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Auspicien rc.), mit Gebet und Opfern. Bei Opfernwurden immer die besten Früchte und auserlesene Thiere"")dargebracht, man scheute überhaupt bei religiösen Feier-lichkeiten weder Mühe noch Aufwand/") Alle gemein-samen Feste und Spiele hatten einen religiösen Ursprung,sie waren von religiöser Tendenz getragen und gehoben.Die Künste, besonders Architectur, Plastik, Musik undPoesie, standen wesentlich im Dienste der Religion undbetrachteten als ihre Hauptaufgabe die Verherrlichung derGötter. Obgleich überall in Prosaikern und Dichternder oben berührte Dualismus von Göttermacht undFatum zum Vorschein kommt, so tritt doch in den Tra-gödien besonders die Demüthigung des Stolzes undFrcvelmuthes der Menschen durch die Götter in denVordergrund, während im Epos überall ein persönlichesEingreifen der Götter in die Handlung vorherrscht.Ueberall zeigt sich das Gefühl der menschlichen Schwäche,überall die Ueberzeugung, daß der Mensch nichts Großesdurch sich allein thun könne, daß er alles Große, Guteund Schöne der Hilfe und Gnade eines Gottes zudanken habe. Homer ist reich an solchen Beispielen;nichts Außerordentliches geschieht dort ohne besonderenBeistand einer Gottheit. Wir erinnern nur an dieHeldenthaten des Diomedes (II. V.) und an die Be-siegung Hcctors durch Achilles (II. XXII.), wobei dieGöttin Pallas der Tapferkeit des Helden wenig mehr zuthun übrig läßt, so daß der Held weniger durch seineeigene That groß erscheint, als eben dadurch, daß ihndie Göttin liebt und ihres besonderen Schutzes und Bei-standes würdigt.
Der Dichter stellt seine Helden oft unter den Schutzeines besonderen Gottes oder einer Göttin, läßt sie vorjedem wichtigen Unternehmen und Kampf zur Gottheitflehen und erst so von dieser zum Siege geführt werden/')Nach vollbrachter That werden den hilfreichen GötternDankgebete und Dankopfer dargebracht, ihnen weihen dieHelden ihr Theuerstes, die Denkmäler ihres Ruhms, dieim Kriege erbeuteten Waffen und die im Wettkampfeerrungenen Preise. (Die zahlreichen Weihegeschenkein den Tempeln.) In der Erfüllung derGelübde, in der Heilighaltung des Eides waren dieAlten in der Regel sehr gewissenhaft und streng; dennsie gingen von dem Glauben aus, daß der Meineidsicher die Feindschaft der Götter und große Strafe nachsich ziehe, die Gewissenhaftigkeit im Schwören und Haltender Eide aber dem ganzen Geschlechte Segen bringe."")
In manchen anderen Dingen begegnen uns löblicheMuster von Gottesfurcht, Hochschätzung der Tugend''")als des höchsten und einzig wahren Gutes, Gering-schätzung irdischer Güter, Verachtung des Todes") undanderer scheinbaren Uebel. Dieses alles bekundet denreligiösen Sinn jener heidnischen Völker, das Strebennach Wahrheit und Tugend, das als lobenswerth an-erkannt werden muß, wenn auch ihre Religion eine irr-thümliche war und als solche keine ächte und allseitige
--) 6ovk. Ilom. II. II, 102, ibiit. VI, 91, iöiä. I, 315.Vir§. ä.ev. VI, 38.
") vemostli. aävers. Uliil. I, 35 und Lall. 6ad. 9.
«') 6ouk. II. X, 276 und XXIII, 872 Lgg. Vir§. äeu. V,513 8gg.
") Xeuoxli. Lual). II, 5, 7. — 6ouk, Uow. II. IV. 170.") Oouk. Ulkt. Lxol. Loer. XVII. Mciu vergleiche überdiesen Punkt die Schriften der Philosophen, besonders des Platound Cicero .
") klot. Lxol. Locr. XX. l?Iat. 6rlt. VI. 6io. tzuaest.Misoul. üb. I.
