Ausgabe 
(25.10.1894) 43
 
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Friedrich W. Helle: Kalanya's Vvlkersang.

Mittelafrikanischer SchöpfungsMythus.

18! Unter diesem Titel erschien bei Franz W. Cordierin Heiligenstadt (Eichsfeld) 1894 eine Dichtung von 143Octavseiten, über welche der Dichter in Anmerkung sagt:

Die Traditionen des Menschengeschlechts be-züglich der wahren GotteSerkeuntniß wie der Schöpfung, desSündcnfalles und seiner Strafe und Sühne haben, soweit auchdie Völker sich örtlich und zeitlich immer mehr von der Wabr-heit entfernten und in die Irrwege des Götzendienstes hinein-geriethcn, sich dennoch ihre Urkcime bewabrt. Den tiefer For-schenden und Schauenden treten in allen Götter- und Schöpfungs-mythen der verschiedensten Völker und Zeiten Gedanken entgegen,die auf den Urquell aller Wahrheit zurückweisen und die Be-richte der Genesis und die Worte der göttlichen Offenbarungenmehr oder weniger bestätigen resp. in sich erhalten haben. Manist so leicht geneigt zu glauben, daß die heidnischen Neger-völker Afrika's nach ihrem Mittelpunkte hin sich sämmtlicham weitesten von der Urwahrheit und von den Zeugnissen derwahren Gottcserkenntniß entfernt hätten; und doch ruht geradein ihnen, wie eine in der Nacht verschlossene Morgendämmerung,eine Fülle von Ideen, welche zur wabren Gotteserkeuntnitzzurückweisen und die Sehnsucht des Menschen zur Rückkebrnach der vollen, verlorenen Wahrheit zum Ausdruck bringen.DaS beweist uns der SchöpfungsmhtbuS der in Ccntral-Afrika lebenden Uumala-Neger, ein Mythus, dessen Ideenund Anschauungen von wahrhaft christlichen Anklängen, die dasHcidenthum aus der Zeit der ersten Völker der Welt, sowie desUrchristentums in sich aufgenommen und bewahrt haben mutz,Zeugniß ablegen.

In einer Zeit, wo das Christenthum sich anschickt, wie einNiese sich neue Bahnen durch Afrika's undurchdringliche Wald-ungen, über seine Ströme und Niescnberge zu schaffen, umAfrika für sich und für Gott zurückzugewinnen, soll dieseDichtung in gewisser Weise an den afrikanischen Missionendurch Begeisterung für deren Ziele und durch Anregung theil-nehmen.

. Dieses war der Zweck, der schon vor 30 Jahren die Ma-terialsammlung und Bearbeitung des Stoffes veranlaßte undden Inhalt nach und nach vervollständigte bis zur gegenwärtigenForm. Der eigentliche Stoff wurde theils aus Lüken's,Traditionen des Menschengeschlechtes', theils aus alten Reise-beschreibungen in München, Wien und Rom geschöpft unddurch Selbstachtung ergänzt und dann ausgefüllt."

Unter dem Ergänzen und Ausfüllen find wohlvor Allem zu verstehen die schönen Naturschilderungen,in welchen Helle bekanntlich Meister ist, sowie kleinereEinzelheiten der Vorgänge. Wieweit er den Mythus noch durchtränkt hat mit christlichem Geiste, bleibt unsungewiß, jedenfalls ist trotz menschlich sagenhafter Bei-mischung, und obschon der vollständige Begriff reinerGeistigkeit mangelt, die Gestalt Til's des Schöpfers ineiner Erhabenheit und Milde gehalten, welche erbauendwirkt. Das Hervorbringen der Schöpfung aus dem Nichts,d. h. das Nichtsein alles dessen was nicht er ist oderschafft, wird zwar nicht mit Deutlichkeit betont, immerhinerscheint Til als einziger und lebenspendender Gestalteraller Dinge. Sehr poetisch sind auch die von ihm hervor-gerufenen Lichtgestalten, welche unsrer Engclwelt ent-sprechen, und ebenso entsprechen dem Satan und seinenGesellen die Dimmus als nicht ursprünglich böse, son-dern als gefallene, verfluchte Wesen. Ein erstes Menschen-paar erscheint auf des Schöpfers Ruf und empfängt dessenBefehle; der Sündenfall aber, bei welchem anstatt derSchlange der häßliche Frosch zum Helfer und dafür zurStrafe in den Sumpf verbannt wird, tritt hier erst ein,nachdem die Erde bereits durch zahlreiche Menschheit be-völkert ist. Die überall vorhandene Erinnerung an einRiesengeschlecht der Urzeit macht auch hier sich geltend.

