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leihen im Stande wäre. Die Norwegischen Landleutedagegen sind stets freie Männer gewesen; Könige undHeerführer gingen aus ihrem Schoße hervor.
Gleicht doch schon ihr Land einem solchen breit-schulterigen Ackersmann, wie er hochgewachsen und statt-lich, dabei hüftenschlank, mit marktrten Zügen, fest-geschlossenem Munde und hervortretendem Kinn unterbuschigen Brauen seine scharfen Blicke auf uns richtet.
Die ausgesprochene Individualität, will er seinenStaat nicht nur durch eine Stadt vertreten wissen; daseigene Thal, der eigene Fjord bildet seinen Stolz; erversteht es, sein Heim zu einer Welt für sich zu ge-stalten. Hat ja der Schöpfer das herrliche Nordlandgar mannigfach abgetheilt und gegliedert. Allenthalbenüberwiegen die Kuppen mächtiger Berge, und der Menschsieht sich darauf angewiesen, die zwischen ihnen liegendenThalspalten dienstbar zu machen.
Wenige Gegenden der Erde erreichen Norwegen anSchönheit. Selbst der Schweiz mangelt diese Unzahl vonWasserfällen, die Fülle der Buchten, das erhabene Meer.Und dennoch scheint auf den Bewohnern dieses gewalt-igen Berglandes eine Art Druck zu lasten. Ueberall ruftgewissermaßen die Natur dem Menschen zu: „Bis hieherund nicht weiter!" Der Verkehr zwischen den ver-schiedenen Bezirken und deren Hauptplätzen gestaltet sichnirgends wie im offenen Lande; geistige und körperlicheAbsperrung der Menschen ist hievon natürliche Folge.Jedes der kleinen Gemeinwesen führt sein eigenes, be-schränktes Dasein; hoffnungslose Jsolirtheit bildet seinGepräge.
Im Gegensatze hiezu bietet der norwegische Bauerein vollkommen abweichendes Bild. Jeder Zug seinesWesens verräth den Normannen; sein Charakter ist dereines auf sich bauenden, thatkräftigen Mannes. Nichtselten artet sogar bei ihm Kraft zur Derbheit, Eigenartzum Unschönen aus. Der überflnthenden Fülle vonMannhaftigkeit könnten einzelne weiblich-weiche Zügedurchaus nicht schaden, würden ihr vielmehr sicher zurZierde dienen. Mit Recht stellt man Norweger undamerikanische Westmänner zu einander in Parallele.Muth und Begeisterung eines jungen Volkes zeichnenbeide gleichmäßig aus. Das Sagenzeitalter liegt hinterihnen, während die Periode fortschreitender Cultur nochandauert. Was manche Europäer beim Besuch gewisserTheile Amerikas vermissen — Mangel von Spurenfrüherer Civilisation — zeigt sich beim norwegischenBauer: die guten Eigenschaften eines Kindes, gepaartmit den großen Fehlern eines Neuansiedlers oderWikings.
Denke ich mir somit Dänemark im Bürger, Nor-wegen im Bauersmann verkörpert, so steht Schweden als adeliger Jüngling vom alten Schlage eines StenSture oder Gustav Wasa vor mir, ein Junker, der sichauf der Welt umgesehen und dabei Schätze von Wissenund Kunstfertigkeit erworben hat, schließlich aber dochwieder zur lieben Heimath zurückkehrt, um hier lebenund sterben, sie im Fall der Noth mit Gut und Blutvertheidigen zu können.
