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zu dürfen, weil wir es für recht halten, dich zu tödten.Oder hast du vergessen, daß das Vaterland seinenBürgern gegenüber nicht nur die Rechte des Vaters gegenden Sohn und des Herrn gegen den Sklaven hat, son-dern noch weit höher steht, als Vater und Mutter, daßman ihm, auch wenn es hart ist, noch mehr gehorchenund dienen müsse, als den Eltern; daß man duldenmuß, wenn es zu dulden befiehlt, daß man im Kriegeund vor Gericht und überall thun muß, was der Staatund das Vaterland gebietet? Bedenke, Sokrates, obwir nicht wahr sprechen, wenn wir sagen, du thust unsUnrecht durch das, was du unternimmst. Denn wirhaben dich erzeugt, erzogen, gebildet, wir haben dich unddie übrigen Bürger an all dem Guten, das wir haben,Theil nehmen lassen. Gleichwohl gestatten wir jedem,das, was er hat, zu nehmen und in ein anderes Landzu ziehen, wenn wir ihm nicht gefallen. Wer aber imStaate bleibt, von dem nehmen wir an, daß er durchdie That seine Zustimmung gegeben habe, das thun zuwollen, was wir befehlen. Wer uns aber nicht gehorchtund uns auch nicht eines Besseren belehrt, uns nichtüberzeugt, daß wir Unrecht thun, der begeht au uns eindreifaches Unrecht, weil er uns, seinen Ernährern undErziehern, und weil er denen nicht gehorcht, welchener Gehorsam versprochen hat. — In diesem Sinne undungefähr mit diesen Worten läßt uns Plato seinen Lehrerdie Pflicht des Gehorsams gegen den Staat und seineGesetze entwickeln. Obgleich Sokrates die Ueberzeugungin sich trägt, daß er unschuldig verurtheilt sei, und ob-gleich ihm durch seinen Schüler und Freund Criton alleMittel zur Flucht angeboten wurden, so bleibt er dochim Kerker und erwartet voll Seelenruhe den Tod. Nichtvon dem Gesetze, sondern von den Menschen, die jenesmißbrauchen, sagt er, geschehe ihm Unrecht. Er bringtdas Leben zum Opfer, nur um den Grundsatz nicht an-zutasten, daß der Einzelne kein Recht habe, sich denGesetzen und Aussprüchen des Staates willkürlich zuentziehen. — Daraus, daß Plato die Pflichten desBürgers gegen den Staat und seine Gesetze aus demVerhältnisse des Sohnes zum Vater und des Sklaven zumHerrn ableitet, ersehen wir auch deutlich, wie der Staatbei den Alten der unumschränkte Herr des einzelnenBürgers war und dieser mit Aufopferung seiner indi-viduellen Zwecke vor allem und hauptsächlich dem Allge-meinen, dem Staatszwecke sich unbedingt hingeben mußte.(Oonst 6io. acl ^.tt. IX., 9 und 6io. da oll. I., 17).Der Einzelne ist dort gleichsam mehr des Staates, alsseiner selbst wegen da. Am meisten war dieses in Sparta der Fall, wo der Mensch schon als Kind ganz demStaate angehörte und seine Person sofort in der Staats-familie aufging. Die gemeinschaftlichen Mahlzeiten derSpartaner und Anderes zeugen allerdings von einer ArtKommunismus, aber nicht zum Behufe des Genusses,sondern zum Zweck der allgemeinen Einfachheit, Ent-haltsamkeit und Abhärtung. Von dem Kennenlernenjenes Beispiels ist nichts Nachteiliges zu befürchten; esfindet in unserer Zeit gewiß keine Nachahmung, dennman hat bisher noch nirgends ein Gelüste nach derschwarzen Suppe der Spartaner entdeckt.
(Fortsetzung folgt.)
Recensionen und Notizen.
