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Meinen mit Kraft und Stoff, das im Weltall sich vonselbst bewegt, beigelegt wird; wenn es aber trotzdem nurals Begleiterscheinung (nicht, was es in der Thatist, als Grundvoraussetzung) der (wahren) Selbst-bestimmung gefaßt wird, so kommen wir zu der Sonder-barkeit, daß das Meine sich eher (wenigstens sachlich,wenn auch nicht zeitlich) absolut selbst bestimmte, alses sich selbst wußte. Wie da von einer absolutenFreiheit die Rede sein soll, ist unbegreiflich. Wirkönnen uns die Sache nicht anders denken, als daß basMeine sich bestimmte und dadurch sich erkannte, undsich daraufhin für frei hält, obwohl es doch nur er-kennen kann, daß es selbst so sein muß, wie es sichohne sein Wissen bestimmt hat.
Wir kommen zur Moral des Neovitalismus. DasMittel, dessen sich die Natur (das Ur-Eine?) bedient, umihre Lebewesen auf immer höhere Stufen der Selbst-bestimmung zu heben, weist über den Nahmen der indi-viduellen Begrenzung hinaus. Dieses Mittel bestehtnämlich darin, daß die Selbstbestimmung sich in denDienst der Nächstenliebe stellt. Einer für Alle,und Alle für Einen! so lautet das Gebot, welchesdie Theile jedes lebenden Ganzen unter einander ver-bindet und die sogenannte „organische Einheit" derselbenherstellt. — Wie ist denn im Neovitalismus, wo dochjede Bestimmung eine Folge der uranfänglichenSelbstbestimmung des Ur-Einen ist. überhaupteine wahre Selbstbestimmung des Einzelnen nochmöglich? Wie eine wahre Freiheit? Läßt sich das ge-nannte Gebot auf den niedrigsten Stufen der thierischenOrganismen, wo durch Theilung neue Individuenentstehen, überhaupt in der Pflanzenwelt vollständigdurchführen? Es soll ein Naturgesetz und zugleichdas vornehmste Gebot der Sittlichkeit sein!In gleicher Weise? Freilich, wenn Freiheit undNächstenliebe Hand in Hand gehen, d. h. wenn diefreien Wesen sich frei für ihre Mitwesen bestimmen,dann wird sicher ein hoher Grad der Vollkommenheit er-reicht, aber nicht im Sinne des Neovitalismus.
Wie Freiheit als Ziel und Nächstenliebe alsMittel zu diesem Ziele erklärt werden kann, ist aufden ersten Blick unverständlich, denn die Nächstenliebeist ja eine Beschränkung, wenn auch eine Selbstbe-schränkung der Freiheit. Man muß aber daran denken,daß im Sinne des Neovitalismus dadurch, daß alleWesen sich um der andern willen bestimmen, diese Be-stimmungen zuletzt aufgehen in der Selbstbestimmung desUr-Einen, das insofern frei ist, als es sich sogar unab-hängig von sich, weil seiner unbewußt, bestimmte.Freilich ist diese Freiheit keine wahre Freiheit.
