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GoitgeisteS zu Gott in der Liebe zurückgekehrt ist, dannerst kommt der Augenblick, wo er vor der Wahl — Neueoder Vernichtung — steht, ausgenommen oder vernichtetwerden kann."
Die Enthüllungen des neuen Testamentes enthaltennoch weitere Gedankensplitter, welche häufig mehr zur Er-regung der LachmuSkeln als zur Erbauung dienlich sind.
Dieselben entstammen offenbar meist nur der ge-steigerten Phantasie von Medien, und es ist selbstver-ständlich, daß diese auch die Ideen des Christenthums,die sie in sich aufgenommen haben, aber eben meist inverzerrter Gestalt bieten.
So finden wir z. B. in dem Testamente die Be-hauptung, daß die Erde der Mittelpunkt der Erlösungist, und das insbesondere deßhalb, weil auf ihr dieeinzige Inkarnation des unpersönlichen Gottes, Christus,erschien. Ferner wird erzählt, daß Lucifer den TodChristi mit Zulassung Gottes verschuldete und darauf inden Mittelpunkt der Eroe gebannt wurde, wo er nun-mehr als unfreies Wesen harren muß, bis er reuevollzurückkehrt. Es ist dies eigentlich eine harte Strafe fürihn, da er nach der ausdrücklichen Versicherung des neuenTestamentes tm allgemeinen ein ganz guter Kerl ist,welcher keineswegs die vielen Sünden und Laster billigt,welche böse Menschen und sonstige Wesen verüben. Doches widerstrebt, diese Tollhäuslertheologie oder Theosophieweiter zn verfolgen. Die Bietigheimer Lehre und die zuinspirirendcn „gottgesnndlen" Geister sind hiemit genügendgekennzeichnet.
Wenden wir uns nun der zweiten Gottwcisenschule,der Steglitzer, zul
Ihr Oberhaupt war bisher der frühere Colvnial-politiker Hübbe-Schleiden . Es wird manche interessiren,zu erfahren, wie derselbe zu dieser seltsamen Umwand-lung kam. Seinen Mittheilungen zufolge lernte er inHamburg , als er dort als Beamter weilte, das vielbe-sprochene Buch Sinnetts „fildotoric: Laclälnsm" kennen.Es machte auf ihn einen tiefen Eindruck, und er glaubte,in ihm die tiefste philosophische und theologische Wahr-heit entdeckt zu haben. Sinnett ist bekanntlich einerder Leiter der englischen theosophischen Gesellschaft, undes lag deßhalb nahe, daß Hübbe-Schleiden mit dieser inVerbindung zu treten suchte. Eine Gelegenheit hiezuwurde ihm durch ein Zusammentreffen mit Col. Olcott geboten, der in Deutschland für die neue Lehre derindischen „Mahatmers" und der Mme. Blavatsky Pro-paganda zu machen suchte. Es wurde nun beschlossen,eine „Lamakus st'lleo8ox1iiLU Gerwuninö" zu gründen,und Hübbe-Schleiden sollte der Sekretär derselben undLeiter des Vereinsorganes „Sphinx" werden. Ver-schiedene Mitglieder boten zur Gründung des letzterendie Mittel. Doch wollte das Unternehmen nicht vor-wärts gehen. Es kam der bekannte Bericht des PsychikersDr. Hodgson über Mme. Blavatsky , in welchem sie desBetruges angeschuldigt wird, und die deutsche Gesellschaftging nun wieder auseinander, wie bald darauf in Frank-reich der Abfall von der Thcosophie erfolgte, der zurGründung der „Oronxs ä'Ltuäes Lsoteriguos" aufpsychologisch-religions philosophischer Basis führte. Hübbe-Schleiden leitete die „Sphinx" von München aus, wo erin die Psychologische Gesellschaft eintrat und sogar zuderen Präsidenten gewählt wurde. Jedoch sprach er nurwenig von Mme. Blavatsky und allen verdächtigenindisch-theosophischen Vorkommnissen, wie überhaupt seineKlugheit und Anpassungsfähigkeit hervortrat. Die „Sphinx"
war mehr Organ für Experimentalpsychologie und Mystikim Allgemeinen. Du Prcl und Kicsewetter, auch GrasLeiningen vor seiner Entzweiung mit Hübbe-Schleiden ,sowie On. Gerster waren die Hauptmitarbeiter. Die Verhältnisse änderten sich, als Hübbe-Schleiden plötzlich ideal-naturalistische Ideen bekam und den „Schüler" Fidus infein Haus aufnahm.
