Ausgabe 
(20.12.1894) 51
 
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Die Apostclgruft liä (ülLtlirriiWlE an derVia Appia .

So betitelt sich eine in hohem Grade interessanteSchrift des unermüdlichen Archäologen Msgr. Dr. Ant.de Waal, welche vor Kurzem als drittes Supplcmenthcftder von dem nämlichen Autor in Verbindung mit demHistoriker Pros. Finke herausgegebenen Römischen Quartal-schrift erschien?) Es ist eine auf Grund der neuestenAusgrabungen fußende historisch-archäologische Unter-suchung über den Ort an der Kirche von S. Sebastians,wo nach verbürgten Zeugnissen des christlichen Alterthumsdie Leiber der Apostelfürsten eine Zeit lang beigesetztwaren. Ihr großer Werth liegt darin, ein neueskräftiges Beweismoment in dem Complexe von Fragen,welche sich an die Tradition von der Anwesenheit deshl. Petrus in Rom knüpfen, in den Vordergrund gerücktzu haben. Die Kritik, welche sich gegen die traditionellenNachrichten über den hl. Petrus zu Rom ablehnend ver-hält, ist gegenwärtig in einem Stadium der Rückbildungbegriffen.Abgesehen von einzelnen Gelehrten, welchehartnäckig den allgemach antiquirten Standpunkt ver-theidigen, sagt de Waal, ist der Verlauf der Oppositiongegen die römische Tradition folgender: Petrus ist niein Rom gewesen. Er ist zwar in Rom gewesen, aberer hat doch dort nicht als Bischof gewirkt. Er ist zwar(nicht bloß als einer von den zwölf, sondern als dererste von den Aposteln) dort thätig gewesen, allein er istnicht in Rom gestorben. Er ist freilich daselbst gestorben;allein sein Grab ist unbekannt." (S. 24.)

Daß nun die römischen Ueberlieferungen auch be-züglich der Ruhestätten der Apostelfürsten trotz der Irre-leitung, welche sie durch den Wandel der Dinge im Laufeder Jahrhunderte in nebensächlichen Momenten erfahrenhaben mögen, in der Hauptsache auf einen festen undsicheren Ausgangs- und Anhnltspunkt zurückweisen, dasan einem Beispiele zu zeigen, ist de Waal in der vor-liegenden Schrift nach unserem Ermessen in ebenso über-zeugender als überraschender Weise gelungen.

Die Tradition bezeichnet die sogenannte Platoniaan der Kirche S. Sebastian», einen unterirdischen halb-runden, nach rückwärts gerade abschließenden Raum, denein Tonnengewölbe deckt, als zeitweilige Ruhestätte derApostelfürsten. Inmitten dieses Raumes steht ein aus-gemauerter hohler Altarstock, dessen Fenestellä die Kom-munikation mit einer kleineren, tiefer liegenden Grab-kammer mit bisomer Tumba (Grab für zwei Leichname)vermitteln. Hicher sollen die Leiber der Apostel gebettetworden sein, als orientalische Christen, wie die Sage be-richtet, den Versnch gemacht hatten, sie in ihre Heimathzu entführen, aber durch ein Erdbeben und die nach-eilenden Römer beim dritten Meilensteine vor demAppischen Thore gezwungen wurden, ihren Raub zurück-zulassen. Als historischen Kern dieser vielinterpretirtenLegende glaubt de Waal folgendes zu erkennen: Die inRom ansässigen Jndenchristen hätten den Versuch gemacht,gleich nach dem Tode der Apostel sich in den Besitz ihrerLeiber zu setzen, weil sie ein größeres Anrecht darauf zuhaben glaubten und ihrer Partei ein kostbares Palladiumsichern wollten. Die Absicht einer Neberführung in den

') Rom 1894. In Commission der Herdcr'schen Verlags-buchhandlung zu Freiburg i. B. und der Buchhandlung Spit-höver zu Nom.

