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Zeililge zU Augubmger Weitung.«^
Gustav Adolf.
Nach seinem Leben, seinem Charakter und seinenThaten geschildert von A. G.
Motto: Bet', Kindlcin, bet'!
Bet', es kommt der Schweb'!
Bet', es kommt der Ochsenstern,Der wird's Kindlein beten lehr'».
(Worte eines alten Klagliedcs.)
Der 9. Dezember 1894, an dem vor dreihundertJahren Gustav Adolf als Sohn Carls IX. geboren wurde,liegt heute, an welchem Tage diese kurze, gedrängte Ab-handlung zu schreiben begonnen wird (14. November),noch ziemlich ferne, aber schon sind die Tagesblütter vollmit Berichten großartiger Versammlungen, mit Ausführungvon Festspielen, lebenden Bildern rc. von Seite der pro-testantischen Bevölkerung, insonderheit von Seite der Mit-glieder des evangelischen Bundes. Es ist sicher, dieGustav Adolfs-Jubiläumsfeier, sie bleibt nicht zurück unddarf nicht zurückbleiben hinter der hinter uns liegendenLutherfeier. Während nun der Reformator MartinLuther als „Gottesmann", als „neuer Verkündige! derreinen Lehre des Herrn" bei denen, welche sich nachseinem Namen nennen, eine Berechtigung hat, gefeiert zuwerden, kommt es dem nüchternen Verstände eines nüch-ternen Deutschen mehr als nüchtern vor, daß GustavAdolf geradeso gefeiert wird, als der „Gottesmann".Gustav Adolf nämlich kann im Grunde genommen nurgefeiert werden als „Blutmann" Deutschlands , und dieshalten wir doch für allzu deutsch und allzu gemüthlich.Gönnen wir den Deutschen diese Feiern, besonders jenen, diedem Verein angehören, welcher den Namen des Schweden-königs trägt und der ihn als „Vater" verehrt, fast anbetet,während er die Tochter des Vaters — Christine — beiallen möglichen Gelegenheiten verdonnert, und feiern wirselbst mit! Ja, wir wollen das Jubiläum nicht vorüber-gehen lassen, ohne kurz und prägnant Gustav Adolf auchin diesen Blättern zu feiern ohne Voreingenommenheit,kina irg, 6t oäio, zu feiern ihn als den, was er war,wie er war und was er für Deutschland vollbrachte.
Schon mit 17 Jahren wurde er König von Schweden und führte alsbald drei Kriege: gegen Polen, gegen Däne-mark, den der Friede zu Knäröd 1613 schloß, gegen Ruß-land , der mit dem Frieden von Stolbowa 1617 endete.Dies berührt uns Deutsche nicht. Ein Konversations-lexikon bemerkt nach diesen Thaten sehr kurz: am 24. Juni1630 landete er an Deutschlands Küste, und am 6. No-vember 1632 fand er seinen Tod bei Lützen . So warer also bloß zwei kurze Jahre in Deutschland ! Was aberist alles in diesen zwei kurzen Jahren enthalten? Welchein Unmaß von Perfidiel welch ein Unmaß von Grüuelund Elend! Wir haben zunächst an der Hand einer un-parteiischen, also wahren Geschichtsschreibung darzulegendie Fragen: wer hat Gustav Adolf nach Deutschland ge-rufen? warum folgte er dem Rufe? welches waren seineeigentlichen Absichten? was hat er für Deutschland „Gutes" geleistet bis zur Schlacht von Lützen ?
