Ausgabe 
(24.1.1896) 4
 
Einzelbild herunterladen

L7

selbst zu, baß Pestalozzi so Manches abging, wasMan an einer bedeutenden Persönlichkeit nicht vermissenmöchte. Es ist doch, um nur eines Zu erwähnen, nichtgerade eine Empfehlung, wenn jemand zuerst Theolog,dann Jurist, hierauf Nationalökonom und zuletzt Pädagogwerden will. Von einem solchen Manne muß man dochsagen, daß es in seinem Kopfe nicht ganz klar aussehendürfte. Kein Wunder denn auch, daß sich bei ihm Ent-täuschung an Enttäuschung reihte.

Was das eigentliche Unter nichts gebiet anbelangt,so hat Pestalozzi, wie schon gesagt, die Anschauung mitRecht als das Fundament eines vernünftigen Unterrichtesbetont. Aber werden das nicht vor ihm viele andere stillin xraxi geübt haben? Und ist man seitdem nicht insandere Extrem verfallen, dem auch schon sein Meisternicht zu entgehen vermochte: hatte jene didaktische Pro-klamation nicht so viele Uebertreibungen zur Folge, vordenen die pädagogische Presse heute wieder warnen Zumüssen glaubt?

Um es zum Schluß kurz zusammenzufassen: Pestalozziverdient mit Recht die Achtung jedes Mannes; anseinem Beispiele werden sich viele erwärmen können, diees mit Kindern zu thun haben. Aber es gibt so vieleandere Persönlichkeiten, die nach der wirklich idealenSeite dem edlen Schweizer ähnlich, ja völlig gleich sind,ohne jedoch mit seinen vielen Fehlern behaftet zu sein.

Ein Künstler ans dem Chiemgan.

Von Christ. Scherm.

Unter den bayerischen Gebieten war der Chiemganvon den Verwüstungen des dreißigjährigen Krieges ver-schont geblieben, denn die Wogen des Kampfes warennur bis an den Jnn gebrandet. Aber die vielen zurFührung der großen Sache nothwendigen Contribuiionenund mehr noch die im Gefolge des Krieges auftretendePestilenz hatten auch diesem Landstrich seinen Antheil andem Jammer der Zeit zugemessen. Nach rühm- undehrenvoll ausgefochtenem Streite richtete der Große Kur-fürst sein Land zur alten Kraft empor, und im Glückedes Friedens schloß er das väterliche Auge.

In diese Zeit führt uns die Betrachtung einesKünstlerlebens, das, im Chiemgau begonnen, mit derHeimath durch die Bande des BlnteS und werkthäiigerLiebe verbunden blieb und hier den Segen dankbarerErinnerung genießt. Die Schulkinder des FilialdorfesKammer der Pfarrei Otting kennen alle den Künstler,denn sein Bild als das des Stifters der Schule ziertdas Klassenzimmer. Balthasar Permoser * *) lebt imGedächtnisse der Gaugenossen als ein Meister in mehrerenKünsten und Fertigkeiten. Ihnen ist er nicht bloß dergroße Bildhauer, der er war, sondern auch Maler, undsein Oelbild in Kammer wird hier seiner Hand zuge-schrieben. Die Lnndleute halten ihn für den Fertigereiner sinnreich einfach hergestellten Uhr in einem Bauern-hause von Fritzenweng. Einzelne kleine Elfenbein-schnitzereien im Privatbesitz, die als Pcrmoser gelten,deuten auf die steten Beziehungen, die den Künstler mitElternhaus und Heimathgau verbunden hielten. Wenigeraber als Bild und Name sind die Umstünde seines

') Vergl. den Aussah über P. vcn Gallcricinspcktor Gast.Müller im Dresdener Anzeiger 1885, Nr. 145, in erweiterter^onn abgedruckt. inVergessene und bcilbverqesseue DresdenerKünstler des vorigen Jahrhunderts" von Gustav Otto Müller,Inspektor der Kgl. Gemäldcgallcrie. Dresden , Wilhelm Hofs-mann. 1895.

Lebens und Wirkens in feiner Heimath bekannt. SeinenLandsleuten im Chiemgan sei also dieser Lebensabrißvor allen gewidmet.

