Ausgabe 
(24.1.1896) 4
 
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Gedanken über Wissenschaft und Christenthum.

L In der 253. Beilage derAllgem. Zeitung"(2. Nov. 1895 Nr. 30L) berichtet einSpectator" überseine Eindrücke öom letzten Katholikentag. Dom politischenInhalt des Artikels völlig absehend, wollen wir hier nureinen Passus herausgreifen, der das Verhältniß vonWissenschaft und Christenthum beleuchten will. Der Ver-fasser sagt nämlich anläßlich der Besprechung der Rededes Herrn Professors Grauert:Wenn man sx xrolossovon Katholicismus und Wissenschaft spricht, so sollte manmeines Ermessens doch einmal tiefer in den Gegenstandhineinsteigen und klar darlegen, wie jetzt thatsächlich dieLage ist und um was es sich zwischen Christenthum undWissenschaft handelt. Die exakten Wissenschaften glaubendie vollkommene Gesetzmäßigkeit alles Geschehenden undalles uns in der Natur entgegentretenden Lebens er-wiesen zu haben; die historische Kritik leugnet, daß, soweitdie Thatsachen der Weltgeschichte controllirbar sind, dieserAnnahme widersprochen werden könne. Dieser Welt-anschauung, welche keinen Platz für übernatürliche Vor-gänge läßt, steht der christliche Glaube schnurstracks ent-gegen. Wie die Sachen gegenwärtig liegen, ist an einenobjektiven Ausgleich der beiden Standpunkte vor-läufig nicht zu denken. Der Ausgleich existirt nur in-dividuell in Gott sei Dank zahlreichen Individuen, denendie inneren Lebenserfahrungen und die nicht wegzu-disputirenden Thatsachen des Gemüthes diese Harmoni-sirung gewonnen haben: für alle, die es trifft, ein un-sagbarer Segen, aber mehr eine Gnade, denn ein Ver-dienst. Der Allgemeinheit wird dieses Glück erst aufdem Wege eines langen und schmerzlichen Prozesses wiederzugeführt werden können und es kaun erst eintreten,wenn in einem ungeheuren Maßstabe die Menschheitabermals die Einsicht gewonnen haben wird, daß sie ausund in sich selbst nicht zu ihrem Ziele kommen kaun."

Der Verfasser zählt zwar offenbar selbst unter die,denen die erwähnte Gnade zu theil geworden ist, undwenn er aus seinen Prämissen die Consequenz zieht, daßdie Forschenden und Strebenden unter redlicher Aner-kennung ihrer Arbeit einander ruhig und liebevoll er-tragen sollen, so können wir ihm hierin nur freudigenHerzens beistimmen. Aber seine Darstellung des Ver-hältnisses hat doch soviel Bedenkliches an sich, daß sienicht unwidersprochen bleiben darf. Wenn wir ihm folgen,dann haben wir innerhalb der wissenschaftlich gebildetenWelt zwei Gruppen: solche, die wissen und nicht glauben,und solche, die wissen und dennoch glauben, aber nichtweil sie auf dem Wege wissenschaftlichen Denkens zurErkenntniß gelangt sind, daß natürliche Wissenschaft undübernatürlicher Glaube neben einander Platz haben undsich eher fordern als ausschließen, sondern weil sie reinsubjektiv durch gewisse innere Lebenserfahrungen und ge-drängt durch ein von der Wissenschaft unbefriedigt ge-lassenes Gemüth dahin gekommen sind, im positivenChristenthum Trost zu suchen und so den ihnen vomwissenschaftlichen Standpunkt aus gleichfalls unversöhn-lichen Gegensatz in ihrem Herzen zu verschließen und mitAnstand zu ertragen.

