Ausgabe 
(31.1.1896) 5
 
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stellt einen kahl geschorenen Türken vor. Bis 1839 standdieses Werk im Parke des Rittergutes Oberlichienau beiPulsnitz und wurde dann vom Besitzer dem Staate ge-schenkt und imGroßen Garten " bei Pavillon R auf-gestellt. Eine weitere Kopie deS Denkmals in Elfen-bein befand sich mit einer Büste aus grauem Marmor:Die Verzweiflung", im vorigen Jahrhundert inZemisch's Kunstkabinet in Leipzig. ^)

Das größte Monnmsntalwerk Permofers steht jetztim Dome zu Freiberg in Sachsen: das früher in Lichlen-burg bei Prettin befindliche Grabmal zweier Fürst-innen: der Wittwe des Kurfürsten Johann Georg III.,Anna Sophia, Prinzessin von Dänemark, Mutter Augusts II. ,und ihrer Schwester Wilhelmine Ernestine , Wittwe desKurfürsten Karl von der Pfalz , die 1706 starb und 1811,nach Transferirung des Denkmals, hier beigesetzt wurde.Die Schwestern ließen sich ihr Grabmal noch bei Leb-zeiten in der Schloßkapelle zu Lichtenburg aufrichten.Neben der Thüre der offenen, die zwei Särge bergendenGrabkammer steht links Charitas, rechts Abundantia.Charitas trägt ein Kind auf dem Arm, ein anderes,weinendes, führt sie an der Hand. Abundantia, auf einFüllhorn gestützt, hält zwei Kronen. Auf dem Sims desThürstnrzes sitzendie Neue", ein heulendes altes Weib,unddie Religion" mit Kreuz, Kelch und Hostie. Ueberihnen wölbt sich ein Bogen, auf dem ein mit Schlangenumwundener Kindengcl den Süudenfall und ein zweitermit Buch und Tuba das Weltgericht bedeuten. Ein sichhöher spannender Bogen trägt als Schlußstein eine Krone,unter der ein Seraph und das Doppelwappen der Fürst-innen eingefügt sind, daneben Tod und Auferstehung,von zwei Putte» shmbolisirt. Unterhalb der Abundantiasteht in den Stein eingegraben: Lo.ltlia.snr Lerinosarvon 8 ult 2 pur§ links Zowrrolit in ckalir 1703 und 4?")

Ueber dem Grabe des Meisters auf dem katholischenAriedhof erhebt sich eine herrliche Gruppe aus seinerHand: die Kreuzabnahme (oder besser: Vorbereitungzur Abnahme) in weißem Sandstein mit fast lebens-großen Figuren (?/, Lebensgr.).") Das Antlitz des ver-schiedenen Erlösers ist zwar von dem entsetzlichen Schmerzedurchfurcht, doch ist ein süßer Friede darüber ausgebreitet,der mit allem Leid versöhnt.In der Auffassung deSGekreuzigten", sagt Paul Schumann ,fällt uns ein grau-samer Zug auf: die Arme sind derart gebogen, daß dieHände mit den innern Flüchen nach oben auf der Ober-fläche des Querbalkens liegen, und so sind sie angenagelt.Durch diese Anordnung wird der Oberkörper in gewalt-samer Weise ewporgepreßt, Brust- und Bauchmuskelntreten in scharfer, schmerzlicher Anspannung hervor. ImGegensatz zu dieser unser ganzes Innere erregenden Auf-fassung steht das Antlitz des edlen Dulders: er hat aus-gelitten; über den Schmerz in den Zügen hat sich einunendlich wohlthuender Friede gelagert, der jenes unbe-hagliche Gefühl sanft löst. Im Kopfe Christi hat Per-moser sicherlich etwas gegeben, das über die gemeinebarocke Auffassung hinausgeht. Der Gesichtsausdruck derlebenden Gestalten ist roher als der Christi." ZurRechten wird die in Ohnmacht sinkende Mutter Gottesvon dem aufwärts blickenden Joseph von Arimathia leicht

2 °) G. Müller I. o. S. 21 crwäbnt auch eine monumentale(lebensgroße) Marmorbüste des HcrzogS Anton Ulrich (1704biS 1714), die sich im Brannschwciger Museum befindet.

") G. Müller I. o. 19.

