Ausgabe 
(8.11.1894) 45
 
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und nicht indifferent über ihn wegzugehen. Hiemit istnicht gesagt, daß man bei der klassischen Lectüre jede sichdarbietende Gelegenheit ergreifen solle, um Bemerkungenüber den religiösen und politischen Standpunkt der Altenanzuknüpfen und sich darüber mit weitschweifender Kritikzu verbreiten; dieses würde von dem jedesmaligen Gegen-stände des Unterrichts leicht zu weit abführen und dasFortschreiten in der Lectüre selbst offenbar hemmen.Auch muß dcui nur zu oft hervortretenden Streben derJugend, alles verstehen und beurtheilen zu wollen, sichmit Selbstüberschätzung und wegwerfender Kritik überdie verschiedensten und ihrem Gesichtskreis oft ganz fernliegenden Gegenstände zu äußern, so viel als möglichentgegengewirkt werden; denn die Jugend soll zwar nichtsgedankenlos, oberflächlich und mechanisch erlernen, aber sieist auch nicht zum Näsouniren und Kritisiren berufen. Voneiner solchen Behandlung des klassischen Alterthums, diedas entgegengesetzte Extrem zu dem gleichgültigen Ueber-gehen der wichtigsten und lehrreichsten Punkte bildet, isthier keine Rede; nicht das eine oder andere Extrem,sondern das rechte Maß (arM-- ä'pav), die bei den Altenso hoch geschätzte goldene Mittclstraße (anrsa, raeckio-oritas"), ist auch hier das Nichtigste und Zweckmäßigste.Es wird ohne Zweifel für den Zweck der Schule voll-kommen genügen, wenn bei solchen Stellen der Klassiker,die den politischen oder religiösen Standpunkt der Altencharakterisircn und das Verhältniß desselben zu demunseligen, die Uebereinstimmung oder den Gegensatz leichtnachweisen lassen, eine kurze Bemerkung angeknüpft oderauch manchmal nur ein flüchtiger Wink gegeben wird,der die Schüler anleitet, den Gegenstand von dem richtigenGesichtspunkte aus zu betrachten und aufzufassen. Daßdabei stets auf das Alter und die Bildungsstufe derSchüler Rücksicht genommen werden mutz, versteht sichvon selbst. Während es daher in den unteren undmittleren Klaffen die Hauptaufgabe ist, der Grund-anschauung der jungen Leute die rechte Richtung zugeben, falsche Begriffe zu beseitigen, das Aufkeimen irr-thümlicher Ansichten und schlechter Grundsätze zu ver-hüten, wird es die Aufgabe der höheren und oberstenKlassen sein, das Wesen der antiken Bildung, das Lebenund den Jdeenkreis der Griechen und Römer genauerkennen zu lernen, klare Begriffe und Vorstellungen da-von zu erlangen, so daß die Studirenden vor dem Ueber-tritt zur Universität besonders auch von den religiösenAnsichten und politischen Einrichtungen des Alterthums,ihrem Werth und Unwerth im Allgemeinen hinreichendeKenntniß besitzen und feste Anhaltspnnkte für die Zu-kunft gewonnen haben.

Durch diese Art der Auffassung und Behandlungdes klassischen Alterthums wird mancher Verirruug so-wohl auf religiösem als politischem Boden vorgebeugt.Es wird sich daher das Studium der alten Klassiker,wenn es nur recht getrieben wird, auch in dieser doppeltenHinsicht, nämlich in der Erziehung der studirenden Jüng-linge zu guten Mitgliedern der christlichen Kirche und zutüchtigen Bürgern des monarchischen Staates, als zweck«dienlich und somit als praktisch erweisen.

Der Einfluß des Klimas auf die Umgestaltungder Thier-rassen.

Von H. von Reinagen.