Es muß hier zuerst die Frage aufgeworfen werden:wer trügt die meiste Schuld am 30jührigen Kriege? Wirbeantworten die Frage frei und ohne Scheu dahin, daßwir sagen: am ersten Theil dieses verheerende Kriegesbis zum Jahre 1629 tragen die Protestanten die Haupt-schuld, vom zweiten Theil sind betreffs der Hauptschulddie Katholiken nicht freizusprechen. Die Protestanten
haben im Anfang zuerst den Rcligiousfrieden gebrochen,sie haben zuerst eine Allianz geschlossen, sie haben zuerstdie Feindseligkeiten in Böhmen angefangen. Es kam dasJahr 1629 und mit ihm das Nestitutionsedikt. Dasselbeverbot den protestantischen Cult in den geistlichen Fürstcn-thümcrn, beziehungsweise stellte es die geistlichen Fürstenbezüglich des jrw rekorwairäi den weltlichen gleich, hieltdas rasarvatuin seelösigstioum aufrecht und erklärtedie Säkularisation der Kirchcngüter seit 1555 für nichtig.Nun erlauben wir uns zu sagen: Klugheit hätte geboten,dieses Edikt nicht zu erlassen, sondern Frieden zu schließen,da man nie erwarten konnte und durfte, jene Punktewürden angenommen werden; die Protestanten wolltenihren Besitzstand retten und griffen aufs neue zu denWaffen, und die Folge, die traurige Folge davon wardie Verlängerung des Krieges auf weitere volle 19 Jahreund dadurch die Verwüstung Deutschlands und die Auf-reibung von zwei Dritteln seiner Bewohner.
Die Protestanten suchten in dieser ihrer Lage Hilfe,wo sie Hilfe finden konnten, und sie fanden eine solchein erster Linie bei Frankreich , das sich mit ihnen ver-band, obgleich es im eigenen Lande die Protestantenunterdrückte. Dieser Zwiespalt der Natur ist sehr einfachdaraus zu erklären, daß Frankreich sich schon damalsdurch Erwerben von Ländern, d. h. deutschen Ländern,bereichern wollte. Nicht um die reliZio war es Frank-reich zu thun, sondern um die reZio, die man Deutsch-land abzwicken wollte. Daß Frankreich auch damals derErbfeind Deutschlands war, geht klar daraus hervor,daß nach der Schlacht bei Nördlingen im Jahre 1634die deutschen Protestanten und die Schweden zum Friedengeneigt waren, Frankreich aber dazwischen trat und dieFortsetzung des Krieges bewirkte, so daß er noch weitere14 Jahre dauerte.
Der zweite Bundesgenosse neben Frankreich war fürdie deutschen Protestanten der jugendliche König und HeldGustav Adolf. Sein Bestreben war, kurz gesagt: dieKaiserkrone zu erwerben (sein Kanzler Oxenstierna wärein Bescheidenheit zufrieden gewesen mit dem Churfürsten-thum Mainz ) oder, wenn dies nicht zu erreichen wäre,wenigstens dem deutschen Adler die Federn ordentlich auszu-reißen — letzteres gelang mitunter mehr als zur Genüge!— Die neue Religion zu schützen, wie vorgegeben war, isteinfach große Heuchelei, sonst nichts. Daß er erstereswollte, hat er selbst, ein Jahr bevor er nach Deutschland zog, ausgesprochen mit den Worten: „si rvx 6rik viotor,(lvrmani xrasäu Erunk", also ex ora tuo fuclico ts.Es ist der Fundamentalsatz, der gleichsam als Motto fürdie damalige Zeit galt, nicht aus dem Auge zu lassen„eujus regio, illius 6k reiigio", und mit Fug undRecht hat schon Hippolytus a Lapide seinen Zeitgenossengesagt: „daß, weil nicht um Religionen, sondern umRegionen gestritten wurde, der leere Neligionsvorwaud(vanus ill6 r6lißioin3 xraataxtus) bei Seite gelassenwerden sollte." Noch viel weniger galt er der FreiheitDeutschlands , wie man so oft in geradezu unglaublicherVerblendung gesagt hat, sagt und leider sagen wird.Frankreich in erster Linie wollte Deutschland schwächenund deßhalb uneinig sehen, und mithelfen mußte hiezuSchweden ; dasselbe that es sub praataxtu raliZionis,in That und Wahrheit aber, wir wiederholen es, um dieKaiserkrone für sich zu holen.
Trotz der angeblichen NeligionSliebe wurde vor dem