napoleon von Papst Pius VII .zum Kaiser salben; er zeigt sehr große Dimensionen,aber keine hervorragende Prachtentfaltung; die von derAnwesenheit des Papstes Pius VII. herrührenden De-korationen sollen zwar auf besonderen Wunsch gezeigtwerden; wir bekamen sie aber nicht zu sehen.

Unser Diner nahmen wir heute bei Beauvilliers,Nue Richelieu, ein und begaben uns von da in dieGroße Oper, wo man die Danaiden aufführte, eine Vor- -stellung, die durch die dazu gehörigen Ballets, Pracht- >vollen Dekorationen und Eruppirungen uns ausnehmendgefiel.

Donnerstag den 6. fuhren wir früh 10 Uhr inBegleitung unserer Freunde Zezschwitz und Stüntzner indas Palais de Justice, wo die Kriminalverbrecher ver-wahrt werden; es liegt ebenfalls in der Cits und warschon im 9. Jahrhundert königlicher Palast. Zwei Brände,1618 und 1776, zerstörten den alten prachtvollen Saal,sowie die Kapelle und die daraustoßenden Baulichkeiten.In diesem Palast brachte die unglückliche Königin MarieAntoinette ihre letzten Lebenstage zu, und zwar in dersogenannten Conciergerie, wo die gemeinsten Verbrechereingesperrt werden. Ihr Gefängniß ist in eine 5 Fußbreite und 10 Fuß lange Kapelle umgebaut worden; ander Stelle, wo ihr Bett stand, befindet sich jetzt einSarkophag; das kleine Fenster, das das Tageslicht vonoben hereinließ, hat man vergrößert und den Nebenraum,in welchem sich die Wächter der Königin aufhielten undder nur durch eine niedere spanische Wand von ihrerGefängnißzelle getrennt war, durch eine Mauer abge-

schieden. Auch in diesem Zimmer steht ein Altar; anden Wänden hängen Gemälde, welche Scenen aus derletzten Lebenszeit Marie Antoiuette's darstellen. DaSZimmer, in welchem Ney gefangen saß, sowie jenes,aus welchem Lafayette entsprang, wollte man uns nichtzeigen.

Von da aus fuhren wir nach der Gobelinfabrik,Nue Monffetard, die in dieser Art einzige in Frank-reich ; sie arbeitet nur für den König und nicht für denVerkauf. Schon 1450 (nach anderen unter Franz I.)errichtete Gilles Gobelin an derselben Stelle Färbereienin Wolle und Tuchen, die unter Ludwig XIV. von I.Glucq vergrößert und verbessert wurden. Colbert undder Maler Lebrun haben die Gobelinweberei auf dieStufe ihrer jetzigen Vollkommenheit gehoben. Die An-fertigung ist meist theurer, als ein Gemälde von gleicherGröße zu stehen kommen würde, denn die Arbeit ist somühsam, daß über einem größeren Stück zwei Personen6 Jahre lang Zubringen; dafür wird aber so schön ge-webt, daß man, wenn man das Gobelin in einiger Ent-fernung betrachtet, ein Gemälde zu sehen glaubt. Be-sonders gefielen uns zwei große Arbeiten: Sully vorHeinrich IV. auf den Knieen liegend und eine Jagd-scene aus dem Leben desselben Königs. Bei allenfertigen wie unfertigen Arbeiten war es unverkennbar,daß das Gewebe schöner sei, als das Gemälde; es wirdtheils in feiner Wolle, theils, wenn nöthig, in Seidegearbeitet.

Von den Gobelins ging es zum Jardin du Notoder des Plantes, Quai St. Vernard. 1636 unterLudwig XIII . gegründet, erlangte er unter seinem In-tendanten Buffon, dem hervorragenden Naturforscher,1739 seine größte Vollkommenheit. Wir begannen mitder Besichtigung des Naturaliencabinets, in welchem jedeThiergattuug vertreten ist, ebenso alle Mineralien in derMineraliensammlung; 7000 Pflanzen sind nach Klasseund Familie nach der Methode Jussieu geordnet. Dannbestiegen wir das Belvedöre, auf welchem einige Cypressenvom Libanon wachsen und sich durch ihre geraden Nestevon anderen Nadelbäumen auszeichnen: man hat hiereine sehr schöne Aussicht auf Paris . Ferner besahenwir uns die Menagerie, die viele ausländische Vier-füßler und Vögel enthält, wie Kameele, Löwen, Affen,Strauße n. s. w., in welcher aber seltsamerweise derElephant fehlte. Zwei Löwinnen zeichnen sich besondersaus; die eine durch ihre Schönheit, die andre durch ihreHarmonie mit einem Hündchen, mit dem sie schon einigeJahre zusammen lebt. Im Garten, welcher sich bis andie Seine hinzieht, werden auch alle Arten gemeinerewie seltenere Pflanzen gezogen. Mit dem Jardin desPlantes verbunden ist eine Akademie, in welcher 13 Pro-fessoren stark besuchte Vorlesungen über Botanik, Ana-tomie, Zoologie, Geologie, Ikonographie, Mineralogieund Chemie halten.

Der Pont d'Austerlitz, jetzt Pont du Noi genannt,führt hier über die Seine, ein Privatunternehmen, weß-halb auch Wagen, Reiter und Fußgänger einen Brücken-zoll zu entrichten haben; die Brücke wurde 1800 be-gonnen und 1806 beendet, Pfeiler und Streben sindvon behauenem Stein, die 5 Bögen von je 77 par. FußSpannweite aus gegossenem Eisen, deren mittelst Schraubenuntereinander befestigte Theile die Abnahme des ganzenBogens gestatten.

Unser Wagen führte uns längs des BoulevardBourdon nach dem Bastilleplatz, wobei wir am Grenier