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hiefür aufzubringen, daß jeder berechtigte Zweifel aus-geschlossen bleibt. Unaufgeklärt ist bisher noch der Um-stand, wie die richtige Tradition sich ändern konnte,während die seit dem Beginne des 17. Jahrhunderts zurAlleinherrschaft gelangte falsche Version sich genugsamdamit erklärt, daß um die Mitte des 16. Jahrhundertsder Altar über dem Grabe der Apostel von seinerstörenden Lage mitten im Schiffe der Kirche 'entferntwurde, und Cardinal Scipio Borghese ca. 1612 beieiner durchgreifenden Restauration der Kirche die mittel-alterliche Kopie einer Damasianischen Inschrift, die sichauf die Apostclgräbcr bezieht, aus ihrem ursprünglichenStandort an die sogenannte „Platonia" übertrug.
Msgr. de Waal hat bisher nur den literarischenBeweis für die ehemalige Lage des Grabes der Apostel-fürsten bei S. Sebastians erbracht, der monumentalesteht noch aus. Die vorliegende Schrift ist eben auchmit zu dem Zwecke verfaßt, um sich der Unterstützung derRegierung bei den weiteren Nachgrabungen zu versichern.Wir hegen nicht den geringsten Zweifel, daß die bis-herigen Untersuchungen durch die monumentalen Zeug-nisse glänzend bestätigt werden, es müßte denn sein, daßdie Zeit und zerstörende Ereignisse die Voraussetzungenhiefür vernichtet hätten.
Negensburg. Dr. Endres.
Spiritismus und Theosvphie.
Von
Charles Saint-Paul.
(Fortsetzung.)
Was nun noch die spiritistische Philosophie und dieGeisterlehren anbelangt, so raubt derselben die herrschendeZerfahrenheit gegenwärtig größere Bedeutung. In Frank-reich glaubt man in Spiritisteukreisen an die „Re-inkarnation" (Wiedereinvcrleibung), in Amerika an reingeistigen Fortschritt im Jenseits. Ueber den Gottes-begriff hat man sich gleichfalls noch nicht geeinigt, undüber Christus herrschen noch die verschiedensten An-schauungen.
Neben den Spiritisten haben in letzterer Zeit nunauch die „Theosophen", die „Gottweisen" Aufsehen erregt,und da gerade in der Gegenwart die theosophische Be-wegung in Deutschland durch Vortrüge in den Vorder-grund des Interesses gerückt wurde, wird eine längereBesprechung derselben erwünscht erscheinen müssen.
Wie die Spiritisten, so haben sich auch die „Theo-sophen" gegenwärtig zu Vereinigungen verbunden, welcheeine rege Thätigkeit entfalten, jedoch durch ihre Absurdi-täten den Kampf gegen die Verirrungen des Materialis-mus vielfach mehr aushalten, als fördern.
Die „Gottweisen" theilen sich bei uns in Deutsch-land in zwei Lager, von denen das erste in Bietig-heim, das zweite in Steglitz bei Berlin zu findenist. Die Bietigheimer haben übrigens in letzter Zeit einneues Wirkuugscentrum auch in Dresden gefunden, woein gewisser Leopold Engel eine Zeitschrift, genannt „DaSWort ", Organ der christlichen Theowphie, herausgibt undmit einem „Katechismus der deutschen Theosophie", einemWunderwerke, das wir noch näher vorführen werden,Propaganda zu machen sucht.
