Ausgabe 
(4.1.1896) 1
 
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experimenten abgegeben haben und jeder für sich dieMischung des Pulvers erfand, so entdeckte der dritteMönch, der im Franziskanerkloster zu Freiburg die Ne-torte gebrauchte, allein dessen Schießkraft und wandte siepraktisch an. Wenn er auch bezüglich seiner Gelehrsam-keit erst an dritter Stelle genannt werden muß, so ge-bührt doch ihm die Palme. So geschieht es sehr häufig.Die meisten wichtigen Erfindungen sind nicht von Ge-lehrten, sondern oft ganz zufällig und von Laien ge-macht worden.

Gehen wir nun zum schwarzen Berthold über. Daserste gedruckte Zeugniß über ihn verdanken wir dem ebensogelehrten, freimüthigen und charakterfesten als unglück-lichen Manne, dem Geistlichen Felix Hemmerlin vonZürich (geboren 1389, gestorben um das Jahr 1464,als Opfer einer noch rohen, barbarischen Zeit). DieserGeistliche erzählt in seinem um das Jahr 1450 ge-schriebenen DialogUeber den Adel und die Bauern-schaft",daß der schwarze Berthold (Lartlrolrius nixer),ein allgemein bekannter, feiner Alchimist", das Quecksilberfixiren, hammerfest machen wollte, damit man es be-handeln könne wie reines Silber. Er wollte deßhalbzunächst denGeist", denBasilisken ", wie Hemmerlinin jener naturwissenschaftlich so naiven Zeit dasLeben"des Quecksilbers nannte, todten. Und dader Geistdem Feuer feindlich ist und durch Rauch entweicht, wenner dem Feuer nahe gebracht wird", so stellte er dasQuecksilber an's Feuer. Aber er konnte es nicht tödten.Jetzt beschloß der schwarze Berthold einen andern Ver-such. Er kam auf den Gedanken, denGeist" sammtdem Quecksilber selbst zu vernichten. Er wußte, daßGegensätze einander nicht dulden, und that deßhalb denvon Natur feurigen Schwefel und den kalten Salpetermit dem Quecksilber in ein Gefäß von Erz zusammen,verschloß dieses und setzte es dann dem Feuer aus. DieWirkung war eine verblüffende. Der Schwefel entzündetesich, konnte neben dem kalten Salpeter nicht mehr cxistirenund zerriß unter furchibarem Knall die Büchse. Durchdieses Ereigniß aufmerksam geworden, experimentirteBerthold weiter, er band starke Metallgefässe mit Eisenund wiederholte obige Prozedur. Sie zerrissen undschlugen die Wände des Laboratoriums in Stücke. Nunerzählt Hemmerlin weiter:Als Berthold das sah, machteer durch seinen Erfindungsgeist zum Staunen aller diedurch einen Zufall erfundenen Gefäße zu dem, was wiruueigentlich Büchsen nennen, und da er seine Erfindungvon Tag zu Tag verbesserte, so kam eS, daß er allefrüheren Kriegsinstrumente übertraf. Es geht ausSchriften hervor, daß die Erfindung innerhalb zwei-hundert Jahren zum erstenuiale bekannt wurde."

Hansjakob führt eine ganze Reihe Schriftsteller auf,welche von dieser neuen Erfindung sprechen. Von denalteren Italienern spricht ganz ausführlich Guido Porn-cirollus davon. Er sagt. daß unter den Erfindungender Deutschen die metallenen Maschinen, welche durchFeuer und Schwefclpulver unter furchtbarem Donnerneherne Kugeln und Steine weithin schleudern, die Mauernder Städte und alles, was ihnen in den Weg kommt,niederwerfen, nicht den letzten Platz einnehmen. Mannenne sieLombarden" von dem griechischen WorteKoinl>ci8 (das Brummen), und der Schriftsteller RobertValtnrius vergleiche sieeinem feurigen Brummen". Erzählt dann von Archimedes an alle Erfinder ähnlicherKriegsmaschinen auf und meint, diese seien Kinderspielegewesen gegen die Bombarden, welche mehr zu fürchten j