Im August des Jahres 1651 wurdein demChurbayerischen Dorf Kammer, Gerichts Trauenstein,dem Ehrbaren Christian Permoßer, Nenmayerbauern all-dort, und Anna, dessen cheweib", ein Knabe geboren, deram 13. des genannten Monats,") wahrscheinlich noch anseinem Geburtstage,von dem Wohlehrwürdigen HerrnJohann Voller, damaligen Cooperatorn zu Otting undCammer Christ-cathol. Gebrauch nach getauffet und vondem Ehrsamen Balthasar Mur, Bauersmann zu Alterfingaus dem hl. Tauff gehoben wurde." ^)

Balthasar Murr, dessen Nachkommen noch heute inAlterfing wohnen, hat wohl nicht geträumt, daß diesesPathenkind einst alsBill Ehrngeachter und KunstreicherHerr" in die Paläste reicher, mächtiger Fürsten berufenwerden sollte. Aber das Bauernbüblein offenbarte schonfrühzeitig sein Talent. Von Giotto . dem Vater deritalienischen Malerei, wird die anmuihige Geschichte er-zählt, daß er als Hirtenknabe den Künstler in sich ge-funden und das Glück gehabt habe, von Meister Cimabusin dem Augenblick überrascht zu werden, da er eben seineSchäflein und die Landschaft mit Kohle auf einen Steinoder, nach einer anderen Fassung, in Sand gezeichnethatte. Aehnliches berichtet die Tradition von zwei bayer-ischen Künstlern: von Balthasar Permoser und von demetwas später lebenden Haidhauser Simon Träger. WährendBalthasar angesichts der blauen Berge und des silbernenSees auf der herbstlichen Weide die Kühe des Vatershütete, vertrieb er sich die Zeit damit, daß erauf seineHirtenstäbe oder in anderes schlechtes Holz Köpfe, Thiereund sonstige Figuren schnitzte". Dieses Talent zur Plastikwar so augenscheinlich, daß sein Vater ihm bei dem Dorf-genossen und Handwerksmaler Gnckcnbieler**) (Guggen-bichler) das Zeichnen lernen ließ und ihn dann um dasJahr 1663 in die nüchstgelegcne Kunststadt, nach Salz-burg , zn Bildhauer Weißenkirchner°) (oder Weißkirchner)in die Lehre gab. Lesen und Schreiben hatte der Jüng-ling, wenigstens nach dem Zeugnisse des Malers FranzChristoph Jcmncck in Wien/ ) nicht gelernt. Bei Weißen-kirchner, der auf dem Erics in Salzburg wohnte, ver-brachte Permoser seine Lehr- und wahrscheinlich einenTheil der Gesellenzeit. Von seiner Geschicklichkeit zeugtenunter anderen zwei Heiligenstatnen in der Frcmzis-

2) »13. .-tuAiist 1651 baptmavlt lloaunss Lol i Laltlnw-sarum ül. IsA. (llrristiani Xuinavr st Lnnas uxoris. 8ns-osptor knit. Lalttzassar ölnr äs ^.ItorüuZ.- Aus dcn Ma-trikeln mitgetheilt vom gcgcnw. Koopcrator in Otting n. Kam-mer Hrn. Gottsr. Zicgler. Hiernach sind die irrthümlicben An-gaben bei Müller 1. o, und in der Grabinschrift zu berichtigen.Vergl. die Inschrift an der Apollostatne im Albcrtinnm.

°) Tanfzcugniß des Pfarrers Johann Georg Nnggenthalcrvon Otting vom 4. April 1769, in derNeuen Bibtiotbek derschönen Wissenschaften und der freyen Künste" IX. Bd. S. 218.Dyck, Leipzig 1769.

*)Magazin der Sächsischen Geschichte" I. Theil, DreSden 1784. S. 149.

Nach gütiger Mittheilung des H*«. Direktors Dr. Pctterin Salzburg war dies Wolsgang Weißenkirchner, der käwn 187?zugleich mit seinem Vater, dem Maler und Weinzaslgeber aufder Gstötten Wilhelm Weitzenkircbncr (und seinem jüngerenBruder Vincciiz), das Bürgerrecht erhalten hatte. Woli'sWohnhaus auf dem Erics trägt jetzt die Nr. 31. Sein SolmBildhauer Mathias Wilhelm Wcitzenkirchner hcirathete 1707und starb 1727.

Drüse von und an Christian Ludwig von Hagedorn ,herausgegeben von Torkel Baden, Leipzig , Weidmann 1797.S. 210/11.