Eine merkwürdige Abweichung nicht nur von der

Genesis, sondern von der Sage der meisten Völker istdie, daß hier anstatt der großen Fluth ein Weltbranddie sündigen Geschlechter vertilgt. Nahm der afrikanischeSonnenbrand die Geister so sehr in Beschlag? Hat einepartielle Katastrophe, ähnlich, nur weit gewaltiger, wiedie amerikanischen Waldbrände, von denen wir jüngstvernahmen, die Erinnerung an die allgemeine Fluth ver-drängt? Oder geistert hier eine Urüberlieferung überein prüadamitisches Ereignis; (etwa beim Engelsturz),welches demWüst und leer" im ersten Kapitel derGenesis voranging? Oder endlich, spiegelt sich eine alteWeissagung jenes Brandes, der am Ende der Zeitendie Erde vertilgen soll?

Aus der Urzeit wird ein einziger Heiliger gerettet,in einer Basalthöhle geborgen, aber er wird nicht wieNoah der Stammvater der späteren Geschlechter, sondernnur Zeuge, Lehrer, gottpreisender Sänger.

Schade, daß der Dichter nicht ändernd eingriff indas, was bei der Neuschöpfung der Pflanzen- und Thier-welt und beim zweiten Verderbnis; der Menschen zuähnlich dem Vorlauf der Urzeit erzählt wird und hiedurchermüdet. Aber höchst merkwürdig ist, das; wie allerwärts,so auch in der afrikanischen Sage eine Jungfrau-Mutterverehrt wird; sie bringt zwar nicht den Erlöser zurWelt, .sondern die Stammeltern aller ferneren Geschlechter,und ihre eigene Entstehung ist märchenhaft umkleidet,aber in keuschem Zauber. Und, wie Helle eigens anmerkt(S. 94), die Jungfrau-Mutter heißt im afrikanischenMythus Mariam (entsprechend der arabischen FormMirjam für Maria).

Der Sang Kalanya's schließt unter Vorherver-kündigung zuerst des Elendes der Sklaverei, dann aberauch derjenigen weißen Männer, welche kommen sollen,unter wunderbarem Zeichen eine Botschaft des Friedensund des Heiles zu bringen, und in einem Epilog wirddie Ankunft der Letzteren als bereits geschehen angesagt.

Möge dem deutschen Dichter beschieden sein, dasZiel zu erreichen, welches er den lauteren Klängen dieserDichtung gesteckt hat!

Wandgemälde aus dem XV. Jahrhundert,ii.

Die Frauenkirche in Memmingen .

In der, heute protestantischen, Frauenkirche zu Mem-mingen wurden schon 1891 herrliche Wandmalereien blos-gelegt. Seitdem wurde die Tünche von allen Malereien,deren die Kirche zahllose enthält, entfernt, und schon nahtderen Restauration ihrem Ende. Das Verdienst derAufdeckung kommt Herrn Stadtpfarrer Braun zu, derauch die erste, ziemlich eingehende Beschreibung derselbenlieferte?) Die kgl. Regierung unterstützte das Nestau-rationswerk, das wohl ebenfalls mnstergiltig genanntwerden muß.

Hier haben wir das Beispiel einer großartigen ein-heitlichen Bemalung des ganzen Kirchenraumes. DieKirche wurde dreimal erweitert und umgebaut. Derdritte Umbau wurde um Mitte des 15. Jahrhundertsvollendet. Wie haben eine dreischiffige spätgothische Kirchemit flachgedecktem Mittelschiff. In die Seitenschiffe find

-) Im Christl. Kuustbl. 1891 S. 33 ff.. 1892 S. 26 ff.,43 ff. bei Dr. Endrcö: Bild!. Darstellungen aus dem Marien-lcbc» im Mittelalter. Hist.-pol. Bl. 113* S. 245 Anm.