Nun wurde das Programm der „Sphinx" in einideal-naturalistisches verwandelt. Kunstbeilagen von FiduS in welchen durch Nacktheit der Gestalten das Wesen derSeele widergespiegelt werden sollte, wechselten nun in deneinzelnen Heften mit halb wahnsinnigen „idealnaturalistisch-mystischen" Gedichten und Novellen.
Doch hatte leider auch diese Umänderung nicht dengewünschten Erfolg, und so mußte sich der Herausgeberzu einem andern Manöver entschließen. Er kam auf dieIdee, eine deutsche theosophische Gesellschaft, unabhängigvon der englischen, zu gründen und die „Sphinx" zuderen Organ zu machen.
Das Programm wurde möglichst verschwommen ge-halten. um die wahren Ziele möglichst zn verbergen.Man konnte nicht begreifen, wie Hübbe-Schleiden etwasso schlecht Stilisirtcs in die Welt senden könnte; vonseinen eigentlichen Gedanken hatten natürlich die wenigsteneine Ahnung.
Es ist nothwendig, daß wir uns dieses Programmnaher betrachten.
„Theosophie", so heißt es in demselben, ist die ge-meinsame Lehre der Weisen aller Völker aller Zeiten,daß dem Mcnschenwesen ein individueller Gcistcskern zuGrunde liegt, der göttlicher Natur ist und der göttlichenVollendung fähig, und daß es die Aufgabe des Menschenist, diese Vollendung seines Wesens selbstthätig mit allenseinen Kräften zu erringen." „Die Kirchenlehre und dieWissenschaft geben nur sehr unbefriedigende Antwort aufdie Fragen nach dem Sinne des Weltdaseins und nachdem Zwecke des Menschenlebens. Die Theosophie zeigtnun den Weg zur Lösung dieser Fragen und setzt denMenschen in den Stand, die Wcsenswahrhcit nicht nurtheoretisch zu erkennen, sondern praktisch in sich selbst zuverwirklichen."
Wenn schon jeden Kenner der Geschichte der früherenTheosophie die Betonung des Individualismus befremdenmuß, so muß man im allgemeinen doch auch darauf ge-spannt sein, wie denn diese über die Wissenschaft undKirchenlehre gestellte Weisheit die wichtigsten Fragen löstund sogar „zur praktischen Verwirklichung der Wesens-wahrheit" gelangen läßt. Leider bleibt aber unserTheosoph die Antwort darauf fast ganz schuldig undwartet nur mit einer zweiten Definition der Theosophieals „dem lebendigen Auswärtsstreben innerer Entwick-lung", sowie mit einigen verschwommenen Sätzen überVerinnerlichung, wahrhafte innere Freiheit und Liebe auf,so daß man es begreiflich findet, wenn er sagt: „Wirwollen möglichst jeden zum Selbstdenken anregen." Deunes bedarf wohl anhaltenden Denkens, um den Sinnseiner Phrasen zu verstehen.
Im übrigen „bindet er niemand an irgend welcheGlaubenslehren und setzt dem Streben nach Erkenntnißder Wahrheit keinerlei Schranken. Nur jenes Bewußt-sein der individuellen Unsterblichkeit in irgend einer Weiseist seiner Anschauung nach die unerläßliche Voraussetzungfür das vernunftgemäße Streben nach Vollendung. Dadiese in einem Erdenlebcn offenbar nicht zu erreichen ist.