Ausgabe 
(8.11.1894) 45
 
Einzelbild herunterladen

355

thuMs können sich dieselben zurecht richten als Lebens-regcln. Sind etwa derartige Lehrbücher in den Lehrer-seminarien deßhalb eingeführt, damit ihre Irrthümerwiderlegt werden?

Eiu Wort über die alten Sprachen und denEinfluß der klassischen Studien in politischerund religiöser Beziehung.

(Schluß.)

R. In der klassischen Lcciüre sehen wir also,wie die reichbcgabten Griechen und die Nömcr, zweiVölker, die in geistiger Entwickelung in der Heidcnweltden ersten Rang einnehmen, unablässig nach der Erkennt-niß Gottes und seines Willens gerungen, aber trotz ihresTalentes, trotz ihres unverdrossenen Strcbens die großeAufgabe auch nicht zur Hälfte befriedigend zu lösen ver-mochten, sondern im Gegentheil sich immer mehr in denIrrthum verwickelten und dadurch ihre geistigen Schöpf-ungen auf diesem Gebiete immer mehr in sich selbst zer-fallen sahen. Es ist in der That nicht ohne Bedeutung,daß eben diese Völker gerade beim Erscheinen des Christen-thums alle Kräfte und Mittel, jene Aufgabe zu lösen,gänzlich erschöpft hatten. Don ihnen aus können wirdurch Juduction auf das Wesen und den Werth derheidnischen Religionen überhaupt schließen, an ihnenkönnen wir die Verirrungen, denen der menschliche Geistausgesetzt ist, wenn er im Suchen nach Wahrheit aufsich allein beschränkt ist, gründlich kennen lernen. Undwie man von dem Vorhandensein des Gottesbewußtseinsbei allen Völkern mit Neckst auf seinen Urquell und noth-wendigen Grund, auf das Dasein Gottes, zurückschließt,so gelangt man durch die Kenntniß der heidnischen Re-ligionen zu dem ebenso sicheren historischen Beweise vonder Beschränktheit des menschlichen Geistes und seinerUnzulänglichkeit, aus und durch sich selbst eine Religionzu gründen, welche eine würdige Erkenntniß Gottes ge-währte und überhaupt den religiösen Bedürfnissen derMenschheit genügte. Und wirklich ist die Menschheit indiesem Punkte bisher um nichts weiter gekommen, alsdie Griechen und Römer es schon waren, indem die Re-sultate der Philosophie dcS christlichen Zeitalters, inso-weit sie allein aus dem menschlichen Geiste gewonnensind und ohne Benützung und Einfluß der Offenbarungerzielt wurden, in der Hauptsache so mangelhaft und un-genügend für die geistigen Bedürfnisse des Menschen sind,als die Philosophcme des Alterthums; während die neueZeit doch in den anderen Wissenschaften weit vorange-schritten ist und in der Erkenntniß dessen, was durchsinnliche Wahrnehmung erkannt und durch Berechnunggefunden werden kann, sehr hoch über dem klassischenAlterthum steht.

Wir werden daher durch die Lcciüre der heidnischenSchriftsteller nothwendig auf die eng gezogenen Grenzendes menschlichen Erkennens hingeleitct, das gerade inBezug auf die höchsten Dinge und wichtigsten Wahr-heiten am meisten beschränkt und der Gefahr des Irr-thums mehr als in anderen Dingen ausgesetzt ist.Die Alten selbst haben es oft und deutlich ausgesprochen,wie gering die Summe des menschlichen Wissens sei.(Oorst. kirrt. Lpol. IX.) Sokratcs bekämpft sowohl beiPlato als bei Lcnophon den Wisscnsdünkel der Sophisten. Cicero sagt in dieser Beziehung (^caci. Zurrest. I.,12): Lara Kanone, ut acoejurlrus, sidi

