Ausgabe 
(24.1.1896) 4
 
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Gegensätze zu versöhnen und viele, alle mit dem be-freienden Geschenke (ok. Joh. 8, 32) neuer Wahrheit undErkenntniß zu beglücken. Wenn die katholische Wissen-schaft diese Ehrenpflicht getreu erfüllt, dann wird, wiees immer geschehen, die wissenschaftliche Thätigkeit auchin breiteren Volksschichten ihre Neflexerscheinungen hervor-rufen, und der Allgemeinheit wird auch ohne schmerzlichenund langwierigen Prozeß das Glück zutheil werden, dieFrüchte der profanen Forschung zu genießen und ohneWiderspruch damit jene höhere Erkenntniß zu verbinden,die uns Demjenigen näher bringt, der da ist der Weg,die Wahrheit und das Leben. Die nicht wissenschaft-lichen Kreise sollen solchen Männern, die diesem idealenVersöhnungswerke ihre Kraft weihen, Vertrauen, Dank-barkeit und christliche Liebe entgegenbringen. KatholischeMänner der Wissenschaft aber in möglichst großer Zahlsollen in friedlich ernster Thätigkeit und besonnenem Eiferauf dem Gebiete der Theologie, wie der Philosophie, Ge-schichte und Naturwissenschaft arbeiten und bedenken, daßsie der guten Sache dann den besten Dienst erweisen,wenn sie ohne Tendenz in ruhigster Objektivität dieWahrheit suchen. Unbewiesenen Hypothesen gegenüberwerden sie freilich vorsichtig sein müssen, und immerwerden die Worte des weisen Sirach (37; 19, 20)gelten, mit denen wir vomSpectator" Abschied nehmenwollen: Anima viri srmoti eurmtinb sliguniräo vers,Herum sextenr ciraunasxsetatores, seäontaZ in ax-aalso acl sxaLuIanclnin. M in lim oinnidns äaxrs-vnre iHtissirnnin, nb äirigab in veritata vinrn tnuva.

Znm Jubiläum desgrößten" Erziehers.

Diemoderne" Pädagogik feierte vor Kurzemwieder einmal einen Ehren- und Jubeltag, das 150.Geburtsfest des Schweizers Joh. Heinr. Pestalozzi.In politischen Blättern und der pädagogischen Fachpresse,in Vortrügen und Broschüren, ja sogar durch theatralischeVorstellungen und Stiftungen wurde dieses Fest gefeiert.Grund also genug, um auf den Jubilar in Kürze zurück-zukommen. Wir wären übrigens schon vor der Feierauf diesen Schulmann zu sprechen gekommen, glaubtenaber warten zu sollen, bis der Festjubel etwas verrauschtsei. Es ist nämlich gar zu interessant und lehrreich, zusehen, wie sich die Leute, denen die Gottesverehrung zualtmodisch vorkommt, nun an den Menschen klammernund diesen vergöttern, um wieder einmal für kurzeZeit in Vegisteruug zu machen.

Der Ton der Festartikel, deren uns eine respektableReihe unter die Augen kam, war in dem bekanntenüberschwänglichen Stile gehalten. Wenn jemandnicht gerade besonders bewandert wäre auf dem Gebieteder Erziehungsgeschichte, er Hütte aus diesen Jubiläums-betrachtungen schließen müssen: vor Pestalozzi war aufdem Felde der Erziehung und des Unterrichtes überalltiefe Nacht und Finsterniß; dieser steckte der Mensch-heit das Licht auf, und seitdem ist in dieser Beziehungalles auf's Herrlichste bestellt. Das ist denn doch nichtbloß übertrieben und höchst unhistorisch, sondern geradezulächerlich. Vor einigen Jahren (1890), als manDiesterweg's 100. Geburtstag feierte, war dieserder Größte, der Vater der modernen Volksschule, derSchöpfer der neueren Pädagogik, obwohl nach demUrtheile kompetenter Leute! dessen Erziehungssystemsinnlos in sich selbst, unsittlich für den einzelnen Menschenund darum heillos für das gesammte Menschengeschlecht

