Ausgabe 
(25.10.1894) 43
 
Einzelbild herunterladen

340

der Zeit entsprechend auf die Sorge für die arbeitendenKlassen. Er gründete schon im Jahre 1866 das ersteHospiz" in Deutschland für katholische Arbeiterinnen,welches mustergiltig geworden ist nicht bloß in Deutsch-land , sondern weit über die Grenzen unseres Vater-landes hinaus; sodann rief er im Anschluß an das vor-genannte Institut einen Verein für Arbeiterinnen insLeben, auch wohl den ersten oder sicher einen der erstenin Deutschland . Ebenso gründete er einen Verein fürjunge Kaufleute; auch die jugendlichen Arbeiter (von 14bis 18 Jahren) und die Lehrlinge sammelte er zu einemVerein und erbaute ihnen sogar ein eigenes, schönes,musterhaft eingerichtetes Vereinshaus.

Jahre lang trug er sich mit dem Gedanken auchden Ladenmädchen Sonntags Nachmittags eine veredelndeund herzerhebcude Erholung in einem Vereine zu bieten;aber die Sonntagsbeschäftigung ließ diesen Plan nichtausführen, und erst als diese für den Nachmittag durchdas Gesetz über die Sonntagsruhe aufgehoben wurde,trat bald nach dem Tode Lelotte's derVerein derLadengehülfinnen" ins Leben.

Die hohe sociale Bedeutung der katholischen Ordenfand bei dem weitausschauenden Gladbacher Pfarrherrndie vollste Würdigung; es wurde unter ihm für die derKrankenpflege obliegendenDienstmügde Christi" einKloster gebaut; in den letzten Jahren seines Lebens nochveranlaßte er eine Niederlassung der Franziskaner inseiner Pfarrei.

Eine seiner Lieblingsschvpfungen war das stattlicheWaisenhaus, für welches er große persönliche Opferbrachte.

Es wurden ferner unter Lelotte's Leitung gebautdie (späteren) Pfarrkirchen von Venn und im Eickeu,sowie die Nektoratskirchen der Dienstmägde Christi undder Alexianerbrüder auf dem Blumenberge; danebenwurden die Restaurationen der alten Gladbacher Kirchenweitergeführt und vollendet.

Neben dieser großartigen Thätigkeit vergaß Lelottekeineswegs die zwar weniger auffällige, aber um sowichtigere Thätigkeit für die Schule. Er hatte nichtbloß die Aufsicht über die Schulen seiner Pfarrei, son-dern war auch Kreisschulinspektor, welch letzteres Amtihm aber zu Beginn des Culturkampfes abgenommenwurde. Für die Schulsachen zunächst hielt er sich eineneigenen Sekretär und arbeitete selbst, solange er Kreis-schulinspektor war, fast jeden Abend bis 12 oder 1 Uhr.Die Lehrpcrsonen schätzten Lelotte überaus hoch; manchesprechen geradezu mit Begeisterung von feinem pädagog-ischen Talent, seiner Menschenrenntniß, seinem erstaun-lichen Gedächtniß. Ein Kind, das er nur Ein Mal ge-sehen, mit dem er nur einige flüchtige Worte gewechselt,erkannte er oft nach mehreren Jahren unter Hundertenwieder heraus, hatte sogar den Namen behalten. Dieaufrichtige Liebe und Verehrung, womit die Lehrpersonenan ihm hingen, fand einen herrlichen Ausdruck unmittel-bar nach des Obcrpfarrers Tod, indem die Lehrer undLehrerinnen Gladbachs die ersten waren, welche einenJahrtag für den Seligen stifteten ein Akt der Pietätvon Seiten der Lehrpersouen Gladbachs, den der Hoch-würdigste Herr Weihbischof von Köln , Dr. Fischer, öffent-lich gerühmt hat.

Wenn man Lelotte mit kurzen Worten charakterisirenwill, so muß man wohl mit seinem Biographen sagen:Er war ein groß und originell angelegter Geist, er war

ein liebenswürdiger Mensch, er war vor allem ein Priesterin des Wortes bester und edelster Bedeutung.

Er lebte und wirkte für Gott und seine Neben-menschen, für sich suchte er kein Vergnügen, kein Geld,keine Ehre.

Seine Erholung bestand in einem Spaziergangedurch seinen großen Garten; Reisen machte er äußerstselten; es ist Thatsache , daß bei ihm vorkam, daß er12 Jahre laug keine Eisenbahn benutzte.

Des edlen Priesters Herz war frei von Anhäng-lichkeit an Hab und Gut; vor seiner Thüre sammeltensich oft solche Haufen von Armen, daß die Polizei, diein der Nähe ihr Hauptquartier hatte, sich veranlaßt sah,schützend einzuschreiten.

Auch nach Ehre verlangte der bescheidene Priesternicht. Es wurde ihm die Stelle eines Stiftspropstes inAachen von seinem Vorgesetzten angeboten, Lelotte aberlehnte ab; er sollte dann Domkapitular in Köln werden,aber er wollte Pfarrer bleiben; Se. Eminenz der Hoch-würdigste Herr Cardinal-Erzbischof Krementz wollte Lelottezu seinem Weihbischof haben, trug ihm persönlich dieWürde eines Kirchenfürsten an, aber Lelotte bat de-müthig, seine schon alternden Schultern nicht mit einerso schweren Bürde zu belasten.

Lelotte blieb Pfarrer und starb als Pfarrer am6. April 1892. Der Hochwürdigste Herr Weihbischofvon Köln , Dr. Fischer, eilte an die Bahre des Ver-blichenen, celebrirte ein Pontifikal-Requiem für dessenSeelenruhe und hielt eine ergreifende Leichenrede.

Danken wir Gott, daß er uns einen solchen Manngeschenkt, ein so hellleuchtendes, begeisterndes Vorbild fürjeden Priester, und bitten wir den Allgütigen, daß erjeder großen Stadt, in welcher die Socialdemokratie ein-gebrochen ist oder einzubrechen droht, einen solchenPfarrer gebe!

Ein Wort über die alten Sprachen und denEinfluß der klassischen Studien in politischerund religiöser Beziehung.

(Fortsetzung.)

A. 8. Es ist nun nicht schwer, diesen großenUnterschied zwischen den heidnischen Staaten des Alter-thums und den christlichen Staaten der neuen Zeit ein-zusehen. Dort besteht der Staat aus der Anzahl derFreien, meistens aus dem geringeren Theil der Bewohnerdes Staatsgebietes; hier besteht er aus der ganzen Be-völkerung. Dort liegt die ganze Erwerbsthätigkeit bei-nahe ausschließlich den rechtslosen Sklaven ob, sie müssenfür die kleinere Anzahl der Freien alle Arbeiten ver-richten, damit diese sich dem Kriege und den Staats-gefchäften widmen können; hier gibt es keine Menschen-klasse im Zustande der Rechtslosigkeit, es gibt keine Sklaven;der Landbau, die häuslichen Arbeiten und die Gewerbewerden daher alle von den Mitgliedern des Staatesselbst getrieben, jedes derselben arbeitet und erwirbt fürsich, da keines das Eigenthum des andern ist, sondern,auch wenn es andern dient, in Folge eines freien Ver-trages und für Lohn, also zu seinem eigenen Erwerb,für sich arbeitet.

Die natürliche Folge ist, daß hier nicht, wie dort,alle Freien sich bloß den Staatsgeschüften widmen können,eben weil alle Einwohner persönlich frei sind und somitkeine Klasse mehr im Staate vorhanden sein kann, durchwelche, wie in Griechenland und Rom, die Privatgeschäfte