L. Bei Kösel in Kcmpten erscheinen „PädagogischeVortrage und Abhandlungen", herausgegeben in Ver-bindung mit namhaften Schulmännern von Jos. Pötsch» in
zwangslosen Heften von 2—6 Bogen. Das Unternehmen istein katholisches und ist gerichtet gegen gewisse moderne na-turalistische, materialistische und rationalistische Strömungenauf dem pädagogischen Gebiete. Es will Jnformationsarbeiten,eckte Gcistcswaffen, eine wahrhaft katholische Lektüre bieten. —Die folgenden erschienenen Hefte lassen beurtheilen, in wie weitbis jetzt das Programm eingehalten worden ist. Viertes Heft:Die wahren Verdienste Luthers um die Volksschule.Zur Lehr' und Abwehr dargestellt von Dr. Thalhcim; 8°; 29Seiten. Das Resultat dieser Untcriuchung an der Hand derGeschichte lautet: Luther ist nicht der Gründer der deutschenVolksschule, sondern ihr Zerstörer. — Fünftes Hest: Die Er-ziehnngsprincipicn Dnpanloups und unsre modernenPädagogen. Von Hugo Wehncr, Lehrer in Düsseldorf . 8°;88 Seiten. Der geistreiche, im Erziehungswesen wohl erfahrenefranzösische Bischof hat in einem größeren 3 bändigen Werkseine Grundsätze über christliche Erziehung niedergelegt und sichals eine Autorität in diesem Fache bewiesen, indem er das Zielder Erziehung, die Natur des Kindes und die Erziehungs-mittel eingehend behandelt. Der Verfasser dieses Schriftchenshat die verdienstvolle Arbeit übernommen, diese Grundsätze deSkatholischen Bischofs den Principien der modernen Pävagogikgegenüberzustellen und letztere auf ihren praktischen Werth ineiner christlichen Schule zu prüfen. DaS Resultat geht dabin,daß kein Grund vorhanden, die alten katholischen Grundsätzezu verlassen. — Sechstes Heft: Die culturhistorischen Stufender Herbart-Ziller-Stoy'schen Schule. Ein Dar-stellung nebst Beurtheilung derselben. Von Al. Knöppcl, Haupt-lehrer. 8°; 46 Seiten. Wenn Protestanten die Schule zumVersuchsfeld machen wollen für die Entwickelung falscher Prin-cipien und Voraussetzungen, so kommt es den Katboliken zu,dem Eindringen derselben in katholische Schulen sich entgegen-zustellen. Das that der Verfasser. Er kommt in seiner Kritikder genannten Schule zu dem Resultat, daß das Unterrichtenin diesem Sinne aus praktischen, methodischen und religiösenBedenken in unseren Schulen nicht zulässig sei. — Bisher hatdie VcrlagShandlung von Kösel ihr Programm erfüllt und ver-dient demnach ihr Unternehmen in bethciligten Kreisen alleBeachtung und Unterstützung.
Die neue Kunst und der Schaupöbel. Dresden , Ver-lag : Kunstdruckerei Union, Herzog u. Schwinge. 60 Pf.
O Ein sehr verdienstvolles Schriftchen eines hervorragen-den Sachverständigen über und gegen die modernsten Kunst-bestrebungen, deren Endziel, dem Zeitgeist entsprechend, dieDarstellung des Häßlichen und Gemeinen, die Erniedrigung desErhabenen ist, beleuchtet an einigen Muster-Meisterwerken dieserArt. Zunächst bestimmt für Dresden und DrcSdcner Kunst-verhältnisse, verdient die schneidige und wohl begründete Kritikallgemeine Beachtung, insbesondere in Bayern , in dessen Haupt-und Kunststadt ja auch die modernste Kunstrichtung über Ge-bühr sich breit macht. _
Beleuchtung antireligiöser Schlagwörter. Von k.Georg Freund, l. S. S. N. Wien 1824. Verlagvon Heinrich Kirsch. I. Singcrstraße 7. 73 Seiten.
O Die täglich zu hörenden Schlagwörter: „Religion ist Neben-sache; Ich glaube nichts; Es ist ein Glaube wie der andere;Der Glaube ist autiguirt, heute thut's Bildung; Mit dem Todeist alles aus, eS gibt kein Jenseits; Die kath. Kirche hemmtden Fortschritt; Nur nichts übertreiben; Von der Religionhabe ich nichts, die vertröstet aufs Jenseits", sind anziehend undvolksthümlich und gut widerlegt. Das Schriftcken liest sich leichtund dürfte für Vortrüge in Vereinen ein vortreffliches Ma-terial bieten.
Stellung des katholischen Religionsunterrichtesin der Volksschule im Plane der JüngerHerbarts von Dr. Johannes Scholastikus.Würzburg , Andreas Göbel; 1894; 8°; 34 Seiten.
L. Der philosophisch-theologische Wellenschlag der Zeit machtsich auch in der wissenschaftlichen Pädagogik geltend. Doch isteine glückliche Jnconsequcnz oft von Vortheil, indem neue Ver-suche nicht zur Entwickelung gelangen und so das bewährteAlre die Oberhand behält. So ist auch die Hcrbart'sche Philo-sophie großenthcils überwunden, und der Verfasser dieses Schrift-chens beleuchtet kritisch die Abwege, wohin Hcrbart's wissen-schaftliche Pädagogik führt, d. h. daß man sich nicht mit demResultat befreunden könne: Der Mensch ist lediglich das Pro-dukt der Erziehung. Dagegen anerkennt der Verfasser, daß inder kcnntnißthcoretischcn und metbodischen Beziehung die Her-bart'fche Richtung einen gewissen Fortschritt bezeichne.