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der Freien besorgt würden. Wollte man nun in unsererZeit einen Staat von etwa 16 Millionen Einwohnernganz nach dem Muster des alten Athen unter Perikles organisiren, so würden ungefähr 4,325,000 Einwohnerals Freie, 11,675,000 als Sklaven anzusehen sein.Letztere wären also das Eigenthum und die rechtslosenKnechte jener geringeren Zahl von Freien. Wenn nununter diesen, die alsdann den Staat ausmachten, eineausgedehntere Freiheit bestände, als in Athen oder Romje unter den Bürgern bestand, und eine Gleichheit, wiesie kaum denkbar ist, so hätten zwar die 4 Millioneneine Demokratie im vollsten Maße; aber mit Rücksichtauf die Gesammtbevölkerung des Staates, von der wirin unserer Zeit und nach unseren Verhältnissen noth-wendig ausgehen müssen und allein ausgehen können,wäre es eine höchst grausame und unmenschliche Be-drückung der größeren Menge durch die kleinere; wirwürden einem solchen Staate jeden erdenklichen Nameneher geben, als den eines „Freistaates". Hieraus istklar, daß nach unserem Maßstabe, nach unseren Ver-hältnissen, wonach wir die gesummte Bevölkerung desStaatslandes, nicht einen einzelnen Theil derselben unterden Bürgern und Mitgliedern des Staates verstehen,im alten Griechenland und Rom gar nie eine Demo-kratie existirt hat, abgesehen davon, daß auch in demengeren Kreise der Freien, die dort das Volk hießenund den Staat bildeten, fast immer die Leitung undBeherrschung der Menge durch einen Mann vorwalteteund die Selbstherrschaft des Volkes in der Regel eineSelbsttäuschung war. — Und doch will man, trotz allerdieser Verhältnisse, in unserer Zeit jene Staaten desAlterthums wegen ihrer Freiheit bewundern und alsIdeale hinstellen für welche die Jugend durch das Lesender Klassiker, wie man sagt, bis zur Schwärmerei be-geistert werde?*) Das, was mit Recht Bewunderung
Vielleicht wird eingewendet, cö lasse sich ans denKlassikern auch vieles im entgegengesetzten Sinne anführen undfolgern, insbesondere finde man in ihnen häufig eine entschiedeneSprache gegen das Königthum; schon der klotze Name -rsx«sei bei den Alten verhaßt gewesen, Brutus werde als »oxpnlsorrs§nm« und »vimlsx libsrtas« hochgepriescn, Harmodins undAristozitcn werden als Mörder des Hipparcbns wie Helden be-sungen n. dgl. (eouk. Oio. äs oll. III. 4, Oio. pro ülil., Oemoatb.§ 280). Bei dem letzten Beispiel und ähnlichen ist die laxeund verkehrte Moral in Betreff des Mordes nicht zu übersehen.Was den Hatz gegen das Königthum betrifft, so hatte derselbevorzüglich darin seinen Grund, daß die Alten in einem Königeüberhaupt einen unnnischränkten Herrscher nach Art der oriental-ischen Tespoten vor Augen hatten, der sich zu seinen Unter-thanen ungesäbr so Verhält, wie ein römischer Bürger zu seinenSklaven. Deßwegen bezeichnen sie auch den Zustand einesStaates, der keinen König hat, mit dem nämlichen Worte, mitwelchem sie den eines Menschen, der eben nicht der Sklaveeines andern Menschen ist, bezeichneten, mit dem Worte-liberkas-, so daß dieses zugleich den Gegensatz zu -rsZum«und -svrvitns- bildete (oonk. las. Lun. I. 1, luv. II. 1).Dieser Gegensatz ist jedoch nur mehr ein contradictorischcr, diebloße Negation von reZ-um und ssrvitus, ohne im Grundeetwas Positives zu bezeichnen, so daß z. B. gleich nach derVertreibung der Tarquinier das Wort -libortao- aus den Zu-stand des römischen StaaleS angewandt wird, obgleich die näm-lichen Historiker, die diesen AnSdruS gebrauchen, ein schauer-liches Bild von der Unfreiheit und Bedrückung der Plebejerdurch die Patrizier entwerfen, wie wir oben gesehen. — UebrigcnSstellten die Griechen und Römer das Königthum gewöhnlichmit der besonderen Absicht, es bei dem Volke verbaßt zumachen, in ein ungünstiges Licht; deßwegen sprechen sie nichtselten von der Gewalt ihrer früheren Könige, z. B. der attischenund römischen, in einem Sinne, als hätte ihre jedesmalige Launeund Willkür für den Staat als Gesetz gegolten, obgleich sie wohlwissen, daß dieses nicht wahr ist und zwischen ihren Königenund den asiatischen ein sehr großer Unterschied war.
