Nf. 47.
Wage zur Sugsömger Weitung
22. Navlir- 1894.
Planeten im Fixsternsystem.
Beitrag zur Astronomie des Unsichtbaren.
(Schluß.)
Ein anderes dem Algol ähnliches System mit dunklenKörpern bildet der Stern « Virginia. Dieser Sternvollendet seinen Umlauf um den Schwerpunkt des Systemsin 4 Tagen und 19 Minuten. Der sichtbare Stern legtbei dieser Umlaufsbewegung in jeder Sekunde 12,3 geo-graphische Meilen zurück. Beide Glieder des Systemshaben zusammen eine Masse, die 2,6mal so groß ist wiedie Masse unserer Sonne. Der Abstand der sichtbarenSterne vom Schwerpunkt des Systems ist 679,000 Meilen.Der Schwerpunkt des ganzen Systems nähert sich unsmit einer Geschwindigkeit von 2 Meilen. Bei si Xuriga.6beträgt die Entfernung des dunklen Körpers von seinerleuchtenden Sonne 1,650,000 geographische Meilen, unddie Masse des ganzen Systems ist gleich 4,7 Sonnen-massen. Auch dieses System nähert sich unserem Sonnen-system mit einer Geschwindigkeit von 3'/z Meilen perSekunde. Es erinnert uns diese geistreiche Methode desAufsuchens unsichtbarer Himmelskörper an jenen Triumph,den die „Analysis des Unendlichen" in ihrer Anwendungauf die Himmels-Mechanik errang, als einer der größtenMathematiker Frankreichs, Urban Leverrier , am 31.August 1846 in der Sitzung der Pariser Akademie mitder Zuversicht eines Propheten den bloß mit der Federgefundenen Ort des unbekannten Planeten, des Neptun ,verkündete.
Durch höchst geistreiche Berechnungen hat der rühm-lichst bekannte Direktor der Sternwarte Bogenhausen(München ), Pros. Dr. H. Seeliger, das System desSternes tz Ounori enthüllt. Das System hat dreileuchtende Sonnen und einen unsichtbaren Körper. DieSonnen und L stehen durchschnittlich 0,9" voneinanderentfernt und beschreiben umeinander eine kreisähnlicheEllipse in 59*/z Jahren. Die dritte Sonne 6 steht5,4" von der Mitte von ^ und L entfernt und bewegtsich in einer unregelmäßigen Wellenlinie um dieselben,welche einer Epicycloide ähnlich ist. (Erfolgt die Be-wegung eines Kreises auf einer geraden Linie, so beschreibtein Punkt auf der Peripherie desselben eine Cykloide;bewegt sich ein Kreis auf der Außenseite eines festenKreises, so beschreibt ein Punkt auf der Peripherie desersten, des bewegten Kreises eine Epicykloide!) Dervierte unsichtbare Stern dreht sich mit der drittenleuchtenden Sonne 6 innerhalb 18 Jahren um einengemeinsamen Schwerpunkt. Nun gibt eS bei diesenSystemen von zwei oder mehreren Sonnen oft eine un-gleiche Färbung der Sterne, d. h. die Sonnen befindensich in verschiedenen Entwickelungsstadien. Wer von unskönnte wohl einen Tag schildern, der von einer rothenSonne beleuchtet wird, oder einen Tag, an welchem zweiSonnen mit verschiedener Farbe strahlen und eine Nacht,die mit goldfarbigem Dämmerlichte beginnt und mitblauem verschwindet! Alle diese Systeme in den un-ermeßlichen Tiefen des Weltalls zeigen uns nicht nurdie Spuren der nämlichen Materie, wie wir sie aufunserer Erde analysiren, sondern sie lassen sich auch be-herrschen von dem nämlichen Gesetze der Gravitation, dashienieden den emporgeworfenen Stein zur Erde zwingt.