ist; obwohl oder vielleicht auch weil? es desseneifrigstes Bestreben war, das Christenthum aus den Schulenzu entfernen. Und wenn einmal der alte Dittes in Wien seine Streitaxt für immer begraben muß, so wird man,dessen sind wir sicher, diesen als den Helden des Jahr-hunderts preisen. Ist das nicht sonderbar? Im höchstenGrade, aber es ist eben der Fluch derjenigen Weltan-schauung, die sich auf dem Flugsands der öffentlichenMeinung aufbauen will.

Wir sind nun durchaus nicht so einseitig undfanatisch, nur die Männer der eigenen Confession zuschützen, wie man im jenseitigen Lager vielleicht glaubenmachen möchte und dabei stets selbst diesem Fehler an-heimfällt. O nein; auch wir wissen Pestalozzi in seinerganzen Bedeutung zu schätzen; aber wir wollen die Sachenehmen, wie sie liegt, da uns die geschichtliche Wahr-heit über alles geht. Alle und auch wir, die wir unsschon oft mit Pestalozzi beschäftigt haben, müssen denselbenbewundern ob seiner Anspruchslosigkeit und Bescheiden-heit, seines Fleißes und seiner Demuth; auch wir re-spektiren die Tiefe seines Geistes, die Reinheit seinesWillens und die Stärke seiner Liebe. Und was spezielldie Schule, resp. die Methode des Unterrichtes betrifft,so wissen auch wir es in vollem Maße zu schätzen, dieAnschauung als das Grundprincip alles Unterrichtesbezeichnet zu haben.

Aber, so müssen wir denn doch fragen, sind jeneTugenden so rar, so selten anzutreffen, daß man ausdenselben nun bei Pestalozzi ein solches Wesenmachen muß?

Wir wollen nicht etwa reden von den tausend Mis-sionären, die mindestens so viel gethan haben und nochthun, oder ähnlichen Glaubenshelden. Nein, so weitwollen wir gar nicht schweifen. Wir möchten auf demengern Erziehungsgebiete bleiben und nur auf einenhinweisen, auf Don Bosco. Den kennt freilich dieliberale Presse nicht, weil er eine Blüthe aus katholischemGarten ist. Wir wollen derselben verrathen, daß unsdas Wirken dieses schlichten Italieners denn doch nochmehr imponirt, als das Pestalozzi's. Vielleicht ist dieserkurze Hinweis im Stande, daß unsere Gegner sich aucheinmal diesen Helden mit vorurtheilsfreien Blicken an-schauen. Don Bosco baute auf den unerschütterlichenFels des christlichen Glaubens; daher seine staunen-erregenden Erziehungsresultate; daher die Thatsache, daßer sich nicht so oft enttäuscht sah, wie der gute Schweizer .Am Ende interessirt man sichdrüben" auch einmal fürdas Urtheil eines Mannes, der wohl kein eigentlicherPädagoge war, dem aber niemand Uukenntniß oderParteilichkeit zum Vorwürfe machen wird. Der Pro-testant und Schriftsteller Wolfgang Menzel sagt inseiner Selbstbiographie von Pestalozzi, den auch erbesuchte:

Der edle Mensch wurde hier von einer falschenund übertriebenen Vorstellung, die er sich von einerMenschheitsreform durch Erziehung gemacht hatte, unddurch den Egoismus seiner Schüler in offenbare Thor-heit, Schmach und Unglück fortgerissen. Als er späterbankerott wurde, hat er noch die Irrthümer seinesLebens eingesehen und offen bekannt, insbesondere aberden Irrthum, daß er in seinem Erziehungssysteme nichtgenug auf die Religion geachtet habe. Dieseseine letzte Beichte macht ihm die größte Ehre." (Denk-würdigkeiten", x. 167.)

Uebrigens gibt man gegnerischerfeits ja zum Theil