Tugend erzeugen konnte. Doch in manchen Punktensiegte der bessere Zug der Natur, und manche Leucht-funken der Vernunft durchbrachen und erhellten theil-weise das Dunkel, je nachdem die Vernunftideen mehroder weniger zum klaren Bewußtsein kamen. Das ver-schiedene Maß der Entwickelung dieser ist für uns vonkeiner untergeordneten Bedeutung. Denn wenn wir dortviele Ideen mangelhaft entfaltet sehen und dieselben imChristenthum vollkommener ausgeprägt und geläutertwieder finden, so erkennen wir daraus nicht nur denungleich höheren Standpunkt, auf den das Christenthumden Menschen erhebt, sondern wir sehen auch zugleich,wie manche Glaubenswahrheiten des Christenthums, dieuns auf den ersten Blick als unbegreifliche und völligvernunftwidrige Dogmen erscheinen, schon bei den Heidenin gewissem Maße auftauchten, daß sie also, indem dieHeiden sie nur auS der Vernunft schöpfen konnten, inder Vernunft selbst begründet sein müssen und somitdurch das Christenthum uns nicht als etwas für dieVernunft Fremdartiges gleichsam aufgedrungen, sondernnur zum volleren Erwachen gebracht worden sind; währendsie vor dem Hinzutreten des göttlichen Lichtes sich erstverworren aus dem Schlummer hcrauszuringen suchten.In dieser Hinsicht kann das Heidenthum viel dazu bei-tragen, daß wir erkennen, wie die Vernunftidecn durchdas Christenthum nur zu größerer Klarheit erwacht undin der rechten Richtung ausgebildet worden sind, so daßdas Christenthum, auch wenn es in manchen Punktenüber unsere Fassungskraft hinausgeht, doch im Ganzenhauptsächlich nur den Inhalt der menschlichen Vernunftaus den tiefsten Keimen an das Licht hervorgebrachthat. Dasselbe kann und muß daher die wahre Ver-nunftrcligion im edelsten Sinne des Wortes genanntwerden. Und wirklich ist keine andere Religion dermenschlichen Natur, deren Wesen und Hauptmerkmal ebendie Vernunft ist, so anf allen Stufen der geistigenBildung angepaßt, keine umfaßt so den ganzen Menschennach allen Seiten seines Wesens und unter allen Ver-hältnissen des Lebens.
Wenn wir nun das Gesagte zusammenfassen, somüssen wir den Schluß ziehen, daß die Lcctüre der heid-nischen Klassiker sich mit der entschieden christlichen Er-ziehung der studircnden Jugend nicht nur vertrage,sondern ihr sogar in mancher Hinsicht sehr förderlich seinkönne und müsse, wenn man nur den Standpunkt unddas Wesen jener heidnischen Religion näher ins Auge faßtund die sich dann von selbst ergebenden Konsequenzendaraus zieht. Also nur eine höchst oberflächliche Kennt-niß des Hcidenthnms kann dem Christenthum schaden,während eine wahre und gründliche Kenntniß die Niedrig-keit und Mangelhaftigkeit der von Menschen geschaffenenReligionen aufdeckt und in ihrer ganzen Blöße zeigt, wo-durch uns eben die Höhe und Vollkommenheit der christ-lichen Religion, ihr Triumph über alle Erfindungenmenschlicher Weisheit erst recht zum vollen Bewußtseinkommt. Wer durch das Studium des heidnischen Alter-thums nicht zu diesem Schlußsätze gelangt, hat aus denKlassikern soviel als nichts gelernt. —
Wenn es nun in der klassischen Lcctüre nicht ansolchem Stoffe fehlt, der geeignet ist, uns in politischerund religiöser Hinsicht zu belehren und besonders vordemjenigen zu warnen, was auf beiden Gebieten nichtzum Heile, sondern zum Verderben führt, so wirdes die unerläßliche Pflicht und Aufgabe der Schule sein,diesen Stoff für den Zweck der Erziehung zu bcnützen