Ausgabe 
(24.1.1896) 4
 
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Nach den bisherigen Feststellungen derfliegendeSaturn". Zum Andenken an den großen Brand inAltdresden 1685 ließ der Erbauer eines Hauses amEingang der Augustusbrücke von Permoser aus ausge-kragten Quadern an der scharfen Ecke einen geflügeltenSaturn meißeln, von schönen, dem Raum angepaßtenVerhältnissen, in doppelter Mannesgröße weit aus derHausfront hervorragend und vom ersten Obergeschoß biszum Dachrand reichend. Der Gott der Zeit hielt in derRechten die Sanduhr hoch über sein bärtiges, langlockiges,oben aber kahles Haupt, und in der Linken, wett weg-gestreckt, die Sense, deren Schneide über seinem eigenenNacken stand. Um die Lenden und Schenkel der sonstnackten Figur schlang sich fliegendes Gewand. DasBild wurde 1788, 1830/31 und 1870 restaurirt. Eswar ein vielbesprochenes Dresdener Wahrzeichen undwurde vom Volk der Tod genannt und mit allerleiSagen umwoben. An dem Saturnhause soll das Feuer,das damals in wenigen Stunden fast ganz Altdresden(die jetzige Neustadt) zerstörte, still gestanden und deß-halb das Bild angebracht worden sein. Das Hauswurde nach dem Bildedie Zeit" genannt und wich imJahre 1874 dem Hotel Kaiserhof. Der Saturn ver-schwand unter einem verschlagenen Bogen der Elbbrücke,wo die Bruchstücke noch achtlos umherliegen;*^) Kopf undSense sollen in Privatbesitz gekommen sein.

Bei seinem Herrn stand der Künstler in hoherGunst. Der König-Churfürst ließ ihm im alten Reit-haüse am Zwinger eine Werkstätte anweisen und ertheilteihm manch ehrenvollen Auftrag. So sandte er ihn 1717mit seinem Schüler und Gehilfen Paul Egell nach Salz-burg , um Marmor zur Ausschmückung einiger Zimmerim Schlosse auszusuchen. Graf Flemming versah ihn zudieser Reise mit einem Empfehlungsbrief an FürstbischofFranz Anton von Harrach . Ein Jahr später hatte erfür die Königliche Loge und für das Proscenium desneuen Opernhauses (1849 von den Insurgenten ver-brannt) 6 Statuen und 2 Hermen zu fertigen, wozuer sich zwei Tannen aus dem Tharandter Walde aus-wählte.^) Bereits in das Jahr 1707 fällt dievonSr. KLiügl. Majestät in Pohlen und Churfürst!. Durch-laucht zu Sachsen nilergnädigst verordnete Arbeit einesgroßen Pferdes, wozu er sich im Moritzburger Waldeeine starke Eiche, zwei mittelmäßige Buchen und eine Lindeaussuchte.'")

Für Paläste und Gürten fertigte der Künstler einegroße Zahl von Statuen. So arbeitete er 1715 und1716 aus sächsischem Marmor die Figuren der Venus,des Apollo und der Minerva für die Nischen desGrottensaals im Zwingerpavillon (jetzt mineralogischesMuseum). Apollo und Minerva standen bis vor kurzeman ihrer alten Stelle (durch Draperien verdeckt), sindaber jetzt auf der Treppe zum Lichthof des AlbertinumS .Venus ist von ihrem mit vier Delphinen geschmücktenPostament*") verschwunden. Die Apollostatue trägt die

*°) Briefl. Mittbeilung des Herrn Moritz Lauster. Ab-bildung des Hauses und des Saturn in derFestschrift desHauses Canzlcr" (Hotel Kaiserhos), Dresden 1895.

Die vier Sklaven im großen Opcrnbanse, welche dieKöniglichen Logen irngen, waren, obwohl nur von Hol?, all-gemein ^meisterhaft gemacht. Solche sind bei der von Bibiena 1755 vorgenommenen Veränderung dieses Opernhausesweggenommen und verloren worden." Nachrichten vonKünstlern lind Kunst-Sachen 1763. S. 69 n. 70. M.mazin derSächsischen Geschichte. Erster Theil 1784. S. 148. '

") G. Müller, i. o. S. 14, 10.