Wenn wir erwägen die Unendlichkeit des Weltalls
in Raum und Zeit, wenn wir bedenken, daß unser Erden-ball nicht einmal einem Sandkorn gleichkommt in Hin-sicht auf die zahllosen Körper des Weltalls, so müssenwir von dem Wahne geheilt werden, als wären wir diealleinigen vernünftigen und bedeutendsten Geschöpfe des fichtbaren Universums. Ich erinnere an einen treffendeAusspruch des größten Mathematikers Frankreichs, PierreLaplace : „Doppelt getäuscht durch die Uuvollkommen-heit seiner Sinne, wie durch die Einbildung seiner Selbst-liebe, betrachtete der Mensch sich lange als das Centrumder Bewegungen der Gestirne. Und diese seine Eitel-keit wurde durch all die Schrecken der Astrologie gestraft,zu welchen er den Anlaß gegeben. Endlich zogen Jahr-hunderte von Arbeit den Schleier hinweg, der das Systemder Welt vor seinen Augen verbarg. Da fand er sichauf der Oberfläche eines Wandelsternes wieder, der sowinzig war, daß er kaum merkbar in jenem selbenSonnensystem erschien, das selbst wieder nur einen Punktdarstellt in der Unendlichkeit des Raumes."
Betrachten wir das Weltall , die Entstehung, dieallmählige Ausbildung der Nebelflecke, Sonnen undPlaneten, so müssen wir uns sagen, daß unsere Erdevon ganz kurzer Dauer ist. Und innerhalb der Ent-wickelungszeit der Erde ist nur eine Minute für dieExistenz des Menschen angesetzt. Und nach der Zukunftsind gleichfalls unsere Tage gezählt, indem sich unsereExistenz an das Vorhandensein der Sonnenglnth knüpft.Schon lange, bevor die Sonne erloschen sein wird, d. h.wo ihre potentielle Energie sich in kinetische Energie derAether- und Körpermoleküle umgesetzt haben wird, wirddas Menschengeschlecht dahin sein.
Nach meinem Dafürhalten ist unser Sonnensystemnur ein Molekül, eine belebte Zelle gleichsam von einemSystem höherer Ordnung im Universum. Wir endlicheMenschen sind an die Sinne gebunden! Wir messen dieNatur mit uns selbst räumlich und zeitlich. Hätten wirdie Größe einer mikroskopisch kleinen Radiolarie (Näder-thicrchcn), so würde ein Teich uns wie ein Oceanerscheinen. Wir können jetzt nach den Messungen derPsychophysiker beiläufig im Zeitraum von einem Puls-schlag zum andern 6—10 sinnliche Wahrnehmungen auf-fassen! (Vgl. Wundt, Grundzüge der PhysiologischenPsychologie. 4. Anst. Leipzig , 1893. 2 Bde.) Jetzt er-reicht der Mensch ein Alter von 80 Jahren oder 29,200Tagen. Denken wir uns, sein Leben wäre auf dentausendsten Theil beschränkt. Er wäre also schon einGreis, wenn er 29 Tage alt ist. Er soll Nichts vonseinem inneren Leben verlieren, und sein Pulsschlag solltausendmal so schnell sein, als er jetzt ist. Der Zeit-raum für die sinnlichen Wahrnehmungen sei der oben-genannte. Ein solcher Mensch würde z. B. einer anihm vorbeifliegenden Flintenkugel leicht folgen können.Aber wie würde ihm die gesammte Natur erscheinen!Von einer Jahreszeit würde er keine Erfahrung haben!Vom Monde würde er etwa sagen: „Es war ein Ge-stirn am Himmel, das wurde erst, als ich ein kleinesKind war, und zwar zuerst ganz schmal und sichelförmig,dann wurde es immer voller und stand länger amHimmel, bis es ganz rund wurde und die ganzeNacht hindurch leuchtete. Aber dieses Gestirn wurdenach kurzer Zeit wieder kleiner und ging immer späterauf. bis es jetzt wieder verschwunden ist. Mit diesemGestirn ist es also vorbei, und die Nächte