") Abbildung in Lützvw's Zeitschrift für bildende Knust.24. Bd. S. 187.

gestützt; zur Linken steht Johannes im Anblicke des ge-liebten Todten versunken, mit der Rechten daS Leichen-tuch um die Hüften des Erlösers emporschlingend; amFuße des Kreuzes, den Stamm umklammernd, knietMaria Magdnlena. Eine Leiter ist rückwärts an dasKreuz gelehnt.Die Gruppe ist geschickt und zwanglosangeordnet. Echt barock ist das malerisch gelegte Ge-wand, das den Hintergrund für den Gekreuzigten bildet:die Rückseite des rein malerisch gedachten Werkes bietetnichts als eine durch das Leichentuch und den Felsenhergestellte ziemlich gerade Fläche, auf der sich die Grab-inschrift befindet."")

Die Gruppe, die mit der Zeit sehr ruinös geworbenwar, wurde im Jahre 1888 auf Veranlassung derDresdener Kunstgenossenschaft durch den Professor derK. Kunstgewerbschule Bildhauer Hugo Spieler in Dresden ,unter Beihilfe des Steinbildhauers Schurig, in der glück-lichsten Weise restamirt. Se. Kgl. Hoheit Prinz-RegentLuitpold von Bayern, Kaiser Friedrich, Kaiser FranzJoseph , sowie König Albert von Sachsen spendeten nam-hafte Beitrüge zur Wiederherstellung des Denkmals. AmAllerheiligentage des Jahres 1888 schmückte bereits dasauferstandene Werk die Ruhestätte des Meisters.

Sein Grabmal ist nicht das einzige religiöse Werkdes Künstlers. Eine große Zahl Krnzifixbilder sind ausseiner Werkstätte hervorgegangen. Die Dresdener Elfen-beinausstellung (Oktober bis Dezember 1892) wies zweiMeisterwerke allerersten Ranges von Permoser auf. Daseine ist ein Kruzifix aus Elfenbein, das der St.Jakobsgemeinde zu Freiberg in Sachsen gehört.Es zeigt eine seltene Milde in der Auffassung, ver-bunden mit staunenswerther Beherrschung der mensch-lichen Formen und natürlich auch der technischen Be-handlung."")Der Kopf ist meisterhaft im Ausdruck, derHaarwurf geradezu unübertrefflich."") Das andere isteine Elfenbeingruppe von größerem Umfange imBesitz der Nathsbibliothek in Leipzig (Vor-stand: Dr. Gustav Wustmann ). Der gekreuzigte Heilandist von einem mächtigen Strahlennimbus (vergoldete Bronze)und von Engelsköpfchen umgeben. Das braune Holzkreuzsteht auf einer Kugel aus glänzend polirtem Kupfer, undhier sind die Paradicscsschlange, Tod und Teufel undReue(?) (ein nacktes Weib mit Scorpion) sowie Kinder-gruppen zur Personifikation der Wollust und der Hoffartangebracht: alle Figuren von packendem Ausdruck undvirtuoser Technik in Elfenbein geschnitzt.")

Einvortreffliches Bild" war die um das Jahr1725 dem Sohne seines Lehrmeisters Weißenkirchner ge-schenkte, ungefähr 5 Schuh hohe Statue des gegeißeltenHeilandes an der Martersäule,")von fleisch-farbenem und roth gesprenktem Untersperger Marmor sokünstlich verfertigt, daß es das feinste Auge tauschet,"oder wie die Quelle dieses Urtheils vorsichtiger sagt:daßes fast das schärfste Auge tauscht."")

Aufsah von vr. Paul Schumann in Dresden inLützvw'S Zeitschrift für bildende Kunst. 24. Bd., 1889, S. 187.Herrn vr. Schumann ist Verfasser vorliegenden Aussatzes fürseine bricfl. Mittheilungen und Ueberscndung des DresdenerAnzeigers Jahrg. 1885 sehr verpflichtet.

") Aufsatz von Karl Berling in der ZeitschriftVom Felszum Meer" 1893, S. 490. mit Abbildung des Kruzifixes.

") Müller l. v. S. 20.

") Genaue Beschreibung der Gruppe bei Müller I. o.S. 20 n. 21.

o°) Müller I. o. S. 13 meint, P. habe das Bild bei seinemletzten Besuch in Salzburg 1725 gefertigt.

") F. I. Lipvwöky, Bayerisches Küiistlerlcxikon 1810,