Die schwedischen Aristokraten waren nicht nurSchlemmer und Bauernschinder, wie vielfach anderwärtsder Fall, sie erwiesen sich vielmehr von jeher als wahreRepräsentanten der Staatsidee und leisteten ihrem Vater-lande gute Dienste. Sie vermittelten ihm zugleich diehöhere Cultnr anderer europäischer Völker. In Schwedens zahlreichen Herrenhöfen empfängt man beständig neue
Eindrücke wohlthätigster Art. Gemälde - Sammlungen,Büchereien, von den Ahnen erworbene, mit Pietät undStolz bewahrte Kunstgegenstände legen Zeugniß ab, wieGenerationen hindurch höhere Ziele verfolgt wurden, wiemächtig und bedeutsam der Staat bei den großen euro-päischen Verwickelungen eingegriffen hat. Betritt manaber die Residenzstadt, so „scheint einem die ganzeschwedische Geschichte in weitem Umriß entgegenzutreten".
Ich erwähnte bereits, daß es mir ferne liege, diepolitische Geschichte des Reiches mit der seiner Nobtlitätzu identificiren, zu behaupten, daß gerade sie den Kernder Nation bilde. Nur darauf möchte ich hinweisen, wiebei all' dem Guten, das man in Schweden antrifft, sicheine gewisse Vornehmheit bemerklich macht, die Landes-geschichte den Stempel der Großartigkeit an sich trägt.
Noch zur Stunde erblicken wir in den BewohnernDalarneS jenes stolze Racevolk, das einst mit gleichemMuth wie die Großen für die Sache der Freiheit ein-trat; beim Laydmann und Tagewerker entdecken wirein augebornes Schicklichkeitsgefühl, einen Takt, wie manihn sonst selten findet. Am wahrsten und treffendstendrücken die Volks-Lieder die GrundstimMung der Volks-Seele aus; sie sind der beste Beweis für den hoch-entwickelten ästhetischen Sinn derselben. Dieses ange-borne Schönheits-Jdeal, daS sich oft mit merkwürdiger,harmonischer Vertheilung ungleicher Eigenschaften vereint,hat Individuen von ungewöhnlicher Vollkommenheit aufdem Gebiete der politischen und Literaturgeschichte erzeugt.
Anlangend Kunst will ich hier nur Jenny Lind er-wähnen. Ich glaube kaum, daß sie außerhalb Schwedens hätte geboren werden können. Hervorgegangen aus demVolke, hatte sie keinerlei Vorschule genossen und sah sichüberdies von all' den Versuchungen und Gefahren um-geben, welche eins Jüngerin der Kunst auf der Bühnebedrohen. Gleichwohl nahm sie eine ganz vereinzelteStellung ein: sowohl durch Reinheit des Charakters wiedurch ungewöhnliche Leistung in ihrem Fache. Diesestrahlende Unschuld, vor der sich ein Jeder beugen mußte,das Vermögen, die Gefühle der Menschen zu erfassenund ihnen vollkommen adäquaten Ausdruck zu verleihen,hat vor und nach ihr kein Weib besessen. Trotz der Be-fähigung zum Universellen, dem Stigma höchster Begabung,hing Jenny mit allen Fasern ihres Herzens an Volkund Natur ihres HeimathlandeS, ja die Liebe zu diesenbildet sogar den einzigen leidenschaftlichen Charakterzug,den wir an ihr bemerken. Wenn ich von Jenny Lind rede, so geschieht es, weil sie mir als bekanntestes Bei-spiel dafür erscheint, welch' geniales Neceptionsvermögendie schwedische Nation besitzt.
In Dänemark sind die großen Massen gebildeter,obschon sich hier oft das Wissen auf einen recht engenGesichtskreis beschränkt; in Norwegen macht sich die aus-geprägteste Stammeseigenthümlichkeit geltend; nur dieSchweden können fast Alles mit Liebe umfassen undauch erfassen. So begabte, harmonisch gestimmte Naturen,wie sie in Schweden , und zwar in jedem Stande, vor-kommen, finden sich bei anderen Völkern nur ganzvereinzelt. (Schluß folgt.)
Der schwarze Bertholt», der Erfinder des Schieß-pnlvers und der Feuerwaffen.
F. k'. Nach der Buchdruckerkunst wird keine andereErfindung so hoch gewerthet und ist keine von so hohemEinflüsse auf die Entwickelung der Völker gewesen, als