354
nothwendig erachtet. (Okr. Schroeder, Liberalismus inder Theologie u. Geschichte. Trier 1883.)
So haben wir denn trotz der scharfen Sprache Dr.Müllers keinen Grund, hinsichtlich der Berechtigung derNeuscholastik zu zittern. Wir können uns auch nicht be-stimmen lassen, jenen schon für einen Thomisten zuhalten, „weicher für unsere Zeit das leistet, was Thomasfür seine Zeit: nämlich harmonische Verknüpfung des be-währten zeitgenössischen Geisteslebens mit dem altkirch-lichen Bewußtsein". Wir müssen verlangen, daß er esso und mit denselben Principien leiste, wie Thomas.Will Jemand zur Schule eines Meisters gehören, so istvor Allem nothwendig, daß er die Principien des-selben verstehe und festhalte und im Geistedieser Principien die von der Zeit gebotenenKenntnisse beurLheile; nur der ist demnach Thomist,welcher die Principien des Agninaten festhält oder derWeisheit des Lehrers der Schule folgt, wie Leo XIII .sagt, nicht aber wer sie opfert.
Streiflichter anf die pädagogische Wissenschaftin den Lehrerseminarien.
ll. D. IV. Es muß für die weitesten Kreise vonInteresse sein, welche „Wissenschaft" den künftigen Lehrernvon ihrem „Fache" beigebracht wird. In einen! kathol-ischen Lehrerseminare Bayerns werden im friedlichenNebeneinander drei Handbücher gebraucht, die hie-mit kurz gewürdigt werden sollen:
1. „Kehrein - Kellers Handbuch der Erziehungund des Unterrichtes, zunächst für Seminarzöglinge undVolksschullchrer. Achte, verbesserte Auflage, bearbeitetvon vr. A. Keller und I. Brandenburger. Paderborn ,Ferdinand Schöningh ." — Das Buch genießt, wasNichtigkeit und Faßlichkeit der Doktrin im Allgemeinenanlangt, verdiente Anerkennung; doch ist es keines-wegs durchaus einwandfrei. Es finden sich allenthalbenphilosophische Unklarheiten, ja Ungereimtheiten, nament-lich betr. Gefühl und Gemüth. Die Verfasser und Be-arbeiter haben es noch nicht übers Herz gebracht, dieseausschließliche Errungenschaft der „deutschen" Philosophie,das Gefühlsvermögen als eigene Potenz der Seele,getrennt von höherem und niederem Strebevermögcn,fallen zu lassen. Das Werk bedürfte einer gewissenhaftenDurcharbeitung von einem zünftigen Philosophen der altenRichtung. Der große empirische Wahrheitsgehalt desBuches würde diese Mühe wohl verdienen. Die ächte,alte Philosophie macht heutzutage auch in Deutschland Fortschritte, und müssen sich auch früher grundlegendeWerke die Vervollkommnung gefallen lassen.
2. „Grundzüge der empirischen Psycho-logie und der Logik. Für die Hand des Schülersbearbeitet von I. Helm, Inspektor des kgl. Schuliehrer-seminars Schwabach . Vierte verbesserte Auflage mit neunFiguren in Holzschnitt. Bamberg , Verlag der Buchner'-schen Buchhandlung 1887." Der psychologische Theil istvöllig ungenießbar, nichts als Herbart mit seinen falschenAnalogien von Mathematik, Mechanik und Chemie aufdie Erkenninißlehre. Wenn der Maler auf der PaletteWeiß und Schwarz mischt, so gibt das Grau; aber wennim Kopfe des Kindes die Vorstellungen von Weiß undSchwarz zusammentreffen, so erzeugen ste nicht die Vor-stellung des Grauen; letztere kann höchstens durch Asso-ciation geweckt werden, wenn sie schon da ist. Sonstdürfte man dem Kinde nur Schwefel und Quecksilber
zeigen, und aus dieser ersten Wahrnehmung müßte diebisher dem Kinde unbekannte Vorstellung von Zinnoberentstehen!! Seit Jahrtausenden huldigt die denkende Weltdem Grundsätze: Oontraria, jnxta, ss posita nraZisalaraseunt, Gegensätze beleuchten sich; Herbart -Helmbehaupten das Gegentheil: Entgegengesetzte Vorstellungenverdunkeln sich! Auf dieser irrthümlichcn Voraus-setzung aufgebaut, ist die vorliegende empirische Psychologieeine hohle Seifenblase, wird aber den Lehramtskandidatenals Wissenschaft verkauft. Der „Gefühle" wird auchHelm nicht Meister. Nach Kehrein - Keller sind die Ge-fühle bewußte seelische Zustände der Lust oder Unlust,nach Helm dagegen ist Gefühl ein unbewußtes Wollen,ein bewußtes Streben. Der Schüler wird das Rechteschon durch selbstständige „Forschung" (ein vielmiß-brauchtes Wort) finden!? — Die „Logik" ist eindürres Gerippe des landläufigen Lehrstoffes von zweifel-haftem Werthe für den Anfänger.