*°) Bergl. übrigens Müller I. o. S. 11.

Inschrift: Istst. FvF. Kövi§ in kolk. unä Osturk. 2 uLuvst, stach auo äsn stissiZsu stanäwarinor vsrlsrtiASiilasssu äursst Laltstasar ksrwossv von 8a!?pur§.dats Zsmaestt ostns hlustsr in ssinsn 64igschon äastr1715. Unter dem Minervabilde steht: L. ?. stats §s-masstt In ssiirsn 65i§8ch6n äastr 1716. Ein anderesWerk Permosers krönt den Mittelpavillou des Zwingers:der die Himmelskugel tragende Hercules.Gesicht und Körpermuskeln zeigen die Schwere der Last,die durch Unterschieben der Keule zwischen Kugel undSchulter weniger drückend empfunden werden soll. Aufder Unterlagplatte dieses Hercules steht des MeistersMonogramm: L. ?.") Gustav Müller hält auch dieNischenfiguren des Zwingerthorthurms: Ceres, Pomona,Bacchus und Vulcan für Permoser'sche Arbeiten,weil sie mit den Elfenbeinfigürchen des Künstlers imBraunschweiger Museum große Ähnlichkeit zeigen,*")ferner den Tambourinschläger im Garten einer Villa derEmser Allee in Blasewitz.") Auf Entwürfe von Per-moser führt G. Müller vier Satyrnkaryatiden an denvier Rundgalerien des Zwingers zurück, die im 7jährigenKriege von preußischen Schildwachen muthwillig zerstörtwurden?") (Fortsetzung folgt.)

Die Gründer des Hauses Bourbon-France .

Von Charles Satnt Paul.

(Fortsetzung.)

II.

Ludwig I. der Große.

Dieser Fürst erhielt seinen Beinamender Große*theils mit Rücksicht auf die bedeutenden Leistungen, durchwelche er sich im Staatsleben, von den Königen mit denwichtigsten und schwierigsten Missionen betraut, auszeich-nete. wie auch in Folge der ihm verliehenen hohenWürden und der Vermehrung seines Besitzes, welche derAusdruck des königlichen Dankes waren und das HansBourbon zu der bedeutendsten Stellung im französischen Reiche erhoben. Ehe wir auf letztere näher eingehen,wollen wir kurz die seiner Erhebung vorhergehenden bio-graphischen Daten von Wichtigkeit in Betracht ziehen?*)Nachdem er im Alter von 17 Jahren (1297) vom KönigPhilipp dem Schönen zu Cowpisgne in Gegenwart der Groß-vasallen und des Hofes vor Beginn des Feldzuges gegenGuy de Dampierre , den Grafen von Flandern und vonNamur, zum Ritter geschlagen worden war, zeichnete ersich in der diesem Gegner gelieferten Schlacht von Furnes aus und trat auch in der später folgenden, für die Fran-zosen so unglücklichen Schlacht von Courtray (am 11. Juli1302) durch seine große Geistesgegenwart und Festigkeithervor, mit welcher er, den Nachtrab befehligend, die Nesteder Urmee sammelte und für einen geordneten Rückzugsorgte. In dem zwei Jahre später gegen Flandern ge-lieferten Treffen von Mous-en-Puelle (13. August 1304)bewahrte er den König vor der Gefangenschaft. Die

'*) Aus d. Thorpavillon gegenüber stand bis zum Brandvon 1849 ein Atlas mit kupstrner Himinelökugel. Diesen stellteman beim Wiederaufbau nicht wieder her, sondern meißelteeinen zweiten Herkules, nachdem man den Permoser'schcn znmMuster in GyvS abgeformt hatte. Dieser Ehpsabgnß stehtjetzt im Albertimun.

Müller I. e. S. 11.iciüm S. 44.

,> iclow S. 88.

! 2 )) Die Biographie dieses Fürsten in -Lllior, ^neien

i Lonrbannai8 I, 437-473- ist zu berichtigen durch fta Zlurs,> Tom. II. (die Notizen des Grasen von Eoultrait) xa§. 1632.