Es wird zuletzt sogar an das Bibelwort erinnert,daß Gott den Menschen nach seinem Ebenbilde erschaffenhat. Die neovitalistische Auffassung vorn Leben erinnereso unmittelbar an dieses Wort, daß es Gott absichtlichverleugnen hieße, wollte man achtlos an dieser Ueber-einstimmung vorübergehen. — Wenn nur die geringsteUebereinstimmung vorhanden wäre! Im Neovitalismussind doch alle lebenden Wesen nur immer unvollkommenereWiederholungen des Ur-Einen oder gar Eigen-schaften (vgl. oben) desselben. Dieses Ur-Eine aber istsein Gott, den wir uns als höchstes Wesen invollkommener Freiheit gegenüber denkensollen, das doch zugleich in der Natur undihren gesetzmäßigen Erscheinungen aufgeht.Also ja keine Transscendenz! Da ist es freilich schwer,
das muß man dem Neovitalismus zugestehen, zu einereinheitlichen Vorstellung von Gott zu gelangen.Eine solche Vorstellung im Sinne des Neovitalismusfordert das reinste oaoriüoinra intolloetus! Freilichsoll die höchste Freiheit durch ein Naturgesetz, dasder Nächstenliebe, erlangt werden! Aber dieses Ge-setz war für die erste, sreieste Selbstbestimmung desUr-Einen nicht vorhanden. Haben wir da vielleicht garim Sinne des Neovitalismus anzunehmen, daß auch seinGott die höchste Freiheit, also die höchste Vollkommenheiterst durch die Nächstenliebe erlangt, so daß wir imGrunde einen Gott zu denken hätten, der eigentlich nochnicht ist, sondern erst wird?
Es würde zu weit führen, alle Anklänge an bereitsvergangene philosophische Systeme aufzuzählen, die sich imNeovitalismus finden. Er ist eben eine monistischeWeltanschauung, die sich principiell über die materialist-ische nicht erhebt. Aus seinen Jnconscquenzen undWidersprüchen kommt er nur dann heraus, wenn er imkleinsten wirklich lebenden Protaplasmakügclchen eineKraft anerkennt, welche sich nirgends im Anorganischenfindet, also auch nicht mit den gleichen Mitteln wie dieanorganischen Kräfte erklärt werden kann, eine Kraft,welche die physikalischen und chemischen Kräfte zu einembestimmten Ziele leitet, also über ihnen steht undinsofern ihnen gegenüber Selbstständigkeit besitzt. Dabeiist weder ausgeschlossen noch thut es der Selbstständig-keit dieser Kraft einen Eintrag, daß sie für ihre Wirk-samkeit Bedingungen voraussetzt, welche in der Wirksam-keit der sogenannten kosmischen Kräfte liegen. Sinddiese Bedingungen gegeben, dann wirkt sie in ihrerWeise, nicht chemisch und physikalisch, sondern or-gantsirend.
Wollen wir uns überhaupt über die verschiedenenVerbindungen von Kraft und Stoff, vom kleinstenKörperchen im Anorganischen angefangen bis hinauf zumhöchsten Lebewesen auf Erden, dem Menschen, Klarheitverschaffen und uns dadurch eine genaue Scheidung er-möglichen zwischen dem Anorganischen und Organischen einerseits, zwischen dem Menschenleben und dem übrigenNaturleben anderseits, dann glaube ich, müssen wir vorallem klar zu werden suchen über das Wesen derMaterie. Dieser Begriff scheint mir einer eingehendenUntersuchung werth und bedürftig.
Professor Dr. Grimm si.
* Das „Fränk. Volksblatt" bringt folgenden Nach-ruf: Einen schweren Verlust hat der erste Tag des NeuenJahres der hiesigen theologischen Fakultät und mit ihrder katholischen Gelehrtenwelt Deutschlands gebracht. Am1. Januar Nachmittags ftz4 Uhr verstarb nach kurzemUnwohlsein in Folge eines Schlaganfalles unerwartetschnell der ordentliche öffentliche Professor der neutesta-mentlichen Exegese Dr. Joseph Grimm , gleich aus-gezeichnet als Gelehrter wie als Priester, ein Mann, inwelchem tiefes, umfassendes Wissen sich mit seltenerFrömmigkeit und Herzenseinfalt verbanden.
Joseph Grimm wurde zu Freising geboren am 23.Januar 1827. Nachdem er seine Gymnasialstudien inFreising vollendet, in allen acht Klassen sich den erstenPlatz und in der Reifeprüfung 1843 die erste Note er-worben hatte, bezog er die Universität München , um daseinen philosophischen und theologischen Studien obzuliegen.Dort löste er die von der philosophischen Fakultät ge-