3. „Allgemeine Erziehungslehre." VonSchulrath Dr. G. A. Lindncr, o. Universitätsprof. rc.7. verbess. Auflage, für deutsche Lehrer- und Lrhrerinnen-bildungsanstaltcn nach dem gegenwärtigen Stand derWissenschaft neu bearbeitet von Dr. Gustav Fröhlichin St. Johann a. d. Saar. Leipzig u. Wien , 1890,Pichlers Wittwe u. Sohn." — Lindners Büchlein em-pfahl sich durch ein bescheidenes Format, Fröhlich alsVerbesscrer mußte es umfangreicher machen; Lindner warein strenger Herbartiancr, Fröhlich will seine Lehremäßigen nach den sorgfältigen „Forschungen" von neuenPhilosophen und Pädagogen, z. B. Lotze, Ostermann,Dittes, Strümpell, Lazarus, Wnndt. Lindner hielt dieErziehung für allmächtig, so daß sie den Zögling be-arbeitet, wie der Bildhauer den Marmor, Fröhlich läßtden Zögling als lebendes Wesen gelten und macht denErzieher zum Pfleger und Führer. Wie von Herbarts Leistungen selbst, gilt auch von diesem Buche seiner Nach-ahmer: Das Wahre darin ist nicht neu, und das Neueist nicht wahr. Vielfach werden Thatsachen , wie das Er-ziehungsbedürfniß des Menschen, geschildert, aber keineBegründung dafür gegeben. Unwissenschaftlich! BeimLichte betrachtet, ist der sittliche Gehalt des Werkchenstrotz mancher schönen Phrase nur eine seltsame Ver-quickung von Naturalismus und Nationalismus. Der-artiges sollte in einer katholischen, überhaupt in einerpositiv christlichen Lehranstalt unmöglich sein. Ueber dasZiel des Menschen und der Erziehung wird Kant citirt.Gemächlichkeit und Wohlleben (wozu ein thierischer Hangdrängt) nennt der Christ nicht Glückseligkeit, wie Kant meint und Fröhlich nachbetet. „Thätig im Kampfe mitden Hindernissen, die ihm von der Nohheit seiner Naturanhangen, sich der Menschheit würdig machen"— ist das nicht die kantianische Definition der Frei-maurermoral? Darf man dem Leibe einen selbststündigen,von der Seele unabhängigen Zweck zuschreiben? Wassoll sich ein Zögling denken, wenn er liest: „Die soge-nannten Seeleuvermögen: Verstand, Vernunft, Ein-bildungskraft u. s. w., gehören nicht zn den Uranlagen,es sind dies vielmehr abgeleitete Vorgänge, die sich ausder Wechselwirkung der Vorstellungen in der Seele er-geben"? In Z 3 der Einleitung finden sich auch dar-winische Anklänge. Fast auf jedem Blatte trifft manSätze, die als irrig entschieden zurückgewiesen werdenmüssen. Von den „Musterbegriffen" der Ethik wollenwir schweigen. Die größten Egoisten und Verbrecher imLichte der Grundsätze der Vernunft und des Christen-