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Namen Josef Lelotte nennen hören — und doch glaubenwir der katholischen Sache einen Dienst zu erweisen,wenn wir Leben und Wirken des am 6. April 1892verstorbenen Oberpfarrers von München-Gladbach —denn das war Lelotte — weiteren Kreisen bekanntmachen. M.-Gladbach ist ja in den letzten Jahren be-rühmt geworden als Taguugsstätte des ersten praktisch-socialen Kurses vorn 20.-30. September 1892. Zwarhaben die Thcilnehmer an diesem Kursus den merk-würdigen Oberpfarrer nicht mehr kennen gelernt, aberes ist wohl nicht zuviel gesagt, wenn man behauptet:wäre nicht ein Lelotte viele Jahre Pfarrer in M.-Gladbachgewesen, so wäre dieß nicht in solch großartiger Weiseeine Musterstadt für Lösung der socialen Frage ge-worden, wie es dieß jetzt ist. Hat ja doch der Leichen-redner vor der Bahre des Verblichenen, der HochwürdigsteHerr Weihbischof Or. A. Fischer von Köln , zn den Pfarr-kindern des Seligen die Worte gesprochen: „Zu einer Zeit,wo nur wenige die Bedeutsamkeit der socialen Frageahnten, wo oberflächliche Geister die Existenz dieser Frageeinfach verneinten, da hat dieser schlichte Pfarrer schondie ganze Bedeutsamkeit dieser Frage durchschaut und sienicht bloß erkannt, sondern selbst Hand uns Werk gelegt.Und wenn M.-Gladbach unwidersprochen den Mittelpunktbildet der katholisch-socialen Bewegung in unserem deutschenVaterland, so verdanken wir das neben anderen Männern,die dem Pfarrer zur Seite standen, ganz vorzüglich euremguten verstorbenen Pfarrer, der anregte, begeisterte, selbstHand ans Werk legte und andre dazu bestimmte."
Darum möge es gestattet sein, eine Skizze desLebens und Wirkens dieses hochbegabten Mannes zugeben; wir folgen einer Biographie, welche ein Kaplandes Verstorbenen, Hochw. Herr Kesselkaul, veröffentlichte(M.-Gladbach, 1893, Druck und Commissionsvcrlag vonWilms und Nixen; Preis 30 Pf.), und deren Lectürewir jedem empfehlen möchten, da zudem der Reinertragfür einen Kirchenban in M.-Gladbach bestimmt ist.
Karl Josef Nemaclus Lelotte wurde zu Aachen am28. März 1827 als Sohn wohlhabender Bürgersleutegeboren. Seine Gymnasialstudien machte er in feinerVaterstadt. Für seine außerordentliche Begabung zeugtder Umstand, daß er in den Oberklaffen die lateinischeSprache so gut beherrschte, daß er mehrere lateinischeAufsätze über dasselbe Thema hintereinander diktirenkonnte, ohne ein Wort zu schreiben. Seine theologischenStudien machte Lelotte in Bonn , wo er der katholischenStudentenverbindung Bnvaria beiirat und mit großerSchneidigkeit, geschmückt mit den weiß-blauen Farben,das Amt des Seniors versah.
Er gründete auch unter den Studenten den aka-demischen Dombauverein, dessen Mitglieder sich ver-pflichteten, durch Geldbeiträge und auf andere Weise andem großen Werke der Restauration und Vollendung desKölner Domes mitzuwirken. Der feurige Student machtean anderen Universitäten, besonders in Süddeutschland,durch persönliches Auftreten und Vortrüge energisch Pro-paganda für seine Idee. Bei Elkan in Köln ließ ereine farbige Skizze des Domes anfertigen, und ans demErtrage wurde ein großes Glasfenster an der Südseitedes Domes und ein anderes in der Sacramentskapellebeschafft. Lelotte hat damals durch seinen Eifer ein er-höhtes Interesse für den Kölner Dombau in weite Kreisegetragen.