(Nachdruck vlrvoUn)

Die Natur schafft ewig neue Gestalten; was da ist,war noch nie; was war, kommt nicht wieder: Alles ist I

neu und doch immer das Alte. Sie baut immer undzerstört immer, und ihre Werkstätte ist unzugänglich. Esist ein ewiges Leben, Werden und Bewegen in ihr,"sagt Goethe. Ein solches Leben und Weben, Werdenund Vergehen findet namentlich im Thicrreich statt.Unzweifelhaft haben sich in ihm die ausfallendsten Um-gestaltungen vollzogen; denn gar mannigfaltig sind dieim Laufe der Zeit vorgekommenen Veränderungen derThiere, Thierarten und Nassen. Ganz sicher cxistirt jetztkein Dinotherium, kein Ichthyosaurus und kein Lepido-centrid mehr auf der Erde. Wollen wir den Grunddieser Erscheinung finden, so müssen wir die heutige Erdebeobachten, ob darauf nicht ähnliche Erscheinungen vor-kommen, die bloß wegen der Kürze der Zeit unserer Be-obachtung etwas dürftiger ausfallen werden.

Es liegen eine Menge von Beweisen vor, daß derWechsel der äußeren Lebensbedingungen tief eingreifendeVeränderungen in der Körperbeschaffenheit der Thiereund Pflanzen bewirkte. Wir finden nahe verwandteThiere in weit auseinander liegenden Gegenden körperlichso verschieden, daß man sie als sclbstständige verschiedeneArten aufgestellt hat. So wird der ceylonische und afri-kanische Elephant, das ein- und zweihöckerige Kameel,die Antilopen verschiedener Länder, das einhörnige oderasiatische und das zwcihörnige oder afrikanische Nashorn,das Krokodil Afrika's und der Kaiman Amerika's unter-schieden, da sich wirkliche Unterschiede auffinden lassen.Es ist aber trotzdem möglich, ja sogar wahrscheinlich, daßdiese Thiere von je einer und derselben Art abstammenund sich nur in den ungleichen Verhältnissen ungleichgestaltet haben.

Australien , ein in Bezug aus Klima, Wasservcr-thciluug, Flüsse, Trockenheit der Luft ganz eigenthüm-liches Land, hat auch eine eigene Flora und Fauna.Kein Lastthier, kein Hausthier, kein Singvogel findetsich dort, dagegen das Känguruh, die Känguruh-Ratte,der Wombat, das Schnabclthier, der Vampyr, derManati und andere abenteuerliche Gestalten. DieBäume haben keine grünen, schattengebenden Blätter,sondern schmale, mattweiße, lanzettförmige Blätter, unddie Stiele sind häufig mit Stacheln versehen. Alles istwie zum Nachtheile des Menschen gemacht, daher auchder armselige Urzustand des Australiers, des Tasmaniers.Die arme unwirthbare Nordküste von Ncuholland stichtauffallend von dem gegenüber liegenden, gleich einemGarten blühenden Timor ab, wo Mensch und Thierevon jenen Neuhollands so sehr verschieden sind. InSüdamerika sind alle Thierspezics kleiner als die pa-rallelen Arten der alten Welt: der Kaiman ist kleinerals das Krokodil, der Puma geringer als der Löwe, derStrauß kleiner als der afrikanische, der Jaguar schwächerals der Tiger, die Onze kleiner als der Panther.

Viele Veränderungen sind auch schon mit Sicher-heit wahrgenommen worden. Die Süugcthiere in Syrien und Persien zeichnen sich durch langes, weiches Haaraus, und die dort erst akklimatisirtcn Thiere haben ähn-liches angenommen. Auf Korsika werden die verschiedenstenThiere, Hunde, Pferde u. s. w. bald gefleckt; die zurWollzncht aus Spanien nach Paraguay verpflanztenSchafe sind vollkommen ausgeartet und haben kurze,rauhe Haare bekommen. Auch die dorthin vor 300Jahren eingeführten Hauskatzen sind um ein Viertelkleiner geworden, schmächtig und zartgliederig, und zeigennicht Lust, sich mit frisch eingeführten Katzen zu paaren.Die verwilderten Schweine haben auf Cuba eine be-