Bei diesem Standpunkt ist also die übernatürlicheTheologie ausgenommen für eine christliche Wissen-schaft, insbesondere für eine christliche Philosophie undApologetik, kein Raum mehr. Höchstens von der Thatsache

des Gewissens, des natürlichen Scligkeitstriebes u. s. w. denn das meint der Spectator offenbar mit derinneren Lebenserfahrung kaun auf das DaseinGottes geschlossen werden. Und doch sagt der ApostelPaulus im Römerbriefe (1, 20): Invisidiliu animixsins a, ereutnrg. ruuircli per eu Huua tucta, snnt,intellsetu coirsxioiuntur; sswxitsrna. guocius siusvirtus at cüvinitus, itu ut oint inexousamles. DerAusgleich des heutigen Gegensatzes zwischen Wissenschaftund Christenthum gehört also nicht bloß in das stilleHerzenskämmerlein, sondern auch vor das Forum dermit natürlichen Principien operircuden Wissenschaft, undihn vorbereiten und verwirklichen zu helfen, ist eine Ehren-sache des christlichen Gelehrten. Versuchen wir es einmalvon diesem Standpunkte austiefer in den Gegenstandhineinzusteigen und das Verhältniß von Christenthumund Wissenschaft darzulegen."

Da müssen wir vor allem bestreiten, daß eine Welt-anschauung, welche die sicheren Ergebnisse der exaktenWissenschaften acceptiren will, dem christlichen Glaubenschnurstracks entgegenstehen müsse. Gott ist die ewigeWahrheit, weil er das absolute Sein ist. Wie er dieDinge denkt und erkennt, so sind sie. Unsere Natur istnach Gottes Bild und Gleichniß geschaffen, daher habenwir analog die Möglichkeit einer wahren Erkenntniß,d. h. der Inhalt unserer Begriffe ist logisch identisch mitdem Wesen des Bcgriffsobjectes und somit schließlich mitder nrbildlichen Idee Gottes. Wir erkennen die Dinge,wie sie sind. Nach dem Willen des Schöpfers haben wirnicht bloß die Möglichkeit, die Wahrheit zu erkennen,sondern auch den Trieb, sie zu suchen. Dieser Erkenntniß-drang äußert sich in der wissenschaftlichen Forschung.Jede Wahrheit also, die wir auf dem Wege wissenschaft-licher Forschung gewinnen, bedeutet eine Uebereinstimmungunserer Vernunsterkenntniß mit dem göttlichen Erkennen.Insoweit also die Früchte unserer Bemühungen wirklicherkannte Wahrheiten sind, kann keine dieser Wahrheiteneiner anderen widersprechen, ebensowenig als es in demabsoluten Urgrund alles Seins und aller Wahrheit einenWiderspruch geben kann. Die exakten Wissenschaftenhaben als hauptsächliches Erkenntnißprincip die sinnlicheWahrnehmung, und ihre Objecte sind die Gegenstände dersinnlichen Wahrnehmung bezw. die Veränderungen an den-selben. Innerhalb dieses ihres Forschungsgebietes nun könnensie allerdings auf etwas Uebernatürliches nicht kommenund brauchen und sollen es auch gar nicht. Aber ebenso-wenig sagt dem Astronomen oder Physiker irgend eineseiner Berechnungen oder eines seiner Instrumente, daßsein Endergebniß auch das letzte und oberste Principsei, daß eS über dem Natürlichen, das er erkannt, nichtsUebernatürliches gebe, und über dem Gesetze, das erentdeckt, kein Gesetzgeber stehe. Sobald er dieses be-haupten will, verläßt er sein Gebiet, und fein Urtheilverliert den Anspruch auf jene besondere Werthschätzung,die man ihm dort schuldet, wo er als Fachmann auf-tritt.

Insofern also die Resultate der exakten Wissen-schaften wirklich wahr sind, braucht dem gläubigenChristen nicht davor zu bangen; sie können seinen Glaubennur stützen, nicht untergraben. Wo aber solche wahreErgebnisse mit der christlichen Offenbarung in Wider-spruch zu stehen scheinen, da ist es eine heilige undschöne Pflicht des christlichen Gelehrten, solch scheinbare