Das am Studenten schon bewunderte Nednertalentließ von dem Auftreten Lelotte's als Prediger (er wurde
am 3. September 1850 zum Priester geweiht) Groß-artiges erwarten. Als Primiziant predigte er in seinerPfarrkirche St. Michael über den hl. Erzengel und dessenWahlspruch tzuis ut Osus — Wer ist wie Gott ? EinMann aus dem Volke faßte seine Kritik über den feurigenRedner in die naiven Worte zusammen: „Wenn der denLucifer fassen könnte, er würde ihn noch einmal in dieHölle stürzen."
Seinen ersten Posten als Kaplan bezog Lelotte inEupen , wo er eine Arbeitslast auf sich nahm, in welchesich nachher 2 oder 3 Geistliche theilten. Dem über-großen Eifer hielt die Gesundheit nicht Stand; er wurdevon einem heftigen Blutsturze befallen und mußte nachbloß 7 monatlicher Wirksamkeit Eupen wieder verlassen.Nach seiner Wiederherstellung war er 3 Jahre in TürenKaplan und wurde dann in gleicher Eigenschaft nachDüsseldorf versetzt.
Dort hauptsächlich begründete er seinen Ruf alsgroßer, geistreicher Redner und Prediger. Alles strömtein seine Predigten, selbst Schauspieler vom Theater.Die Prinzessin Stephanie, eine Tochter des Fürsten vonHohenzollern, welche Lelotte zu ihrem Beichtvater ge-wühlt hatte und fleißig dessen Predigten besuchte, wollteden tüchtigen Geistlichen als Hofkaplan mit sich nachLissabon nehmen, als sie die Gemahlin des Königs vonPortugal wurde; allein Lelotte dankte und ging anstattnach Lissabon , in die majestätische Königsstadt am at-lantischen Ocean, — nach Venwegen , einem Ocrtchenvon einigen 100 Seelen, in den Vorbergen der Eifel gelegen. Das war Lelotte's erste Pfarrei, welche er2*/z Jahre verwaltete.
Am 19. Januar 1864 übernahm er auf Wunschseines Erzbischofs als 36 jähriger Mann die Sorge füreine Pfarrei von 18,000 Seelen, welche während seinermehr als 28jährigen Amtsdauer sich auf 40,000 ver-mehrten — Lelotte wurde Oberpfarrer von Müuchen-Gladbach, und das war die von der Vorsehung für ihnbestimmte Stellung.
Bald schon hatte er gegen die Bestrebungen derSocialdemokratie aufzutreten, die ein ergiebiges Feldihrer Thätigkeit in der rasch aufblühenden Industriestadtgesucht und vielleicht auch gefunden Hütte, wenn nichtLelotte den Wühlereien der Socialdemokraten sehr raschden Boden entzogen hätte.
Als im Jahre 1871 ein geriebener Socialdemokrat,Fritz Mcnde, der jeden Sonntag die hl. Messe besuchte,durch diese Zurschautragung einer erheuchelten religiösenGesinnung viele gute Leute für seine verderblichen Ideenzu gewinnen schien, da genügten wenige, aber gewaltigwirkende Predigten Lelotte's, um dem Volksverführcr denBoden zu entziehen und ihm den letzten Anhänger zuentreißen — eine Thatsache, auf welche man im Parla-ment zu Berlin hingewiesen hat als Beweis dafür, wiewichtig die Wirksamkeit des katholischen Geistlichen inder Bekämpfung der Umstnrzbestrcbungen der Social-demokratie sei.
Ebenso mächtig erwies sich unseres Pfarrers Wortund der Einfluß seines Geistes in der kritischen Zeitzu Beginn des Cnlturkampfes. In unvergleichlicherWeise verstand er es, das Volk über die der Religiondrohende Gefahr aufzuklären und zu mannhaftem Ein-treten für die hl. Kirche zu begeistern, ohne dabei denschuldigen Respekt vor der weltlichen Obrigkeit zuverletzen.
Ein Hauptaugenmerk richtete Lelotte dem Geiste