Ausgabe 
(10.1.1896) 2
 
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Nl-. 2.

10. Jan. 1896.

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Neovitalismns.

Von Professor vr. L. Haas in Passau .

(Schluß.)

ES ist im Grunde gar nicht richtig, daß der Neo-vitalismus vom Weltganzen, überhaupt von einem com-plicirten Ganzen ausgeht. Will er ein solches durch-forschen, muß er eS in seine Theile zerlegen. Er gehtvom lebenden Protoplasma aus, also auch vomKleinsten. Das nackte Protoplasmaklümpchen (etwa einfarbloses Blutkörperchen aus dem Blute eines Frosches)fängt, unter dem Mikroskop beobachtet, bei steigenderWärme an, seine Form zu verändern. Wie zarte Füß-chen tritt es an die Oberfläche hervor, und offenbar (istes bewiesen?) mit diesen Füßcheu kriecht das Klümpchenauf der Glasplatte von Ort zu Ort. Mit zunehmenderWärme wird diese Bewegung lebhafter, bei einer be-stimmten Temperaturgrenze werden die Ausläufer einge-zogen, und die Bewegung hört auf. Aus diesem Ver-halten soll sich ergeben, daß der Lebenssubstanz schon inihren untersten Prägungen die Fähigkeit einer eigen-artigen Verarbeitung äußerlich übertragener Kräfte zu-kommt, die uns als Selbstbestimmung (?) erscheint. Diesevitale Selbstbestimmung werde im Wesentlichen erreichtdurch eine vorläufige Ueberführung der Kräfte, die vonaußen einwirken, in Spannkraft, und eS werde derNaturforschung voraussichtlich (?) gelingen, eine einleuchtendePhysikalische Beschreibung der Veränderungen zugeben, die eine von außen kommende Anregung imInnern des Körpers durchmacht, bis sie in derForm einer scheinbar freiwilligen Bewegung wieder«ach außen tritt.

In dieser Darstellung findet sich vor allem einebedenkliche Lücke. Das beregte Protoplasmaklümpchen(Blutkörperchen) ist zwar organisirter Stoff, ist esaber aus dem lebenden Organismus heraus-genommen noch als wirklich lebende Substanzzu betrachten? Dies kann nur der Fall sein, wenn manden lebenden Organismus aus einzelnen lebendenOrganismen zusammengesetzt sein läßt. Wie steht esaber da mit dem diese zusammenhaltenden, or-ganisirenden Princip? Ein organisirter Stoffverhält sich jedenfalls anders der Wärme gegenüber, solange die Nachwirkungen der organisirenden Kraft in ihmnoch vorhanden sind, als wenn dies nicht mehr der Fallist, ein grünes Blatt anders als ein dürres. Aber dieFrage ist doch die, ob in dem abgebrochenen Blatte, indem aus dem Blute herausgenommenen Protoplasma-körperchen die Lebenskraft als solche noch wirksamist, ob man es also in dem angeführten Experimente nochmit der eigentlichen Lebenskraft, der organi-sirenden Kraft in ihrer wahren und eigent-lich e n T h ä t i g k e t t zu thun hat. Kann das Experimentan einem und demselben Protoplasmaklümpchen wieder-holt werden? So lange diese Fragen nicht gelöst sind,so lange können die angegebenen Erscheinungen ganz gutals physikalische gelten und müssen dann freilich einephysikalische Erklärung zulassen; man steht eben ein-fach nicht vor der eigentlichen Lebenskraft.Zudem ist es voreilig, aus dieser äußeren Aehnlich-keit, die sich in sehr bescheidenen Grenzen hält, auf diewesentliche Aehnlichkeit (oder Gleichheit) der Vor-gänge in einem lebenden Organismus zu schließen.

Ist aber das Verhalten eines wirklich leben-den Protoplasmakügelchens ein ganz anderes als daslebloser Körper, dann ist in ihm eine besondere Kraftwirksam. Will der Neovitalismns dieselbe physikalischerklären, so unterscheidet er sich einerseits nicht prin-cipiell vom Mechanismus, anderseits vermag er denUnterschied zwischen der organischen und anorganischenNatur nicht zu erklären. Erklärt der von den Atomenausgehende Mechanismus nicht die Einheit von Kraftund Materie und noch weniger die Erscheinungen desLebens, so auch nicht der Neovitalismus: er setzt viel-mehr von Anfang an durch einen kühnen Sprung überdie Grenze zwischen Lebendem und Leblosem hinweg.Beide scheitern an demselben Punkte, an der Grenzezwischen der lebenden und leblosen Natur, nur langensie von verschiedenen Seiten an dieser Grenze an. Wenndaher der Neovitalismus zu dem Resultat gelangen will,den Durchgang der äußeren Neizung durch unserenKörper von Station zu Station zu verfolgen, in dasNacheinander dieser Erscheinungen leitend und helfendund zwar mit mathematischer Sicherheit einzugreifen,so kommt er einerseits über das physikalische (leblose)Gebiet wieder nicht hinaus, anderseits vergißt er, daßwir in der höchsten Lebenserscheinung, in der geistigenSelbstbestimmung, von der äußeren Neizung thatsächlichunabhängig sind (auf diesem Gebiete hat das Gesetz dersmateriellenj Aeguivalenz von Wirkung und Ursache keineGiltigkeit), während manche Lebensvorgänge unserer posi-tiven Einwirkung entzogen sind. Wo bleibt da die mathe-matische Sicherheit? Nebenbei sei bemerkt, daß auch diezuversichtlichste Berufung auf eine in der Zukunft zugewinnende Erkenntniß kein Recht zur Aufstellung auchnur einer Hypothese gibt: die zur Aufstellung einerHypothese berechtigenden Erkenntnisse müssen wenigstensder Mehrzahl nach eher gewonnen sein als die Hypo-these aufgestellt wird.

Was weiterhin gesagt ist von den Errungenschaftendes Lebens, von den Aeußerungen der vitalen Selbst-bestimmung, die ihr muthmaßliches (sie) Ziel undVorbild, den Stoff, der sich selbst bewegt, am nächstenstreifen, so ist das zwar sehr geistreich, aber nicht klarausgedrückt. Einheiten, die sich besonders schwer in Kraftund Stoff zerlegen lassen, werden wir geneigt sein, inhöchster Vollkommenheit dem Ureinen als Eigenschaftenbeizulegen. Solche Einheiten sind Empfinden, Denkenund Wollen, weil hier nachgiebiger Vorstellungsstoff undgestaltende Vorstellungskraft so innig verbunden sind,daß sie uns als ein Seelenvermögen entgegentreten.Aber was ist denn Vorstellungsstoff? Ist es nochder grobsinnliche Stoff, den wir sonst Materie nennen?Allerdings sind Vorstellnngsstoff und Vorstellungskraft soinnig vereinigt, daß letztere ohne ersteren nie in Wirk-samkeit treten, sich nicht manifestiren kann. Aber ichdenke, daS ist bei jeder Kraft der Fall: keine kannwirken ohne Wirkungsstoff. Wo wir überhauptKraft und Stoff zerlegen, da scheiden wir Stoffemit ihren Kräften; unterscheiden können wir Kraftund Stoff überall.

Wenn daS Selbstbewußtsein als Vorstellung(sie) über den Vorstellenden selbst für den höchsten Graddieser innigen Durchdringung erklärt wird; wenn in ihmin den Augen der Menschen die Selbstbestimmung sichzur Freiheit adelt; wenn es als absolute Freiheit dem