seien als Blitz und Donner. Wahr sei, baß der Er-finder ein Deutscher gewesen, wie verschiedene Schrift-steller von ihm auch behaupteten, ob nun sein Nameunbekannt oder ein Mönch von Freiburg , Kon-stantin Anklitzen oder Berthold Schwarz sei,wie er von Forculatus (j- 1573) genannt werde. Mitgroßer Sachkenutniß weist nun Dr. Hansjakob nach, daßman mit Hemmerlin annehmen muß, der Erfinder desSchießpulvers habe um 1250 gelebt. Die verbreitetsteAnnahme, welche besonders in Deutschland durchgedrungenist, setzt die Erfindung in das Jahr 1354, eine Jahres-zahl, welche auch auf dem im Jahre 1853 errichtetenMonumente des Berthold Schwarz zu Freiburg Platzgefunden hat. Dererste Verbreiter dieser Jahreszahl"ist niemand anders als der 1505 in Lindau geboreneund 1577 in Augsburg als Arzt und Geschichtkschreibergestorbene Dr. Achilles Pirminius Gaffer , welcher dieseZeitangabe auch dem ehemaligen Franziskaner und späterenProfessor in Basel Sebastian Münster (14891552)übermittelte. Aus der Kosmographic Münsters schriebenes dann zahlreiche spätere Schriftsteller nach. Gafferselbst hatte die Notiz von dem bekannten JohannesAventinns (Johannes Thurmayr aus Abensberg , 1466bis 1534) entlehnt. In seiner lateinisch geschriebenenund von ihm selbst verdeutschten Chronik schreibt er:Dieser Zeit (zur Zeit Karls IV .) hat gelebt MeisterBerthold Schwartz , ein Barfüßer, ein großer Künstler derheimlichen Kunst Alchimey und dergleichen mehr; hat dieGeister (des Quecksilbers!) können zwingen und bannen.Und hat die Büchsen und das Pulver erfunden, die nach-mals durch andere gebessert worden und bei unserer Zeitauf das Höchste sctznd kommen." Zweifellos wurde Aventinvon Hemmerlin bedient. Da nun dieser um 1454 seinenoben genannten DialogUeber den Adel und die Bauern-schaft" herausgab und darin sagte, daß innerhalb zweierJahrhunderte vorher das Pulver erfunden worden sei,so nahm Aventin ein Jahrhundert, die Mitte, an;- soergibt sich 1354. Daß Hemmerlin allein die richtigeZeit getroffen hat, wenn er auf das 13. Jahrhundertzurückgeht, folgt auch aus einem andern Umstände. Ge-wiß braucht eine Erfindung von weltgeschichtlicher Be-deutung bis zu ihrer vollen Entfaltung Jahrhunderte.Es sei nur an die Dampfmaschine hier erinnert; AbtLuger von St. Denis, mit dem BeinamenVater desVaterlandes ", war vor 700 Jahren deren Erfinder; derSpanier Blasco de Garay machte 1543 weitere Ver-suche ; bis zur Ausführung praktisch anwendbarer Dampf-maschinen durch den Kapitän Savertz 1698 vergingen150 und von da bis zur ersten Eiscnbahnlokomotive fastebensovicle Jahre. Demgemäß können wir wohl an-nehmen, daß von der ersten Erfindung des Geschützes biszu seinem öffentlichen kriegerischen Gebrauche mindestenshundert Jahre vergangen sein können. Der historischeNachweis wurde von Dr. Hansjakob erbracht, daß wederbei den Deutschen , noch bei den Italienern, noch Fran-zosen rc. rc. vor der Mitte des 14. Jahrhunderts dasSchießpulver und dessen Gebrauch erwähnt wird. UndTcmler weist ganz vorzüglich nach, daßkein einzigerglaubwürdiger, recht verstandener Schriftsteller mit irgendeinem klaren Zeugnisse darthne, daß vor dem Jahre 1354das Schießpulver in Europa bekannt und im Gebrauchgewesen sei".

(Schluß folgt.)