Orient sei spätere Zuthat (S. 51). Hier nun hätten dieReliquien ungefähr anderthalb Jahre geruht, nämlich biszum Bau der Memorier durch Anaklet auf dem Vatikan .

Als de Waal über die ersten Ausgrabungen indiesem Raume berichtete 2) sie begannen im Winter1892, konnte er von mannigfachen Spuren, welchedie ersten christlichen Jahrhunderte dort hinterlassen hatten,erzählen, während sich über die ursprüngliche Bestimmungdes Raumes noch tiefes Dunkel legte. Erst nach Wieder-aufnahme der Arbeiten im folgenden Jahre begann sichdasselbe zu lichten. Nun aber mußte eine Thatsache con-statirt werden, die ganz und gar unerwartet kam, dieThatsache nämlich,daß die Platonia gar nichts mitden Apostelreliquien zu thun hat", daß sie der Bergungs-ort der Reliquien des heiligen Bischofs und MarthrcrsQuirinus ist, welche ungefähr in der ersten Hälfte des5. Jahrhunderts aus Pannonicn nach Nom geflüchtetworden waren:II Nrrusoloo <ll Lrrii (Zulrliro, das istder richtige Name, der dem Monumente zukommt!"

Die Gegnerschaft der Traditionen hätte an diesemPunkte dei° Untersuchung Veranlassung genommen, einenTriumph zu feiern, während die steifen Verfechter desBuchstabens derselben sicherlich ihr apodiktisches: Unddoch! gesprochen Hütten. Für beide Theile ist der Fort-gang der Untersuchung beherzigenswerth. Er lehrt unszwar das Apostelgrab bei S. Sebastians zu suchen, nurnicht neben, sondern in der Kirche. Die richtige Spurzu diesem Ziele war in unserem Falle unschwer zufinden. Gerade die Akten des hl. Ouirinus enthielteneinen deutlichen Hinweis darauf. Sie berichten, daßman den Heiligen bestattet habein dasilieu Lposto-loruiu ketri et knüll, ulil nliHuunclo zneueruut".Wichtig war hier die Bezeichnung von S. Sebastiansals dnsiliLn ^xo3tolorum. Sie veranlaßte zu derWahrnehmung, daß diese Kirche überhaupt erst im 7.Jahrhundert acelösln s. Lalza-stlaul genannt wurde,während sie früher nach den Aposteln genannt war. Sokonnte gar kein Zweifel mehr bestehen, daß sie ursprünglichdem Andenken an die zeitweilige Bergung der Apostelncl 6g,ta,ouruffn3« an der Via Appia geweiht war.

Allein wo ist nun genau die Stelle zu suchen, anwelcher diese Bergung stattgefunden hatte? Das amnächsten Liegende war, sie unter dem ehemaligen Stand-orte des Hochaltars in der Apsis der Kirche zu sehen.Bereits hatte de Waal, da S. Sebastians von der für-sorglichen italienischen Regierung zumluouumeirtonn^lounls« erklärt ist, beim Ministerium des Unter-richts nm die Erlaubniß nachgesucht, hier Ausgrabungenvornehmen zu dürfen, als ihn die während der langenVerzögerung eines Bescheides angestellten Studien aufeinen ganz andern Punkt in der Kirche führten, nämlichungefähr die Mitte derselben, da, wo ursprünglich dererste und einzige Hauptaltar der Kirche gestanden war.Diese Stelle wird von einer erst im Anfange des 17.Jahrhunderts erloschenen und bis zum 5. Jahrhunderthinaufreichenden Tradition bestimmt als der Ort be-zeichnet,uffl 8uut SLpulaflru ^ostolormu ketri ebknüll«. Es ist de Waal gelungen, so sichere Zeugnisse

2) (st. Röm. Quartalschrift 1892, S. 181 ff. Eine aus-führlichere Darstellung veröffentlichte im gleichen Jahrgangedieser Zeitschrift Pros. Orazio Marncchi unter dem Titel:Osservamoni intorno ai (llimtero (teils Lataeowbo sullaVia S. 275 sf.