uinuö cwrtaraen iustiturt, iwn xoi tinaeia aut ktuciio

vinaensii, ut uriin yuiclain viclatur, secl earuin rarumobsouritate, quao ooulussiouaur iAirorrrtiouig uck-äuxorant Locrateiu, et.säur antu Locratsur, Vönao-ariturn, XnaxaZoraw, Linxoclooloin, ornnea xaencrvotore8; uriril aoZnosci, uilril xareixi, uilril seiriI>0880 äixerunt; anFustov 86usus, imkociUoa rrniiuoa,bravia. currieula. vitao, et (ut Oernoorrtrw) in pro-tnncko veritrrtern crwe eleinerMin; opinioniluw etin8tituti3 ornnirr teneri; nrirrl verstatt rolin<)ui, äe-ineepw ornnirr tenebrst eireurnstwrr o830 ckixerunt.Wir halten aus obigen Gründen nichts für geeigneter,den Menschen vor Ucberschütznng seiner Kräfte und seinesWissens, vor der eitlen Meinung, alles erforschen unddurchdrängen zu können, vor dem himmclstürmcnden Ti-tanenstolz, dem geistigen Hochmuihe der Selbstvergötternngzu bewahren, als eben das Studium der alten Klassiker,das uns so vielfach mit der Beschränktheit des mensch-lichen Geistes und seinen Verirrungen bekannt macht/Gerade auf diesem Wege können wir uns am leichtestenvon dem Bedürfnisse und der Nothwendigkeit einer gött-lichen Offenbarung überzeugen; wir werden das hehreLicht des Christenthums und die Fülle seines geistigenReichthums dadurch erst recht erkennen und über alleshoch schätzen lernen, daß uns der schroffe Gegensatz, dieFinsterniß und Armuth des HeidenthumL vor Augentritt, wie der Reiche sich seiner Schätze erst wahrhaft be-wußt wird, wenn er in die Hütte des Armen geht. DieseErkenntniß, die wir aus den klassischen Autoren ziehenkönnen und sollen, ist in der That ein großer Gewinn;man fürchte dabei nicht, daß durch die Ueberzeugung vonder Beschränktheit des menschlichen Wissens der Muthzum wissenschaftlichen Streben gebrochen und die Schwingendes Geistes gelähmt werden. Der nach Erkennen undWissen strebende Geist wird dadurch nur zum vorausauf daS aufmerksam gemacht, was erreicht und was nichterreicht werden kann, er wird in die rechte Bahn undSphäre eingelenkt, vor dem Jcarns-Fluge und seinenFolgen gewarnt. Denn warum sollten wir die Wahr-heit des Heils, die uns von oben gegeben ist, erst ausuns selbst finden wollen und zu diesem Zwecke denselbenWeg einschlagen, von dem wir aus den alten Klassikerngesehen haben, daß er nicht zu dem erwünschten Ziele,sondern in die Jrrgänge eines unentwirrbaren Labyrinthesführt? Wenn wir uns in dasselbe hinein begeben undnicht durch das darin Hansende Unihier: den sich weisedünkenden Wahn aufgezehrt werden wollen, sondernwieder unversehrt herauszukommen wünschen, so müssenwir den gefährlichen Weg an dem leitenden Faden dergöttlichen Offenbarung zurücklegen. Zu diesem Schlüsseund Resultate gelangen wir durch das Studium desheidnischen Alterthums. Allein wir lernen darausnicht nur, auf welchem Wege wir nicht zum vorgestecktenZiele gelangen, sondern wir stoßen daselbst auch aufmanches Beispiel, das, obgleich von Heiden gegeben,Nachahmung verdient. Wir sehen, wir die Griechen undRömer mit lebhaftem Interesse nach religiöser Wahrheitstreben und in allen Lcbensvcrhültnissen Religiosität anden Tag legen. Mit Unrecht spricht man häufig denAlten die Religiosität ab, und mit Unrecht belegt manoft einen Menschen, der, wie man sagt, nichts glaubtund von Gott und Religion nichts wissen will, mit demNamenHeide", während er doch noch eine ziemlicheStufe unter den Heiden sieht. Alle wichtigen Hand-lungen begannen im Alterthum mit einem religiösenActe, mit Befragen des Willens der Götter (Orakel,