Diese erstere Art der „Gottweisen" nimmt für sichdas hohe Glück in Anspruch, stets durch hohe Geister imAuftrage Gottes Offenbarungen und die lauterste Wahr-heit zu erlangen. Die Zahl der bereits publicirtcn ist
Legion und will nicht abnehmen, sondern ist vielmehr instetem Wachsthum begriffen. Daß die meisten derselbensich gegenseitig widersprechen, daß die einzelnen lang-athmigen Bücher häufig einen gräulichen Blödsinn ent-halten und die hohen Geister vielfach eine llnkenntnißbeweisen, deren sich ein Volks- oder Gymnasialschülerschämen würde, ist den erhabenen Weisen ganz glcich-giltigl Sie sind eben alle an der spiritistischen Offen»baruugSmame erkrankt, und gegen dieses Leiden ist leiderkein Kraut gewachsen; es hängt mit der Dummheit und„Suggestibilität" gewisser Menschen zusammen, wird deß-halb in erschreckender Weise epidemisch, und selbst Götterkämpfen gegen dasselbe vergebens. Deßhalb kann ichum so weniger hoffen, daß meine Erörterungen in dengottweisen Kreisen Erfolg haben werden; ich beschränktmich eben darauf, meine vernünftigen Mitmenschen damitzu erheitern und zu belehren.
Das beste Mittel hiczu bietet wohl der erwähnteKatechismus, und wir wollen also Einiges aus den Ver-kündigungen des neuen Dresdener Engels und seiner Ge-fährten ins Auge fassen.
Die Fragen nach dem Wesen der Welt, Gottes undder Menschen werden in dem neuen Katechismus, deretwas umfangreicher als die alten ist, um den geistigZurückgebliebenen die manchmal etwas schwer faßliche,ungewohnte Lehre genauer einzuprägen, der Art der„deutschen Theosophie" entsprechend von „gottgesandten"höheren Himmelsbewohnern gelöst. Das sonderbareGlaubenssystem, welches sie vorlegen, ist in Kürze, ab-gesehen von vielen hier nicht zu berührenden Tollhüusler-zuthaten, Folgendes: Gott, der früher unpersönlich war(l),wollte sich beschauen und schuf deßhalb persönliche Wesen,die ihm ähnlich waren (I). Vor allem den Lucifer, „einmächtiges Wesen, ausgerüstet mit allen Eigenschaften, dieihm selbst eigen waren, d. h. mit allen Fähigkeiten, dieGott als unpersönliches Wesen vereinigen konnte in einpersönliches." Sodann rief Gott unabhängig von diesemWesen ins Dasein, die den 7 Haupteigenschaften ent-sprachen, die also einzeln nicht so umfassende Eigen-schaften besaßen, wie Lucifer, wohl aber zusammenge-nommen wiederum einen Verein bildeten, der in Luciferseinen Gegenpol fand, als dem erstgeschaffenen sichtbarenWesen, entstanden aus der persönlich (l) wirkenden Kraft.«Nach diesen mysteriösen Behauptungen folgt eine Be-schreibung von Lucifers und der von ihm verführtenWesen Fall durch Stolz, durch den Irrthum, sich vonGott unabhängig machen zu können. Auf diesen Fallmuß natürlich auch eine Erlösung folgen, die in demneuen Evangelium sonderartig dargestellt wird. Alle dievon Lucifer ins Dasein gerufenen Wesen, sowie die-jenigen, welche sich zu ihm wandten und bereit waren,ihn als Gott zu verehren, wurden von der Gotteskraftgefangen genommen, in ihre kleinsten Seelentheile zer-stäubt und zu ihrer Rettung angewiesen, den Weg derSeelenläuterung durch die Materie zu gehen. NurLucifer wurde sonderbarer Weise nicht zerstäubt. Denn„da er als Repräsentant der persönlichen Gottheit undals erste Idee dastand, so hätte auch mit seiner Zer-stäubung die zweite Idee, d. i. die zweite Gruppe, alsausströmende Gottheit vernichtet werden müssen. Dieseblieb aber in der Liebe und rettete dadurch Lucifer vorder Vernichtung. Er konnte also nur der Macht ent-kleidet werden, und durch die Rückführung seines An-hanges kann auch er selbst nur zurückgeführt werden. Dann,wenn die letzte durch ihn hindurchgeflosscne Idee des