Ausgabe 
(22.11.1894) 47
 
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werden immer dunkel bleiben." Eine solche An-ficht wäre doch sehr natürlich für ein denkendes Wesen,das nur 29 Tage denken und beobachten konnte! Wirwissen aus den Experimenten von Hertz u. A., daß sichdie Elektricität ähnlich dem Lichte in Wellenform fort-bewegt, aber wir haben keinen Sinn für diese Wellen-bewegung des Aethers. Werden die Wellen kleiner, soempfinden wir sie als Wärme, werden sie noch kleinerals Licht und über das violette Ende des Specirumshinaus nehmen wir sie mit unseren Sinnen wieder nichtmehr wahr. Es fehlen uns also die Organe für dasphysische Jenseits! Vielleicht bringt es die Forschungs-technik noch dazu, so starke Vergrößerungen zu erzeugen,daß wir in dem Steine die ihre schwingenden und ro-tirendcn Bewegungen ausführenden Atome einzeln er-kennen werden und so im Stande sind, unsere astronom-ischen Studien, die wir am raumdurchdringenden Teleskopebegannen, im Mikroskop zu vollenden. Die Bewegungender Atome im geworfenen Stein müssen selbst in denDetails den Bewegungen der Himmelskörper ganz ähn-lich fein.

Nur eine Materie und an diese gebunden nur eineEnergie im beständigen Flusse und nur ein Gesetz be-herrscht das unendliche Universum.

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Nachschrift:

Soeben ersehe ich aus denAstronomischen Nach-richten 136, 281", daß Belopolsky beim Stern öLöxlloi einen dunklen Begleiter nachgewiesen hat.Der Radius der Bahn ist 1,330,000 stm, und dasganze System nähert sich uns mit einer Geschwindigkeitvon 18 stin in der Secunde.

Die Lücke im Leben Jesu."

Von Dr. Gustav A. Müller.

Diesen vielversprechenden, ich möchte fast sagen pi-kanten Titel führt eine bereits in III. Auflage bei derDeutschen Verlagsanstalt in Stuttgart erschienene Ueber-setzung des Russischen eines Tibetreisenden NikolausNoto witsch. Das Buch ist mit all der Sorgfalt desnoblen Verlags ausgestattet: sein Erscheinen ist als Ver-dienst zu begrüßen, denn das Werk ist die klare unddeutliche Krönung der neueren Versuche, Jesum alsBuddhisten zu erweisen, und nach ihm können alleweiteren Versuche als höchst überflüssige Plagiate zuHause bleiben. Dies ist unsere Meinung vom liter ar-ischen Werth des merkwürdigen Buches, das Reise-schilderung und christologifche Untersuchung in einembietet, im ersteren freilich zweifellos wissenschaftlicher alsim zweiten.

Noto witsch hat nämlich in einem Buddhaklosteruralte Aufzeichnungen über einen im Judenland von denHeiden gekreuzigten ProphetenJssa" gefunden, die er sie relativ richtig auf Christum beziehend in ihrerObjectivität über die Evangelien, in ihrem Alter vordieselben, etwa 3 oder 4 Jahre nach Jesu Tod, zu setzensich veranlaßt sieht. Wir erfahren da als Neuigkeit, daßJesus , die Jncarnation der Weltseele, nach dem 18. Lebens-jahr, um einer Heirath zu entgehen, die Heimath verläßtund denSindh " überschreitend zu den Buddhisten geht,wo er Weisheit lernt und lehrt und Wunder wirkt. Späterhört er von seines israelitischen Volkes Geistes- und Staats-knechtschaft und kehrt als sein Erlöser heim; von denLuden gefeiert und geliebt, wird er dem bösen Pilatus

unbequem, der ihn den Juden zuwider! hin-richten läßt. Die Verwandten begraben ihn, das Volkbetet an seinem Grabe: drum läßt der wüthende Pilatusden Leichnam entfernen, das Grab aber offen stehen, umdem Cultus zu begegnen. Kino illus laorünao: daherdie Legende von derleiblichen" Auferstehung.

Dies ist in Kürze das Neue, was wir vernehmen.Die Lücke im Leben Jesu die Zeit vom 13. bis zum30. Jahre ist bedeutsam ausgefüllt: als eine Jncar-nation Buddhas, besser als Buddhist, kehrt Jesus vonder Wüste" heim und wird der große Bekehrer einerweiten Welt. Die Buddhisten von Himis und Lass«verehren Jssa als einen der Ihrigen. Kaufleutehatten ihnen gleich nach dem Tage von Golgatha dieletzte Kunde von Buddha-Jssa gebracht: diese Ohren-und Augenzeugen, meint Notowitsch, verdienen mehrGlauben als die kirchlich anerkannten Evangelien. Ichfüge bei, daß die Tendenz des Buches keineswegs athe-istisch ist und daß ich denFund" des Reisenden garnicht bezweifeln möchte. Doch seine Bedeutung liegt aufdem Felde der Apokryphen, nicht auf dem geschichtlicherWahrheit.

Zunächst etwas Principielles. Aus einem Buddhakonnte kein Christus, aus einem Buddhisten kein Jesus werden, weil ein Nihilist eben kein Autonomist ist.Buddhismus und Christenthum sind ganz einfache Gegen-sätze: jedenfalls braucht der Dalai-Lama auf den Buddha-Jesus nicht zu pochen. Notowitsch weiß vielleicht,was eine ernste Wissenschaft nicht die der Bier-politiker oder Ooirrnais voMZeurs von der angeb-lichen inneren und äußeren Verwandtschaft zwischenChristenthum und Buddhismus hält; die abgefeimtenBudohapriester mögen eine solche sich natürlich be-vorzugend behaupten, die modernen Magier, dieSpiritisten undMagnetiseurs", mögen sie glauben, einChrist aber macht sich vor sich selbst lächerlich, wenner seinen Glauben nicht besser kennt. Notowitschist uns freilich sympathischer als alle andern Buddha-riecher: er leitet in seinem Funde die geistige GrößeJesu aus sich und seiner Lehrzeit ab, indeß die andernJesum bei den Buddhisten dasHexen" lernen lassen.Jesus ein Buddhist?" undJesus ein Fakir?" wirhaben diese Untersuchungen hervorragender und achtbarerSpiritisten und Philosophen mit minderem Eindruckgelesen.

Die Gleichung Buddha-Jesus ist also absolut nichtsNeues; sie war bisher abendländische Forschungs-Specu-lation, nun ist sie durch eine orientalische Schriftrolleauch als Buddhisteuglaube erwiesen worden: was sie umkeinen Bruchthcil überzeugender gestaltet.

Warum? Notowitsch hat die gelehrten Aka-demien zu einer Prüfungsexpedition aufgefordert, nichtum die Echtheit, die absolut feststehe, untersuchen,sondern die Handschriften zu studiren und ihrAlter zu cruiren.

Da haben wir's! Die Handschriften ihr Alter.Die Handschriften sind eben noch nicht diealtenKaufleute", die ihren Inhalt nach Indien brachten, siesind nicht einmal apostolische Zeitgenossen sie sindvielleicht recht späten Datums. Der Inhalt aber ist inden das Leiden Jesu berichtenden Stellen ganz un-zweifelhaft voller Anklänge an unsere Evangelien.Die Kritik dieser letzteren sagt uns, daß sie nicht ausIndien importirt sind. Doch sie behandeln denselbenGegenstand, sagt wer, und in einer bestimmten T en-