erregt und bis zur Begeisterung für sich einnehmen kannund soll, ist nicht die Form, nicht das Leben und Schick-sal jener Staaten im ganzen genommen, sondern ein-zelne Einrichtungen und Grundsätze^) und insbesondereder Charakter einzelner hervorragender Männer, ihr Ge-horsam gegen das Gesetz und seine Vollstrecker, ihreglühende Vaterlandsliebe und rückhaltlose Hingabe fürdas Wohl und den Ruhm des Vaterlandes. In dieserBeziehung bietet uns die Lcctüre der Alten viel Schönesdar und stellt uns manchen Mann als Muster undleuchtendes Vorbild in Erfüllung der bürgerlichen Pflichtenvor Augen. Wir möchten bezüglich des Gehorsams gegendie Staatsgesetze auf den an Gymnasien so häufig gelesenenDialog des Plato, der „Oritoi? betitelt ist, hinweisen. Dortsetzt der zum Tode oerurtheilte Sokrates, dem Tritonräth, aus dem Gefängnisse zu entfliehen, das Verhältnißdes Bürgers zum Staat und die daraus hervorgehendenPflichten treffend auseinander. Er sagt (6ux>. 11 rc.)zu Criton, was sie antworten werden, wenn ihnen beimEntfliehen die Gesetze und die Person des Staates (cflrözrcw xcrc 10 xocröv -rH; TcöXsw-:) begegnen und alsofragen würden: Was willst du thun, o Sokrates , willstdu nicht uns, die Gesetze, und, soweit es an dir liegt,den Staat zu Grunde richten? Oder glaubst du, eskönne ein Staat bestehen, in dem die gefällten Urtheils-sprüche nichts gelten, sondern von dem Einzelnen un-gültig gemacht und aufgehoben werden? Werden wir,o Criton, wohl antworten: Der Staat hat uns Unrechtgethan, er hat ein ungerechtes Urtheil über uns gefällt!Gut. Wenn aber die Gesetze und der Staat erwidern;Sind nicht wir es, die dich erzeugten, dich erzogen undbildeten? bist du somit nicht unser, sowohl unser Sohnals unser Sklave (sxpavo; ösöXsc) , du und deineKinder? Glaubst du nun, bei diesem Verhältniß habestdu soviel Recht gegen uns, als wir gegen dich? DerSohn hat gegen den Vater, der Sklave gegen den Herrnnicht das gleiche Recht, das der Vater gegen den Sohn,der Herr gegen den Sklaven hat; wenn der Sohn undder Sklave geschmäht oder geschlagen werden, so dürfensie den Vater und Herrn nicht wiederum schmähen undschlagen. Und doch glaubst du uns zu Grunde richten
°-) Wir erinnern hier, daß bei den Alten nicht die unbe-sonnene Jugend, sondern Männer des reiferen Alters und dievielersahrcnen Greise im Rathe des Staates saßen, in öffent-lichen Angelegenheiten zu berathen und das Wort zu führenberufen waren. Die Stellung, welche die Jugend im Alter-thum einnahm, und das Beispiel der spartanitchen Jünglingein ihrem ehrfurchtsvollen Verhalten gegen die Greise ist für dieJugend aller Zeiten sehr belehrend. — BeachtunzSwcrth ist indieser Beziehung auch das Beispiel und besonders der dabeiausgesprochene Satz deS Römers MinucinS. Als er nämlich,wie Livins erzählt, aus Hitze und Uebcreilung sich gegen denRath und Willen des älteren und einsichtsvolleren DictatorsFabius mir Hannibal in ein Tressen eingelassen hatte undbereits geschlagen war, kam Fabins demselben zu Hilfe undrettete ihn vom nahen Untergänge. Hierauf sprach Miuuciuszu seinen Truppen, nachdem er sie in das Lager zurückgeführthatte: „Ich habe oft gehört, o Soldaten, daß derjenige Mannder eruc sei, der selbst klugen Rath besitze und das Sachdien-liche erkenne; der zweite sei der, welcher einem guten Rath ge-horche; derjenige aber, welcher weder selbst Einsicht habe, nocheinem anderen zu gehorchen wisse, der sei der unfähigste undletzte. Da uns nun der erste Rang an Geist und Einsichtnickt beschicken ist, so lasset uns den zweiten und mittleren be-haupten und den Entschluß fassen, einem Einsichtsvollen zugehorchen, bis wir befehlen lernen." Sodann sübrtc er seineHeereöabtheilung in das Lager des Fabins, begrüßte ihn mitdem Worte „Vater" und unterwarf sich gänzlich seinem Ober-befehl, obgleich er zuvor an Macht dem Dictator gleich-gestellt war.